Historische Persönlichkeiten

  • Manche haben es vielleicht mitbekommen: seit einiger Zeit biete ich hier Forumpartien zu Turing Machine an. Irgendwann habe ich damit begonnen, die einzelnen Partien nach historischen Persönlichkeiten zu benennen. Während den Partien habe ich dann nach und nach Hintergrundinfos zu den Persönlichkeiten genannt.

    Ich gehe davon aus, dass diese Infos nur die Mitspieler verfolgt haben. Möglicherweise haben aber noch mehr Leute hier Interesse an diesen Hintergrundinfos. Aus diesem Grund habe ich diesen gesonderten Thread hierzu eröffnet.

    Bislang habe ich zu folgenden Persönlichkeiten Hintergrundinfos erstellt:

    Archimedes

    Johann Sebastian Bach

    Gaius Julius Cäsar

    Charles Darwin

    Albert Einstein

    Jakob Fugger (der Reiche)

    Johannes Gutenberg

    Alexander von Humboldt

    Thomas Jefferson

    Johannes Kepler

    Martin Luther

    Michelangelo

    Napoleon Bonaparte

    Otto der Große

    Louis Pasteur

    Qin Shi Huangdi

    Ramses der Große

    Friedrich Schiller

    Nikola Tesla

    (weitere Persönlichkeiten folgen)

    Ich werde den Thread regelmäßig aktualisieren: jedesmal wenn ich zukünftige Partien zu Turing Machine beendet habe, werde ich die Infos zu den Partienamen hier eintragen.

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Lach-Smiley ^^ als Reaktionstyp wieder möglich sein soll. :)

    17 Mal editiert, zuletzt von Capote (8. Juli 2026 um 19:10)

  • Archimedes

    Archimedes gilt als einer der klügsten Köpfe der Antike. Er war ein griechischer Mathematiker, Physiker und Ingenieur und lebte 287 (vermutlich) bis 212 v. Chr.

    In der Mathematik bewies er unter anderem, dass das Verhältnis des Umfangs eines Kreises zu seinem Durchmesser das selbe ist (nämlich Pi), wie das Verhältnis der Fläche des Kreises zum Quadrat seines Radius. Er gab auch eine Anleitung, wie man sich diesem Verhältnis bis zu einer beliebig hohen Genauigkeit nähern kann, vermutlich das älteste numerische Verfahren der Geschichte.

    Am bekanntesten von ihm ist das Prinzip, das nach ihm benannt wurde: das Archimedische Prinzip. Das Archimedische Prinzip besagt, dass der Auftrieb eines Körpers in einem Medium (z.B. Wasser) genauso groß ist wie die Gewichtskraft des vom Körper verdrängten Mediums.

    Eine Konsequenz des Archimedischen Prinzip ist, dass Gegenstände mit einer geringeren Dichte als Wasser an der Oberfläche schwimmen (weil das Gewicht dieser Gegenstände geringer ist als das Gewicht des verdrängten Wassers), oder dass mit Helium (oder Wasserstoff oder wärmere Luft) gefüllte Ballone nach oben steigen. Ein Schiff schwimmt also genau dann, wenn die durchschnittliche Dichte des Schiffes geringer ist als die Dichte des Wassers.

    Einer Legende nach entdeckte er dieses Prinzip beim Baden, als er erkannte, dass beim Einsteigen in die randvoll gefüllte Badewanne die Wassermenge überlief, die seinem Körpervolumen entsprach. Er soll nach dieser Erkenntnis nackt auf die Straße gerannt sein mit dem Ausruf „Heureka!“ (deutsch: „Ich habe es entdeckt!“).


    -----


    Eine weitere Konsequenz des Archimedischen Prinzips ist, dass zwei gleich schwere Gegenstände, aber mit unterschiedlicher Dichte (d.h. mit unterschiedlichem Volumen) eine unterschiedliche Menge an Wasser verdrängen.

    Einer Legende nach bekam Archimedes von einem Herrscher den Auftrag, eine seiner Kronen zu überprüfen, ob die Krone aus purem Gold besteht, oder mit billigem Material gestreckt ist. Dabei durfte die Krone jedoch nicht beschädigt werden.

    Er nahm dazu einen Goldklumpen, der gleich viel wog wie die zu überprüfende Krone.

    Er tauchte dann die Krone und den Goldklumpen in zwei unterschiedliche mit Wasser gefüllte Töpfe.

    Die Krone verdrängte dabei mehr Wasser als der Goldklumpen.

    Die Schlussfolgerung: die Krone wurde mit einem anderen (leichterem) Material gestreckt.


    -----


    Archimedes war nicht nur Mathematiker und Physiker, sondern auch Ingenieur. Er konstruierte u.a. diverse Maschinen und Katapulte, die bei der Verteidigung von Syracus gegen die römische Belagerung im Zweiten Punischen Krieg erfolgreich eingesetzt wurden. Der römische Feldherr Marcellus soll irgendwann entnervt gesagt haben: "Wir sollten endlich damit aufhören, uns mit dem Mathematiker zu streiten."

    Archimedes starb 212 v. Chr. in Syracus. Nach dreijähriger Belagerung wurde Syracus schließlich 212 v. Chr. von den Römern erobert. Dabei wurde Archimedes von einem römischen Soldaten getötet, obwohl Marcellus die Anweisung gegeben hatte Archimedes nicht zu töten. Einer Legende nach war Archimedes mit einem mathematischen Beweis beschäftigt. Er forderte den Soldaten auf, ihn dabei nicht zu stören, mit den Worten: „Störe meine Kreise nicht!“, worauf er vom Soldaten erschlagen wurde. Dumm gelaufen…


    -----

    Liste der Persönlichkeiten

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Lach-Smiley ^^ als Reaktionstyp wieder möglich sein soll. :)

    3 Mal editiert, zuletzt von Capote (26. Mai 2025 um 17:03)

  • Johann Sebastian Bach

    Johann Sebastian Bach (1685 - 1750) gilt für viele als der größte Komponist aller Zeiten. Dieser Meinung schließe ich mich an. Bach ist mein Lieblingskomponist unter den klassischen Komponisten. Mozart ist populär, Bach ist ergreifend. In der ZDF-Reihe "Unsere Besten - Die größten Deutschen" landete Bach in einer Umfrage auf den 6. Rang.



    Bach war nicht nur ein genialer Komponist, sondern auch einer der besten Organisten seiner Zeit und war auch als Orgelsachverständiger hoch geschätzt. Eigentlich war er ein Barock-Musiker, zählt aber als Wegbereiter trotzdem zu den klassischen Komponisten. Bach bezeichnete sich selbst als Kirchenmusiker. Und das war er letztlich auch. Die meisten seiner Kompositionen hat er für die Kirche gemacht.

    Seine bekanntesten Werke: Toccata und Fuge d-Moll, Brandenburgische Konzerte, Matthäus-Passion, Weihnachtsoratorium, h-Moll-Messe, Das Wohltemperierte Klavier. Aber auch viele Kirchenkantaten (über 200 sind davon erhalten) haben einen recht hohen Bekanntheitsgrad.

    Bach lebte den Großteil seines Lebens in Leipzig, und leitete dort u.a. den Thomanerchor. Seine früheren Jahre verbrachte er aber in mehreren thüringischen Städten (u.a. Weimar).

    Wer sich für sein Leben interessiert: Hier eine ZDF-Dokumentation


    -----


    Die Toccata und Fuge d-Moll ist wohl das mit Abstand bekannteste Stück von Bach und auch der gesamten europäischen Kunstmusik. Wer schon mal einen Gottesdienst besucht hat, dürfte dieses Orgelstück kennen. Aber auch Nicht-Kirchengänger sollten es bestimmt irgendwo mal gehört haben. Die dramatischen Orgelklänge zu Beginn sind das Markenzeichen des Stücks.

    Allerdings ist sich die Fachwelt nicht ganz einig, ob das Werk tatsächlich von Bach komponiert war, oder ob Bach es von jemand anderen übernommen hat. Das Hauptargument: das Stück passe nicht zu Bach. Konkrete Belege, dass es von jemanden anderen stammt, gibt es bislang aber nicht. Das lässt sich wohl auch nicht mehr klären.

    Toccata und Fuge d-Moll

    -----


    Die Brandenburgische Konzerte waren keine kirchlichen Werke. Bach erstellte diese Konzerte für Christian Ludwig von Brandenburg-Schwedt, den Bach während eines Berlin-Aufenthalts kennengelernt hatte. Davon stammte letztlich die Bezeichnung "Brandenburgische" Konzerte. Christian Ludwig war der jüngere Sohn vom Kurfürsten von Brandenburg Friedrich Wilhelm, der Urgroßvater vom späteren preußischen König Friedrich dem Großen.

    Insgesamt gibt es sechs Brandenburgische Konzerte. Ich war Schüler in einem Musikgymnasium, und wir hatten damals im Musik-Unterricht das 4. Brandenburgische Konzert durchgenommen. Dies war mein persönlicher Einstieg in Bach... Am besten gefällt mir aktuell das 3. Brandenburgische Konzert zur Zeit (ändert sich aber hin und wieder...) :

    3. Brandenburgische Konzert

    Wer übrigens Rondo Veneziano kennt (Anfang der 80er waren die äußerst erfolgreich), und Ähnlichkeiten zu den Brandenburgischen Konzerten entdeckt, könnte nicht ganz Unrecht haben...


    -----


    Das Wohltemperierte Klavier ist eines der bedeutendsten Werke der klassischen Musik. Es wird vermutet, dass es zum großen Teil während einer mehrwöchigen Haft von Bach entstand. Nach einem einem Streit mit dem Herzog von Weimar, lies ihn der Herzog kurzerhand einsperren.

    Mit "wohltemperiert" ist vermutlich "wohltemperierte Stimmung" gemeint. Das war die damalige Bezeichnung für eine neuartige Stimmung von Tasteninstrumenten, um das Spielen in allen Tonarten zu ermöglichen. Die Bezeichnung "Klavier" umfasste zu jener Zeit alle damaligen Tasteninstrumente, insbesondere Cembalo, Clavichord oder Orgel.

    Das Wohltemperierte Klavier besteht aus zwei Teilen, mit jeweils 24 Stücken - in allen 24 Dur- und Molltonarten.

    Das erste Stück aus dem ersten Teil gehört zu den bekanntesten und schönsten Stücke von Bach. Hier gespielt vom Pianisten Lang Lang:

    Lang Lang: Wohltemperiertes Klavier 1/1


    -----


    Von Bach sind vier Orchestersuiten erhalten. Einzelne Stücke aus diesen Suiten sind sehr bekannt.

    Air aus der 3. Suite zählt zu den schönsten Stücken von Bach:

    3. Orchestersuite: Air

    Die Badinerie aus der 2. Suite gehört zu meinen Lieblingsstücken von Bach: kurz, knackig und ein echter Ohrwurm:

    2. Orchestersuite: Badinerie


    -----


    Die h-Moll-Messe ist eines der bedeutendsten geistlichen Kompositionen. Sie besteht aus 18 Chorsätzen und 9 Arien. Die etwa zweistündige, anspruchsvolle Messe gehört heute zum Standard-Repertoire professioneller Chöre und wird von den großen Bachwerken weltweit am häufigsten aufgeführt. Das Manuskript von 1748/1749 gehört zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.

    Beispielhaft hier zwei Sätze dieser Messe:

    Gloria in excelsis Deo

    Sanctus - Osanna in excelsis


    -----


    Mit der Matthäus-Passion schuf Bach ein Meilensteinwerk der protestantischen Kirchenmusik. In Aufführungsdauer (je nach Aufführung bis zu drei Stunden) und Besetzung (Solisten, zwei Chöre, zwei Orchester) ist die Matthäus-Passion Bachs umfangreichstes Werk und übertrifft damit in ihren Dimensionen noch deutlich die h-Moll-Messe.

    Im Gegensatz zur heutigen Aufführungspraxis waren Bachs Passionen aber Bestandteil des Gottesdienstes und nicht als Konzertmusik gedacht. Inhaltlich geht es um das Leiden und Sterben von Jesus Christus auf der Grundlage des Evangeliums nach Matthäus.

    Die Wirkung von Bachs Matthäus-Passion ist monumental. Dadurch, dass Bach jeweils zwei Chöre und Orchester verwendet, ergeben sich immer wieder Dialoge zwischen den Gruppen. Überwältigend ist der groß dimensionierte Eröffnungschor.

    Hier eine fantastische Aufführung des Gesamtwerks


    -----


    Von den bekanntesten Werken von Bach darf natürlich das Weihnachtsoratorium nicht fehlen. Es besteht aus sechs Teilen, die sowohl unabhängig voneinander, als auch zusammenhängend aufgeführt werden können:


    Das Eröffnungsstück im ersten Teil dürfte vielleicht bekannt sein:

    Thomanerchor: Jauchzet frohlocket

    Hier eine Gesamtaufführung aller sechs Teile:

    Weihnachtsoratorium: Komplette Aufführung


    -----

    Liste der Persönlichkeiten

    ——-

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Lach-Smiley ^^ als Reaktionstyp wieder möglich sein soll. :)

    2 Mal editiert, zuletzt von Capote (26. Mai 2025 um 17:06)

  • Gaius Julius Cäsar

    Gaius Julius Cäsar (100 - 44 v. Chr.) stammte aus dem angesehenen altrömischen Patriziergeschlecht der Julier. Aufgrund seines großen politischen Talents durchlief er bereits in jungen Jahren die gesamte römische Ämterlaufbahn: Zunächst Quästor, dann Ädil, dann Pontifex Maximus und schließlich Prätor (im Zeitraum 69 - 61 v. Chr.). Diese Blitzkarriere war beeindruckend!

    Um vom Senat in das höchste Amt in der römischen Republik, dem Konsulat, gewählt zu werden, schloss er ein informelles Bündnis mit dem schwerreichen Crassus und dem erfolgreichen Militär Pompeius: das bekannte Triumvirat. Das Bündnis führte zum beabsichtigten Erfolg: Cäsar wurde 59 v. Chr. zum Konsul ernannt.

    Als Konsul verfolgte Cäsar dann skrupellos seine eigenen Interessen und die seiner beiden Bündnispartner. Er beging dabei zahlreiche Rechtsbrüche, und musste mit Anklagen im Senat rechnen, sobald er wieder Privatmann wäre. Solange er ein römisches Amt innehatte, genoss er aber Immunität.

    Im Anschluss seiner einjährigen Amtszeit als Konsul wurde er dann Prokonsul in (Süd-)Gallien. Um Macht und Reichtum auszubauen und seine Rechtsbrüche als Konsul vergessen zu machen, brauchte Cäsar einen großen Krieg außerhalb der Grenzen des Imperiums, den er bei den zerstrittenen Stämmen des freien Galliens fand. Innerhalb der Jahre 58 - 51 v. Chr. eroberte er ganz Gallien. Dabei ging er äußerst brutal vor. Hunderttausende von Galliern verloren ihr Leben, oder wurden versklavt.

    Cäsar wurde dem Senat inzwischen zu mächtig. Auch Pompeius fürchtete nun Cäsar. Das Bündnis mit Cäsar verlor für ihn an Nutzen. Crassus starb 53 v. Chr. auf einen Feldzug gegen die Parther. Nach Ablauf seiner Zeit als Prokonsul (49 v. Chr.), wurde Cäsar vom Senat aufgefordert, seine Legionen aufzulösen. Das jedoch wäre das Ende für Cäsar gewesen, er würde vor Gericht gestellt und wohl verurteilt werden. Er entschloss sich deshalb zum Staatsstreich. Das Überschreiten des Grenzflusses Rubikon (heute ein geflügeltes Wort) zusammen mit seinen Legionen war die offizielle Kriegserklärung: es war verboten ohne Zustimmung des Senats Militär nach Italien zu bringen. Dabei soll das bekannte Zitat von ihm "Alea iacta est" ("Der Würfel ist geworfen") gefallen sein.

    Es kam zu einem Bürgerkrieg zwischen den Legionen Cäsars und den Legionen Pompeius (49 - 45 v. Chr.). Obwohl Pompeius über eine doppelt so große Armee wie Cäsar verfügte, ging Cäsar mit seinen in Gallien kriegserfahrenen Legionen letztlich als Sieger hervor. Er unterwarf den Senat und lies sich zum Diktator auf Lebenszeit ernennen.

    Viele Senatoren wollten aber die Republik erhalten. Unter der Führung von Cassius und Brutus beschlossen ca. 60 Senatoren in einer geheimen Verschwörung Cäsar zu töten. Während einer Senatssitzung 44 v. Chr. wurde Cäsar dann mit 23 Dolchstichen unter Beteiligung aller Verschwörungs-Senatoren ermordet.


    -----


    Im Alter von 25 Jahren kam es auf einer Schiffsreise von Cäsar nach Griechenland zu einer bemerkenswerten Anekdote. Cäsar wurde dabei von Seeräubern entführt, die von seiner Familie ein Lösegeld forderten. Aber anstatt hilflos zu warten, bis er befreit wird, soll Cäsar die Piraten dazu angeregt haben, das Lösegeld für ihn zu erhöhen. Die bisher geforderte Summe sei eine Beleidigung für ihn! Kaum war Cäsar freigekauft, lies er die Piraten verfolgen, und eigenmächtig ans Kreuz nageln.

    Diese Begebenheit zeigte früh seine wesentlichen Charakterzüge: er war sehr selbstbewusst, er hatte die Fähigkeit in kritischen Situationen in die Offensive zu gehen, und er war skrupellos.


    -----


    Zu Cäsars Zeit gab es in der römischen Republik folgende wesentlichen Ämter:


    Alle Ämter wurden in der Regel vom Senat für ein Jahr gewählt (Ausnahme: Pontifex Maximus).

    Die Quästoren waren eine Art Finanzverwalter. Unter anderem waren sie mit der Verwaltung der Staatskasse betraut und der Eintreibung von Steuern und Pachten. Nach der Amtszeit wurden sie dann meist in den Senat aufgenommen, so auch bei Cäsar.

    Die Ädilen waren unter anderem zuständig für die Versorgung der Bevölkerung mit billigem oder gar kostenlosem Getreide. Ebenfalls waren sie für die Ausrichtung von Gladiatorenspiele verantwortlich. Diese Spiele mussten sie jedoch selbst finanzieren, erbrachten dafür aber die notwendige Popularität, um für höhere Ämter gewählt zu werden. Cäsar hatte sich in seiner Zeit als Ädil hoch verschuldet. Das war möglicherweise ein Mit-Motiv für seinen späteren Gallien-Krieg...

    Der Pontifex Maximus war das religiöse Oberhaupt bei den Römern. Dieses Amt wurde in der Regel auf Lebenszeit vergeben. Cäsar wurde 63 v. Chr. in dieses Amt gewählt. Ab Augustus hatten alle römischen Kaiser diese Funktion inne.

    Die Prätur war ein hohes juristisches Amt. Ein Prätor durfte Rechtsregeln aufstellen und Verfahrensvorschriften festlegen, allerdings führte er die Prozesse nicht selbst. Nach der Prätur konnte man als Proprätor eine Statthalterschaft (in der Regel aber ohne militärisches Kommando) in einer Provinz bekleiden. Cäsar war Proprätor in Spanien. Dies war das erste bedeutende Amt bei ihm.

    Das Konsulat war das höchste zivile und militärische Amt in der römischen Republik. Um eine Alleinherrschaft und Machtmissbrauch zu verhindern, war die Ausübung des Amtes auf ein Jahr begrenzt und gleichberechtigt auf zwei Konsuln aufgeteilt. Nach der Amtszeit wurde man in der Regel als Prokonsul Statthalter in einer Provinz, im Unterschied zu einem Proprätor aber mit militärischem Kommando. Cäsar war Prokonsul in Gallien.


    -----


    Cäsar hatte außergewöhnliche Fähigkeiten. Er war ein genialer Feldherr. Das zeigte er in vielen Schlachten. Er war aber auch ein exzellenter Politiker. Er war ein begnadeter Redner. Er konnte Netzwerke knüpfen. Und er beherrschte Propaganda. Jeder der in der Schule Latein-Unterricht hatte, kennt "De bello Gallico". Damit informierte Cäsar den Senat über das Geschehen im Gallier-Krieg. Und auch die römische Öffentlichkeit. Er stellte sich natürlich im besten Licht dar. Und die Gallier und Germanen als die Feinde, die es zu besiegen galt. Ziel seiner Aufzeichnungen war vor allem, die Notwendigkeit seines Feldzuges darzulegen und somit seinen Krieg zu rechtfertigen.

    Cäsar war auch der erste "Influencer" der Antike. Das Medium seiner Zeit: Münzen. Er war der erste römische Politiker, der Münzen mit seinem Portrait prägen lies. Dadurch wusste jeder im römischen Reich wie er aussieht, auch wenn sie ihn selber noch nie gesehen haben. Bis dahin waren auf römische Münzen Götter oder verstorbene Persönlichkeiten abgebildet

    Das Portrait auf dieser Münze wurde also zu Lebzeiten von Cäsar angefertigt. Ansonsten existiert nur noch ein Abbild von Cäsar, das noch zu seinen Lebzeiten angefertigt wurde:

    Spätere Portraits können also nur noch aus Erinnerungen an ihn entstanden sein, oder aus überlieferten Beschreibungen. Fotos gab es in der Antike noch nicht...

    Man sieht auf dem unteren Bild seine umkämmte Glatze. Darüber wurde in Überlieferungen auch gespottet.

    Auf beiden Bildern erkennt man seinen faltigen Hals.


    -----


    Weitere Infos zu Cäsar:

    • Neben "Alea iacta est" ist "Veni, vidi, vici" ("ich kam, ich sah, ich siegte") ein weiteres bekanntes Zitat von Cäsar. Dieser Satz fiel während des Bürgerkriegs nach einem Blitzsieg in der Schlacht bei Zela 46 v. Chr. .
    • Cäsar war Namensgeber für den Titel "Kaiser" (die lateinische Aussprache von "Cäsar"), den alle ihm nachfolgenden römischen Alleinherrscher verwendet haben. Der erste mit diesem Titel war "Kaiser" Augustus. Auch der Titel "Zar" leitete sich davon ab.
    • Cäsar verwendete für seine militärische Korrespondenz eine Verschlüsselung: Alle Buchstaben waren um 3 Buchstaben im Alphabet verschoben. Anstelle des Buchstaben "A" verwendete er also den Buchstaben "D". Diese (sehr einfache) Verschlüsselung wird deshalb Cäsar-Verschlüsselung genannt.
    • Cäsar führte den nach ihm benannten Julianischen Kalender ein: das Jahr mit 365 Tagen, und alle vier Jahre ein zusätzlicher Schalttag. Das war eine Umstellung des bis dahin gebräuchlichen (modifizierten) Mondkalender auf einen Sonnenkalender.
    • Der Monat Juli wurde nach ihm benannt: es war sein Geburtsmonat (der Monat August wurde später nach seinem Nachfolger Augustus benannt).


    -----


    Hier die genaueren Hintergründe zu Cäsars Ermordung.

    Nach seinem Sieg über Pompeius lies sich Cäsar zum Diktator ernennen. Dies war in der römischen Republik ein Amt das in Krisenzeiten vom Senat vergeben wurde, mit umfassenden Rechten ausgestattet, für einen begrenzten Zeitraum, normalerweise ein halbes Jahr. Cäsar lies sich aber zunächst für 10 Jahre zum Diktator ernennen, später dann lebenslang. Dies war für viele Senatoren ein Affront. Sie befürchteten durch die faktische Alleinherrschaft das Ende der römischen Republik. Der römische Senator Cassius initiierte deshalb eine Verschwörung: Cäsar sollte getötet werden!

    Das Problem für Cassius: Cäsar war im römischen Volk äußerst beliebt. Eine Ermordung hätte wohl zu einem Aufstand geführt. Sein Plan: er wollte die Öffentlichkeit überzeugen, dass Cäsar das Ende der Republik bedeutete. Wenn der Senat nun gemeinsam in aller Öffentlichkeit Cäsar tötete, dann hoffte er dass dies eine klare Botschaft ist, dass dies notwendig war, um die Republik zu retten.

    Cassius suchte deshalb im Senat zunächst nach Gleichgesinnten, die dieses Vorhaben unterstützten. Die Schwierigkeit: Cäsar hatte im Senat viele Günstlinge platziert. Einer der ersten, den er auf seine Seite bringen wollte war Brutus. Brutus war zwar der Sohn einer früheren Geliebten von Cäsar - er könnte also ein Sohn von Cäsar gewesen sein, das ist aber Spekulation. Brutus war aber vor allem ein Nachfahre von Lucius Iunius Brutus, der 500 Jahre zuvor den letzten tyrannischen König Roms gestürzt hatte, und die Republik ins Leben gerufen hatte. Cassius brauchte deshalb Brutus, um die Verschwörer-Gruppe nach innen und nach außen zu legitimieren. Viele Senatoren wollten nur unter der Bedingung an der Verschwörung teilnehmen, wenn auch Brutus die Verschwörung unterstützte. Brutus weigerte sich aber zunächst, er hatte Cäsar viel zu verdanken. Cassius schaffte es aber letztendlich Brutus zu überzeugen.

    Das bemerkenswerte: es gab keine Verräter unter den ca. 60 Verschwörern. Trotzdem sickerte die Planung wahrscheinlich durch. Es gibt Hinweise, dass Cäsar gewarnt wurde, an der Senatssitzung teilzunehmen, in der das Attentat geplant wurde. Falls das der Fall war, dann ignorierte er die Warnung. Er konnte sich offensichtlich nicht vorstellen, dass es zu so einer Tat kommen könnte. Jedenfalls verzichtete er auf eine Leibwache. Diese Selbstüberschätzung war dann der entscheidende Fehler von Cäsar.

    Allerdings ging der Plan der Verschwörer nicht auf. Sie hatten die Folgen der Tat falsch eingeschätzt. Cäsar hatte viele Anhänger, die die Tat rächen wollten. Es kam zu einem weiteren Bürgerkrieg. Keiner der Verschwörer überlebte die nächsten Jahre. Der spätere Anführer der Cäsar-Anhänger: der Großneffe und Adoptivsohn von Cäsar Octavian, der spätere Kaiser Augustus ("der Erhabene"). Das ist aber eine andere Geschichte...


    -----


    Und nun noch ein paar Anmerkungen zu Asterix. :)

    Jeder Asterixband beginnt mit "Wir befinden uns im Jahr 50 v. Chr.". Cäsar wird als Herrscher in Rom dargestelllt.

    Nun, im Jahr 50 v. Chr. war Cäsar noch als Prokonsul Statthalter in Gallien. Er hielt sich also in diesem Jahr wohl nicht (oder zumindest überwiegend nicht) in Rom auf. Auch war er da (noch) nicht Herrscher des römischen Reichs. Und in den Jahren ab 49 v. Chr. war er dann zunächst mit dem Bürgerkrieg beschäftigt. Zum Diktator wurde er erst nach seinem Sieg 46 v. Chr. ernannt. Auch Kleopatra lernte Cäsar erst 48 v. Chr. kennen.

    Also so ganz stimmte die in Asterix dargestellte Rolle von Cäsar offensichtlich nicht mit dem historischen Hintergrund überein... ;)

    Wenn es allerdings in Astrix "Wir befinden uns im Jahr 45 v. Chr." heißen würde, dann wäre Cäsars dargestellte Rolle aber ganz okay. :)


    -----

    Liste der Persönlichkeiten

    ——-

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Lach-Smiley ^^ als Reaktionstyp wieder möglich sein soll. :)

    Einmal editiert, zuletzt von Capote (26. Mai 2025 um 17:08)

  • Charles Darwin

    Charles Darwin (1809 - 1882) war ein britischer Naturforscher. Er hatte entscheidenden Anteil an der Entwicklung der Evolutionstheorie. In Großbritannien wurde er auf den 4. Platz der 100 Greatest Britons gewählt.

    Die wesentlichen Aussagen der Evolutionstheorie:

    • Arten unterliegen einem Wandel, sie verändern sich.
    • Verschiedene Arten gehen auf gemeinsame Vorfahren zurück.
    • Neue Arten entstehen vor allem durch natürliche Auslese: bei veränderten Lebensbedingungen setzen sich die am besten geeigneten Arten durch ("Survival of the fittest").

    Darwin hatte allerdings noch keine schlüssige Erklärung über die genauen Funktionsweisen und konkreten Auslöser von Veränderungen. Er kannte noch nicht die Mendelschen Vererbungsgesetze und auch nicht die Mutation von Genen. Diese Erkenntnisse gab es erst später.

    Eine fünfjährige Reise um die Welt schaffte dabei die Basis seiner Theorie (1831 - 1836). Auf dieser Reise sammelte er eine Unmenge von Exemplaren von Tieren, Pflanzen, geologischen und fossilen Funden, die er in regelmäßigen Abständen nach Hause schicken lies. Nach und nach entstanden bei ihm dabei Überlegungen, die später zu seiner Theorie führten. Nach seiner Heimkehr verbrachte er viele Jahre mit der Untersuchung dieser Exemplare und sammelte Belege für seine Theorie.

    Worüber Darwin z.B. nachdachte: Vergleicht man etwa die Hand eines Menschen mit der Flosse eines Wals, dann ist beides ähnlich gebaut. Beide Lebewesen besitzen Extremitäten, ein Herz, Nieren, Schädel, eine Wirbelsäule. Offensichtlich sind sie Modifikationen eines gemeinsamen Vorfahren. Seine Überlegung: mit der Zeit verändert sich eine Art durch natürliche Auslese, um unter neuen Bedingungen leben zu können. Dabei gehen nutzlos gewordene Merkmale zuweilen verloren.

    1837 entwarf er unter der Überschrift "I think" eine erste Skizze von der Entstehung der Arten durch Aufspaltung:

    Er zeichnete darin einen Prototypen vom Stammbaum des Lebens. Seine Theorie: ein Urahn, sich auseinander entwickelte Arten, Spezien die stehen bleiben, aussterben, und solche die sich immer weiter entwickeln.

    Darwin stellte fest, wie alles mit der Vergangenheit verbunden ist: Fossilien sind nicht nur Überreste ausgestorbener Tiere, sondern können auch die Vorfahren verwandelter heutiger Arten sein.

    Erst über 20 Jahre später, 1859, veröffentlichte Darwin sein entscheidendes Hauptwerk: "On the Origin of Species" ("Über die Entstehung von Arten"). Er schreibt darin auch über die Wichtigkeit der Gestalt der Erde, über seine sich ständig veränderte Oberfläche, durch Wasser abgetrennte Landteile und hohe Berge. All dies beeinflusse den Überlebenskampf von Flora und Fauna eines Gebietes. Am Ende sagt Darwin, dass man Gott nicht zu bemühen braucht, um zu erklären warum Tiere und Pflanzen in diesem oder jenem Teil der Erde vorkommen. Sie gelangen durch Wind dort hin, durch Meeresströmungen oder später sogar mit menschlicher Hilfe. In ihren neuen Lebensräumen wandeln sie sich durch natürliche Auslese zu neuen Arten.


    -----


    Ein Paradebeispiel für die Evolutionstheorie ist eine spezielle Finkenart, die Darwin auf den Galapagos-Inseln entdeckt hatte. Diese Finkenart gibt es nur auf diesen Inseln. Und zwar in mehreren verschiedenen eng verwandten Unterarten, die sich im Wesentlichen durch die Form und Größe ihrer Schnäbel unterscheiden:


    Darwin fragte sich: Kann es sein, das sich diese Finken aus einem gemeinsamen Vorfahren entwickelt haben? Dass sich die eine Finkenart, die es vom amerikanischen Festland auf das Galapagos-Archipels verschlagen hatte, in verschiedene Arten auseinander entwickelt hatten? Durch Anpassung auf die unterscheidlichen Lebensbedingungen auf diesen Inseln?

    Heute weiß man, dass es tatsächlich so war. Jede dieser Unterarten lebt auf einer anderen Insel, mit unterschiedlichen Lebensbedingungen für die Finken. Zum Beispiel leben auf einer Insel vor allem kleine Insekten. Die Finken auf dieser Insel haben lange und spitze Schnäbel. Auf einer anderen Insel gibt es Früchte und Samen als Nahrung für die Finken. Diese Finken haben zum Knacken große und runde Schnäbel. Die Finken haben sich also auf die jeweils unterschiedlichen Bedingungen angepasst. Und zwar über natürliche Selektion: Finken mit einer anderen Schnabelform als die für die jeweiligen Insel geeignete Form überlebten nicht, bzw. wurden von Finken mit einer geeigneteren Schnabelform verdrängt.

    Diese Gruppe der Galapagos-Finken werden heute Darwin-Finken, nach ihrem Entdecker Darwin benannt.

    Auf den Galapagos-Inseln entdeckte Darwin noch andere Tier- und Pflanzenarten, die es nirgendwo sonst gibt, z.B. die Galapagos-Riesenschildkröten oder die Galapagos-Landleguane.

     

    Der Grund liegt in der Abgeschiedenheit der Galapagos-Inseln: sie liegen ca. 1000 Kilometer von der Küste Südamerika entfernt. Dadurch konnte sich die Natur völlig ungestört und einzigartig entwickeln. Auch das ist wieder eine Bestätigung der Evolutionstheorie: diese speziellen Arten (Fachbezeichnung: endemische Arten) entwickelten sich auf diesen Inseln weiter und haben sich auf die besonderen Lebensbedingungen angepasst.

    Die Entdeckungen die Darwin auf den Galapagos-Inseln gemacht hat, spielten eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung seiner Theorie.


    -----


    Darwin studierte Theologie, bevor er das Angebot erhalten hat, als gebildeter Begleiter des Kapitäns an einer Weltumseglung teilzunehmen. Er war also durchaus gottesfürchtig und er war überzeugt vom Schöpfungsglaube. Allerdings beschäftigte er sich im Studium nebenher auch mit naturwissenschaftlichen Themen, wie auch bereits schon vor seinem Studium. Ursprünglich wollte er auf dieser Reise die Vielfalt der göttlichen Schöpfung kennenlernen und beschreiben. Nach seiner Heimkehr von der Reise rumorten bei ihm im Laufe der Zeit aber ketzerische Fragen: Waren seine Überlegungen über die Evolution, über die Veränderung und Weiterentwicklung des Lebens, nicht ein klarer Beweis gegen die christliche Vorstellung von der Unveränderlichkeit der Arten? Wo wäre da Platz für einen Schöpfergott? Diese Gedanken durfte Darwin in der damaligen Zeit, in der die englische Staatskirche in der Welt der Wissenschaft das Sagen hatte, niemanden mitteilen. Sein Ruf, den er sich inzwischen als anerkannter Wissenschaftler aufgebaut hatte, wäre ruiniert.

    Zu Darwin's Zeit war es unmöglich, in Oxford oder Camebridge zu studieren oder einen Abschluss zu machen, ohne Mitglied in der englischen Kirche zu sein. Alle damaligen Naturwissenschaftler von Rang und Namen waren zugleich Mitglieder der Staatskirche. Ein guter Wissenschaftler hatte auch guter ein Christ zu sein. An einen Kollegen (Joseph Hooker) dem er vertraute, und den er in seine Theorie eingeweiht hatte, schrieb er: "Die Theorie zu veröffentlichen, ist wie einen Mord zu gestehen. Sicher werden sie mich am liebsten lebendig kreuzigen." Genau aus diesem Grund lies sich Darwin sehr viel Zeit mit der Veröffentlichung seiner Theorie.

    Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich der Wind in Politik und Gesellschaft allerdings allmählich gedreht. Die industrielle Revolution war in vollem Gange. 1851 fand in London die erste Weltausstellung statt. Die Kirche verlor allmählich an Einfluss. Die Gelegenheit zur Veröffentlichung ketzerischer Gedanken war günstiger denn je. Inzwischen konnte Darwin seine Theorie auch mit einer Unzahl an Belegen untermauern. Dazu kam noch, dass er neben Joseph Hooker mit dem durchsetzungsstarken Thomas Huxley inzwischen einen weiteren Unterstützer hatte. Als er schließlich von einem jungen Kollegen (Alfred Wallace) erfahren hatte, dass dieser fast identische Überlegungen wie Darwin hatte, entschloss er sich schließlich seine Theorie in einem Buch zu veröffentlichen.


    -----


    Die Resonanz auf die Veröffentlichung der Evolutionstheorie war enorm. Während sie in Wissenschaftskreisen (entgegen der ursprünglichen Befürchtung Darwins) mehrheitlich auf Akzeptanz stieß, wurde Darwin in der Öffentlichkeit als Ketzer dargestellt. Die Öffentlichkeit stürzte sich vor allem auf die breit diskutierte Schlussfolgerung (die Darwin allerdings erst in einer späteren Veröffentlichung erörterte), dass der Mensch nach dieser Theorie vom Affen abstammt!

    Die entscheidende Kritik an der Theorie: demnach wäre der Mensch nicht das Werk Gottes!

    Auch heute noch spaltet die Evolutionstheorie die Menschen. Teile der Bevölkerung lehnen diese Theorie weiterhin ab. Vor allem in religiösen und kreationistischen Kreisen wird eine andere Argumentation propagiert, die u.a. durch die sozialen Medien Verbreitung findet. Es gibt Schätzungen, dass in Deutschland ca. 15% der Bevölkerung dieser Meinung anhängen. Und in den USA noch deutlich mehr.


    -----


    Einige Details zur Privatperson von Charles Darwin:

    • Darwin war ein sensibler und empfindsamer Mensch. Vor seinem Theologiestudium hatte er begonnen, Medizin zu studieren. Sein Vater und sein Großvater waren Ärzte. Im Rahmen dieses Studiums hatte er eine Operation eines Kindes miterlebt. Damals gab es noch keine wirksamen Schmerz- und Narkosemittel. Dieses Erlebnis fand er so grausam, dass er beschlossen hatte, dieses Studium nicht weiter fortzuführen. Dazu kam, dass er kein Blut sehen konnte.
    • Während der gesamten Schiffsreise litt er unter Seekrankheit.
    • Nach seiner Weltumseglung litt er viele Jahre unter Krankheiten. Es wird vermutet, dass diese Krankheiten zum Teil psychisch bedingt waren. Der große Zwiespalt zwischen seinen Überlegungen zur Evolutionstheorie und seinem christlichen Glauben, und dass er lange Zeit kaum jemand hatte, dem er seine Überlegungen anvertrauen konnte, hatte ihn schwer belastet. Nach der Veröffentlichung seiner Evolutionstheorie fiel eine große Anspannung von ihm ab. Danach ging es ihm wesentlich besser.
    • Schwer mitgenommen hat ihn der Tod seiner 10-jährigen Tochter Anne durch eine rätselhafte Krankheit. Er hatte alles versucht ihr Leben zu retten. Erfolglos. Dadurch verlor er endgültig seinen Glauben an Gott. Er konnte sich nicht vorstellen, dass dieser Gott so grausam sein könnte. Später bezeichnete er sich als Agnostiker.


    -----


    Zum Spiel "Darwin's Journey".

    Die Autoren Simone Luciani und Nestore Mangone haben sich offensichtlich intensiv mit Darwin beschäftigt. Das beginnt mit der Wahl der Galapagos-Inseln: die Entdeckungen auf den Galpagos-Inseln haben bei Darwin wesentlich zur Entwicklung der Evolutionstheorie beigetragen. Viele einzelne Details finden sich im Spiel wieder: Das Schiff "Beagle" mit dem Darwin gereist ist, die verschiedenen Inseln die er untersucht hatte, die einzigartigen Exemplare die man im Spiel einsammelt (u.a. Darwin-Finken, Galapagos-Riesenschildkröten, Galapagos-Landleguane,...), die Tagebücher in denen Darwin seine Entdeckungen und Gedanken dokumentiert hatte, die Korrespondenz die Darwin mit Wissenschaftskollegen geführt hatte, die Tatsache dass Darwin regelmäßig die gesammelten Exemplare nach England geschickt hatte, und schließlich der Entstehungsprozess der Evolutionstheorie durch die untersuchten Fundstücke. Das alles ist äußerst thematisch!

    Die liebevolle Gestaltung des Spiels unterstreicht das alles. Fast schon nebensächlich: das Spiel gefällt mir richtig gut! In meiner persönlichen Favoritenliste weit oben.


    -----

    Liste der Persönlichkeiten

    ——-

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Lach-Smiley ^^ als Reaktionstyp wieder möglich sein soll. :)

    Einmal editiert, zuletzt von Capote (26. Mai 2025 um 17:09)

  • Anzeige
  • Albert Einstein

    "Eine Leistung, wie sie in der Physik ihresgleichen sucht. Eine der wunderschönsten Theorien, die die Physik hat. Eine der Theorien, die am besten alle Tests bestanden hat. Eine Theorie, die uns heute wahnsinnig macht. Weil sie so einzigartig ist, dass sie sich mit keiner anderen Theorie kombinieren lässt. Was Albert Einstein vor über hundert Jahren geschafft hat, ist wirklich ein grandioses Signal an unser Universum, dass wir deutlich mehr können, als wir es momentan hinbringen. Einstein ist ein Leuchtturm in der menschlichen Geschichte. Ich ziehe meinen Hut vor der allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein."
    (Harald Lesch, Astrophysiker und Wissenschaftsjournalist)



    Albert Einstein (1879 - 1955) war ein Physiker, und gilt als einer der weltweit bekanntesten Wissenschaftler der Neuzeit. Er wurde 1999 durch die Fachzeitschrift "Physics World" zum bedeutendsten Physiker aller Zeiten gewählt. Ebenfalls 1999 wurde er vom Magazin "Time" zum Mann des Jahrhundert ernannt.

    Weltberühmt wurde Einstein vor allem durch die Relativitätstheorie. Zunächst veröffentlichte er die spezielle Relativitätstheorie (1905), zehn Jahre später dann die allgemeine Relativitätstheorie (1915).

    Die spezielle Relativitätstheorie (SRT) beschreibt den Einfluss von Geschwindigkeit auf die Zeit. Die Kern-Aussagen:

    • Die Lichtgeschwindigkeit c ist eine unveränderliche Naturkonstante (c = 299.792 km/s). Die Lichtgeschwindigkeit kann niemals überschritten werden.
    • "Bewegte Uhren gehen langsamer" (Zeitdilatation)
    • "Bewegte Objekte schrumpfen" (Längenkontraktion)
    • Die Masse bewegter Körper wächst mit der Geschwindigkeit (relativistische Massenzunahme)
    • Masse ist eine Energieform. Bei einer Umwandlung von Masse in Energie gilt: E = m * c2

    Vor allem der letzte Punkt hat eine enorme Bedeutung. E=m*c2 ist die bekannteste physikalische Formel. Die Umwandlung von Masse in Energie findet z.B. bei einer Kernfusion statt (z.B. in der Sonne), aber auch bei einer Kernspaltung. Letzteres findet Anwendung in Kernkraftwerken und (leider) bei Atombomben.

    Die allgemeine Relativitätstheorie (ART) beschreibt den Einfluss von Gravitation auf die Zeit. Die Kern-Aussagen:

    • Unter Einwirkung von Schwerkraft gehen Uhren langsamer.
    • Abstände schrumpfen unter Einwirkung von Schwerkraft.
    • Materie krümmt Raum und Zeit
    • Gravitation ist eine Folge der Raum-Zeit-Krümmung

    Vor allem die letzten beiden Aussagen waren revolutionär. Schwerkraft konnte damit erklärt werden: sie ist keine Kraft die von der Materie ausgeht, sondern eine Eigenschaft der gekrümmten Raum-Zeit. Planetenbahnen um die Sonne z.B. lassen sich damit erklären.

    Die Relativitätstheorie beschreibt also Dinge, die gänzlich im Gegensatz zu unseren Erfahrungen im Alltag stehen. Genau solche damals völlig neuartigen Dinge zu durchdenken machte Einstein zum Genie!


    -----


    Die Lichtgeschwindigkeit ist nach Einstein immer gleich. Und zwar für jeden Beobachter, und unabhängig von der Geschwindigkeit, mit der man unterwegs ist. Die Lichtgeschwindigkeit ist also für die Lampe im eigenem Wohnzimmer genauso groß, wie für eine Lampe in einem Flugzeug. Selbst wenn man in einem Raumschiff sitzt, das mit annähernd Lichtgeschwindigkeit unterwegs ist, ist die Lichtgeschwindigkeit an Bord des Raumschiffs unverändert. Da die maximale Geschwindigkeit die Lichtgeschwindigkeit ist, können sich die Geschwindigkeiten also nicht 1:1 addieren. Wie passt das zusammen? Einsteins logische Schlussfolgerung: Bewegte Uhren gehen langsamer!

    Das kann man sich z.B. mit folgender Überlegung klarmachen: Angenommen, auf der Erde schickt man einen Laserstrahl zum Mond, und lässt den Laserstrahl mittels eines Spiegels wieder auf die Erde zurückkehren. Der Laserstrahl ist mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs, und benötigt dafür etwas weniger als drei Sekunden, bis er wieder auf die Erde zurückkehrt.

    Angenommen, ein sehr schnelles Raumschiff passiert während dieses Experiments die Erde, und beobachtet das Experiment. Aus Sicht des Raumschiffs fliegt die Erde am Raumschiff vorbei. Der Laserstrahl macht dabei aus Sicht des Raumschiffs eine Zickzack-Bewegung.

    Aus Sicht des Raumschiffs legt der Laserstrahl also eine längere Strecke zurück (Bild 2), als aus Sicht eines Beobachters auf der Erde (Bild 1). Da aber auch für den Raumfahrer die Lichtgeschwindigkeit sich nicht ändert, dauert also die Reise des Laserstrahls für den Raumfahrer länger als für den Beobachter auf der Erde. Also der selbe Vorgang dauert für den Raumfahrer länger als für den Erdbeobachter. Logische Folge: die Uhr des Raumschiffs tickt langsamer (im Vergleich zu einer Uhr auf der Erde). Da der Raumfahrer aber ebenfalls langsamer tickt, kommt es für den Raumfahrer allerdings nicht langsamer vor.

    Das wurde übrigens in einem realen Experiment nachgewiesen. Hierzu wurde ein sehr schnelles Flugzeug mit einer Atomuhr ausgestattet. Diese Atomuhr wurde nach dem Ende des Fluges mit einer Atomuhr auf dem Boden verglichen (also mit einer ruhenden Uhr). Und tatsächlich: die Atomuhr im Flugzeug zeigte eine langsamere Zeit an als die ruhende Uhr. Zwar nur sehr minimal, im Nanosekundenbereich, aber eindeutig messbar.

    Einstein hatte auch eine Formel des Faktors für die Zeitverzögerung angegeben: Zeitfaktor = (1 - v2/c2) - 1/2
    Dieser Faktor hat auch einen Namen: Lorentzfaktor. Die Herleitung des Faktors ist keine höhere Mathematik, dahinter steckt der einfache Satz von Pythagoras (a2 + b2 = c2).

    Beispiele:

    • Ist man mit 10% der Lichtgeschwindigkeit unterwegs, dann beträgt der Faktor 1,005.
    • Ist man mit 90% der Lichtgeschwindigkeit unterwegs, dann beträgt der Faktor 2,294.
    • Ist man mit 99% der Lichtgeschwindigkeit unterwegs, dann beträgt der Faktor 7,089.
    • Ist man mit 99,9% der Lichtgeschwindigkeit unterwegs, dann beträgt der Faktor 22,366.

    Das heißt: erst ab etwa einer Geschwindigkeit von 10% der Lichtgeschwindigkeit ist die Zeitverzögerung in der Praxis relevant. Dann aber geht der Faktor allmählich ins Unendliche. Das heißt: wäre man mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs (was aber nicht möglich ist, Materie kann keine Lichtgeschwindigkeit erreichen), dann würde die Zeit stillstehen!

    Fazit: Zeit ist keine absolute Größe, sondern relativ zur Geschwindigkeit!


    -----


    Die spezielle Relativitätstheorie gilt nur für gleichförmige Bewegungen. Die allgemeine Relativitätstheorie war für Einstein ein Weiterdenken der speziellen Relativitätstheorie auf beschleunigte Bewegungen. Initialzündung war bei ihm die Überlegung, dass die Wirkung einer konstanten Beschleunigung (also Trägheit) nicht unterscheidbar von der Wirkung der Schwerkraft ist.

    Als ein Ergebnis dieser Überlegung wurde zunächst aus "Bewegte Uhren gehen langsamer" schließlich die Erkenntnis "Unter Einwirkung von Schwerkraft gehen Uhren langsamer."

    Eine Konsequenz daraus: Lichtstrahlen haben unter Einfluss von Schwerkraft mehr Zeit sich fortzubewegen, da die Zeit dann langsamer vergeht. Die Folge: unter Einfluss von Schwerkraft würde Licht mehr Strecke zurücklegen, Licht wäre also schneller unterwegs. Das steht jedoch im Widerspruch, dass die Lichtgeschwindigkeit unveränderlich ist. Die logische Konsequenz: "Unter Einwirkung von Schwerkraft werden Abstände kürzer"! Die Aussage "Abstände schrumpfen unter Einwirkung von Schwerkraft" ist also eine Konsequenz aus "Unter Einwirkung von Schwerkraft gehen Uhren langsamer" und "Die Lichtgeschwindigkeit ist unveränderlich".

    Allgemein gilt: Aufgrund der Unveränderlichkeit der Lichtgeschwindigkeit sind Raum und Zeit miteinander gekoppelt (Geschwindigkeit=Weg/Zeit). Wenn die Zeit langsamer vergeht, dann werden Abstände kürzer, und umgekehrt. Der Begriff "Raumzeit" drückt genau das aus. Wenn von der "Raumzeit" die Rede ist, meint man aber oft auch die vierdimensionale Kombination von Raum und Zeit. Die Zeit als vierte Dimension wird hierbei als c * t beschreiben, also die Strecke die Licht in der Zeit t zurücklegt.

    Wenn aber Abstände unter Einwirkung von Schwerkraft schrumpfen, und gleichzeitig die Zeit örtlich langsamer vergeht, was hat das für Konsequenzen? Einsteins revolutionäre Antwort: "Materie krümmt Raum und Zeit"!

    (eigentlich ist dies keine Krümmung, sondern eine Verdichtung des Raumes und eine Verlangsamung der Zeit, "Krümmung" ist ein Begriff aus der Mathematik)

    Für diese Erkenntnis, und deren mathematischer Ausformulierung benötigte er mehrere Jahre. Das mathematische Modell dahinter ist ziemlich komplex. Es beruht auf einer geometrischen Krümmung innnerhalb der vierdimensionalen Raumzeit, beschrieben durch die "Einsteinsche Feldgleichungen". Bei den Einsteinschen Feldgleichungen handelt es sich um ein Gleichungssystem von zehn(!) partiellen Differentialgleichungen. Die Lösung des Gleichungssystems definiert dann die Metrik der Krümmung.

    In diesem mathematischen Raum-Zeit-Modell ist die Schwerkraft eine geometrische Eigenschaft. Das Trägheitsgesetz im mathematischen Raum-Zeit-Modell lautet: Die Bewegung durch die Zeit geschieht auf kürzestem Weg. Und der kürzeste Weg in der gekrümmten vierdimensionalen Raumzeit verläuft nicht parallel zur Zeitachse, sondern führt im rechten Winkel zu den schrägen Zeitlinien nach unten:

    Die Zeit verläuft in der gekrümmten Raumzeit oben schneller als weiter unten. Die Folge sind "schräge" Zeitlinien.

    Die Schwerkraft lässt sich aber auch rein physikalisch erklären: Schwerkraft ist ein Trägheitseffekt (also ein Bremseffekt), der durch die stetige Verlangsamung der Zeit in Richtung Materiemitte entsteht, verursacht durch die Krümmung von Raum und Zeit.

    Das genau zu verstehen ist überaus anspruchsvoll. Neben einem Verständnis vom Zusammenwirken unterschiedlicher physikalischer Größen (Massendichte, Impuls, Druck, Gravitationskonstante,...) werden dafür vor allem auch fundierte mathematische Kenntnisse in Differentialgeometrie ("Mathematik gekrümmter Räume") benötigt. Es wird vermutet, dass aus diesem Grund Einstein auch nie den Nobelpreis für seine Relativitätstheorie erhalten hatte. Für die Leute damals war das schlichtweg zu abgefahren. Den Nobelpreis hatte er dann 1922 für ein anderes Thema erhalten: Erklärung des fotoelektrischen Effekt. Sozusagen als Kompromiss...

    Fazit: Nicht nur Zeit, sondern auch der Raum ist relativ. Und zwar nicht nur relativ zur Geschwindigkeit, sondern auch relativ zur Materie. Und Schwerkraft ist eine Folge davon. Uff!!


    -----


    Die Aussagen "Materie krümmt Raum und Zeit" und "Gravitation ist eine Folge der Raum-Zeit-Krümmung" kann man sich in etwa folgendermaßen vorstellen:

    Man stelle sich ein Trampolin vor. Legt man nun eine Bowlingkugel auf das Trampolin, dann dellt die Kugel das Trampolin ein. Lässt man nun eine Murmel an dieser Delle vorbeilaufen, wird sie sich nicht geradlinig weiterbewegen, sondern am Rand der Delle eine Kurve beschreiben. Gibt man der Murmel nicht genügend Schwung mit, wird sie in Richtung Bowlingkugel laufen und schließlich in der Mulde liegenbleiben.

    Übertragen auf unser Sonnensystem: Das Trampolin ist die Raumzeit, die Bowlingkugel die Sonne und die Murmel ein Planet. Die Planeten bewegen sich dann entlang der Krümmung, welche die von der gewaltigen Sonnenmasse eingedellte Raumzeit hervorruft.

    Das Eindellen des Trampolins durch die Bowlingkugel symbolisiert die Krümmung der vierten Dimension des Raum-Zeit-Modells, also die Zeit: durch die stetig langsamer vergehende Zeit in Richtung der Sonne (also die zeitliche Krümmung) entsteht ein Brems-Effekt, durch den die Planeten wegen ihrer Trägheit in Richtung der Sonne gezogen werden. Ähnlich wie in einem bremsenden Auto, in dem durch das Bremsen die Fahrzeuginsassen wegen ihrer Trägheit nach vorne gezogen werden. Die Schwerkraft die von der Sonne ausgeht, ist also ein Trägheitseffekt, der durch die von der Sonne verursachten zeitlichen Krümmung entsteht. Der Schwung der Planeten sorgt dann dafür, dass sie nicht in die Sonne hineinfallen, sondern immerwährend um die Sonne kreisen.


    -----


    Einstein erkannte schon recht früh, dass "Materie krümmt den Raum" auch Auswirkungen auf das Licht hat. Lichtstrahlen müssten also eine Kurve um große Himmelskörper (z.B die Sonne) machen. Das heißt: Das Licht von Sternen, die sich von der Erde aus betrachtet hinter der Sonne aufhalten, müsste laut der allgemeinen Relativitätstheorie von der Sonne abgelenkt werden.

    Wenn man das in der Praxis tatsächlich messen würde, dann wäre das ein starkes Indiz für die Richtigkeit der allgemeinen Relativitätstheorie. Das Problem dabei: Sterne hinter der Sonne kann man nicht beobachten, da das gleißende Licht der Sonne die Helligkeit der Sterne überstrahlt. Die Lösung: eine Sonnenfinsternis!

    Einstein schlug also vor, seine Theorie an der Praxis zu prüfen, und während einer totalen Sonnenfinsternis die vermeintliche Abweichung zu messen.

    Eine gute Gelegenheit dafür bot eine Sonnenfinsternis am 29. Mai 1919. Arthur Eddington, ein berühmter Wissenschaftler und Sekretär der Royal Astronomical Society, stellte Teams zusammen, die dann an geeigneten Plätzen Foto-Aufnahmen während der Sonnenfinsternis durchführten. Und tatsächlich: Eddington konnte die Vorhersage von Einstein bestätigen. Das machte Einstein schlagartig in der ganzen Welt berühmt!


    -----


    Eine Folge von "Unter Einwirkung der Schwerkraft gehen Uhren langsamer" ist z.B., dass in Meereshöhe die Zeit minimal langsamer vergeht als auf einer Bergspitze, weil die Erdanziehungskraft abnimmt, je weiter man sich von der Erde entfernt. Normalerweise hat dies keine praktische Konsequenzen, weil die Unterschiede minimal sind.

    Eine Auswirkung hat dieser Umstand allerdings auf die Funktionsweise von GPS-Geräten. GPS-Satelliten befinden sich ca. 20.000 km von der Erde entfernt. Diese Satelliten würden also falsche Daten liefern, wenn man diese Zeitunterschiede nicht berücksichtigt. Zusätzlich kommt wegen der hohen Geschwindigkeit der Satelliten um die Erdumlaufbahn noch ein Zeitunterschied aufgrund der Zeitdilatation ("Bewegte Uhren gehen langsamer") hinzu. Auch das muss man berücksichtigen. Wenn man die Zeitdifferenzen dieser beiden Effekte nicht laufend korrigieren würde (ca. 38 Mikrosekunden pro Tag), dann würde man bei einer Positionsbestimmung über GPS nach nur 24 Stunden die tatsächliche Position um ca. 10 km verfehlen. Navigationsgeräte würden also ohne Anwendung der Relativitätstheorie nicht funktionieren!


    -----


    Wer sich für das Leben von Albert Einstein interessiert, dem empfehle ich wärmstens die erste Staffel der Fernsehserie „Genius“:

    Genius: Stallel 1 „Einstein“

    Die Serie ist hervorragend produziert. Bei den zentralen inhaltlichen Aussagen Einsteins wurde versucht, dem Zuschauer diese mit visuellen Effekten halbwegs verständlich darzustellen. Top!

    Was viele vom Genie Albert Einstein nicht wissen, ist sein Umgang mit Frauen allgemein und speziell mit seiner Familie. Erschreckend…


    ——-


    Von Einstein sind jede Menge von Zitaten überliefert. Hier eine Auswahl:

    • Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit. Aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.
      (dürfte das bekannteste Zitat sein)
    • Manche Männer bemühen sich lebenslang, das Wesen einer Frau zu verstehen. Andere befassen sich mit weniger schwierigen Dingen z. B. der Relativitätstheorie.
    • Wenn man zwei Stunden lang mit einem Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden. Das ist Relativität.
    • Versuche zu kriegen, wen du liebst, ansonsten musst du lieben, wen du kriegst.
    • Seit die Mathematiker über die Relativitätstheorie hergefallen sind, verstehe ich sie selbst nicht mehr.
    • Um eine Einkommenssteuererklärung abgeben zu können, muss man Philosoph sein. Für einen Mathematiker ist es zu schwierig.
    • Der gesunde Menschenverstand ist nur eine Anhäufung von Vorurteilen, die man bis zum 18. Lebensjahr erworben hat.
    • Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.
    • Wenn einer mit Vergnügen zu einer Musik in Reih und Glied marschieren kann, dann hat er sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde.
    • Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.
    • Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.
    • Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom.
    • Der Mensch erfand die Atombombe. Doch keine Maus der Welt würde eine Mausefalle konstruieren.
    • Zwei Dinge sind zu unserer Arbeit nötig: Unermüdliche Ausdauer und die Bereitschaft, etwas, in das man viel Zeit und Arbeit gesteckt hat, wieder wegzuwerfen.
    • Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur darin zurechtfinden.
    • Mache die Dinge so einfach wie möglich. Aber nicht einfacher!
    • Wenn du es nicht einfach erklären kannst, hast du es nicht gut genug verstanden.
    • Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vornherein ausgeschlossen scheint.
    • Geniale Menschen sind selten ordentlich. Ordentliche selten genial.
      (Man sollte hierzu wissen, dass Einstein einmal in einem schweizerischen Patentamt gearbeitet hatte...)
    • Der Hauptgrund für Stress ist der tägliche Kontakt mit Idioten.
    • Falls Gott die Welt geschaffen hat, war seine Hauptsorge sicher nicht, sie so zu machen, dass wir sie verstehen können.
    • Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft ist blind.
    • Am Anfang gehören alle Gedanken der Liebe. Später gehört dann alle Liebe den Gedanken.


    -----

    Liste der Persönlichkeiten

    ——-

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Lach-Smiley ^^ als Reaktionstyp wieder möglich sein soll. :)

    4 Mal editiert, zuletzt von Capote (26. Mai 2025 um 17:11)

  • Jakob Fugger (der Reiche)

    Jakob Fugger (1459 - 1525) war einer der ersten Großkapitalisten der Geschichte. Er war der reichste Mann seiner Zeit und auch einer der mächtigsten. Er war genial, durchsetzungsstark und skrupellos.


    Der Aufstieg der Fugger begann in Augsburg mit Jakobs Großvater Hans Fugger. In nur drei Generationen stiegen die Fugger zum größten Handels- und Bankhaus Europas auf. Bergbau und Geldgeschäfte machten die Familie unfassbar reich. Das Netz der Firma umspannte die gesamte damals bekannte Welt. Ihr Geld bestimmte wer deutscher Kaiser wurde. Der Papst brauchte sie zur Durchführung seines Ablasshandels. Die Geschicke eines ganzen Kontinents wurden so durch die Fugger mitbestimmt.

    Jakob Fugger begann als 14-jähriger eine Ausbildung in Venedig. Venedig war im Mittelalter die zentrale Handelsmacht im Mittelmeerraum. Seine Ausbildung dort umfasste das Bankwesen und vor allem das Metallgeschäft. Unter anderem lernte er dort die doppelte Buchführung kennen (Soll und Haben). Diese moderne Methode der Buchhaltung wurde im Mittelalter in Oberitalien entwickelt. In Mitteleuropa war das damals aber noch recht unbekannt. Bis 1487 hielt sich Jakob überwiegend in Venedig auf.

    Das Familienunternehmen der Fugger führte Jakob zunächst gemeinsam mit seinen älteren Brüdern Ulrich und Georg. Ab den späten 1480er Jahren bestimmte er aber de facto alleine die Geschäftspolitik der Fugger, die sich in etwas mehr als einem Jahrzehnt von einem konventionellen Handelsunternehmen mittlerer Reichweite zu einem europaweit agierenden Konzern mit ausgeprägten Schwerpunkten im Montan- und Banksektor entwickelte. Unter anderem beteiligten sich die Fugger an Bergwerken in Salzburg und Tirol. Nach dem Tod von Ulrich und Georg führte Jakob ab 1510 die Firma alleine. Von 1511 an steigerte er das Eigenkapital der Firma von 200.000 Gulden auf rund zwei Millionen Gulden in seinem Todesjahr.

    Das Netz der Niederlassungen der Fugger reichte von Sevilla bis Reval, von Neapel bis London, und von Budapest bis Lyon. Bis in den nahen wie fernen Osten handelten sie mit allen Gewinn versprechenden Waren, vor allem mit Metallen, Textilien, Gewürze, Perlen, Juwelen und Kunst.

    Jakob war seiner Zeit weit voraus. Um den Überblick seiner Firma zu behalten, hatte er ein hoch effizientes Informationssystem aufgebaut. Durch dieses Informationsnetz hatte er auch einen Wissensvorsprung gegenüber Konkurrenten, welcher er ohne Skrupel einsetzte.

    ("Goldene Schreibstube" in Augsburg, die Schaltzentrale der Fugger-Firma, man beachte im Hintergrund das Fächersystem seiner Niederlassungen, wo er vermutlich den Schriftverkehr aufbewahrte)

    Nach einem Bericht der FAZ vom Dezember 2016 betrug das in die heutige Kaufkraft umgerechnetes Vermögen im Todesjahr von Jakob Fugger rund 400 Milliarden Dollar. Demnach war er die reichste Privatperson in der Geschichte der Menschheit.


    -----


    Hans Fugger (ca. 1350 - 1409) zog 1367 nach Augsburg und wurde dort Bürger. Er war Webermeister, handelte mit Tuchen, und schaffte den wirtschaftlichen wie auch sozialen Aufstieg bis in den großen Rat der Stadt.

    Er war zwei mal verheiratet. Aus seiner Ehe mit seiner ersten Frau stammten drei Kinder. Nach ihrem Tod heiratete er erneut, aus dieser Ehe stammten weitere vier Kinder, unter anderem Andreas Fugger (1394 - 1457) und Jakob Fugger der Ältere (1398 - 1469).



    Nach dem Tod von Hans Fugger führte seine Witwe Elisabeth die Weberei und den Textilhandel bis zu ihrem Tod 1436 weiter. Danach übernahmen Andreas Fugger und Jakob Fugger die Firma. Wegen unterschiedlichen Auffassungen folgte 1454 die Trennung. Andreas begründete den Zweig "Fugger vom Reh", Jakob den Zweig "Fugger von der Lilie".

    Jakob hatte 12 Kinder, darunter die Söhne Ulrich, Georg und Jakob. Er verlies die Weberzunft und wechselte zum Zusammenschluss der Kaufleute. Nach seinem Tod (1469) übernahmen seine Frau Barbara und die Kinder die Firma. Barbara knüpfte erste Verbindungen mit dem europäischen Herrscherhaus der Habsburger. Recht bald sollte aber Jakob die Zügel in die Hand nehmen...


    -----


    Ende des 15. Jahrhunderts gab es im Bergbaugewerbe (Silber, Kupfer, Eisenerz,...) einige technische Neuerungen. Neue Erzminen und Förderstellen mussten erschlossen werden, immer tiefere Stollen mussten gegraben werden. Dafür benötigten die Montangenossenschaften immer mehr Kapital, das sie oft nicht selber aufbringen konnten, und sich deshalb Geld leihen mussten. Jakob Fugger vergab jedoch in der Regel hierfür keine Kredite, sondern verlangte für sein Geld eine Beteiligung an den Bergwerken! Also eine direkte Beteiligung an den Gewinnen der Bergwerke, aber auch an den Verlusten, sprich einer Nachschussplicht. Diese Frühform von Aktiengeschäften war damals ziemlich neuartig und mit hohen Risiken verbunden. Jakob konnte dadurch aber Einfluss auf das Geschäft und vor allem auf den Handel nehmen. Er konnte dadurch die Bergbauunternehmer oftmals zwingen, das z.B. abgebaute Silber direkt an die Fugger zu verkaufen, statt es an Zwischenhändler abzugeben. Dieses Geschäftsmodell war für die Fugger hoch lukrativ. Bei Kupfer schaffte es Jakob sogar ein Monopol aufzubauen.

    Bei der Erfindung von neuen und komplexen Geschäftsmodellen war Jakob äußerst kreativ. So lieh er zum Beispiel dem Tiroler Erzherzog Geld. Dieses Geld gab er dem Herzog aber nicht selber, sondern bezahlte damit die Gläubiger des Herzogs. Hofstaat und Handwerker erhielten ihre Entlohnung direkt und pünktlich von den Fuggern. Im Gegenzug verkaufte der Herzog das Silber und Kupfer aus seinen Bergwerken zu einem "Freundschaftspreis" direkt an die Fugger. 1517 finanzierten die Fugger auf diese Weise rund die Hälfte des Tiroler Staatshaushalts.

    Genau diese Kreativität zeichnete die Genialität von Jakob aus. Mit dem geübten Blick eines Schachspielers erfasste Jakob jeweils die Gesamtsituation, erkannte die unterschiedlichen Möglichkeiten, und nutzte sie letztlich für seine eigenen Zwecke. Dabei kombinierte er Züge, wo seine Konkurenten die Zusammenhänge oft gar nicht sahen. Er erkannte Chancen, hatte dabei aber stets die zum Teil enormen Risikien im Blick, und schaffte es diese durch ausgeklügelte und tief durchdachte Finanzkonstruktionen abzusichern. Er war auch hier seiner Zeit weit voraus. Auch das machte die Genialität von Jakob aus.

    Das Bergbaugewerbe war die bedeutenste Gewinnquelle der Fugger. Jakob gelang es dabei, die gesamte Wertschöpfungskette unter Kontrolle zu haben: Finanzierung, Rekrutierung von fähigen Ingenieuren, Verhüttung der abgebauten Erze, Verarbeitung der Metalle in Großschmieden, und letztlich entscheidend: der Handel über seine Niederlassungen.


    -----


    Die Fugger erkannten, dass die politische Rückendeckung durch die kaiserliche Familie der Habsburger äußerst nützlich ist. Dies erreichten sie durch großzügige finanzielle Unterstützungen. Maximilian, Sohn des damals aktuellen Kaisers Friedrich III., wollte zum Beispiel die Erbin Burgunds, Maria von Burgund, heiraten. Sein Problem: es mangelte ihm an Geld um die Heirat zu finanzieren. Die Lösung: die Fugger schossen ihm einen Teil der Brautwerbung vor. Unter anderem feinstes Tuch, um Maximilian und seine Familie standesgemäß einzukleiden.

    Die Fugger entwickelten sich also quasi zur Hausbank der deutschen Kaiser. Die kaiserliche Familie befand sich dadurch in einer gewissen Abhängigkeit von der Augsburger Händlerfamilie. Kredite an den Adel waren allerdings riskant. Sie wurden oft nicht zurückgezahlt. Für die Fugger vom Reh (der andere Fugger-Zweig) führte das zum Beispiel in den Bankrott. Jakob Fugger gelang es aber, dass die Tilgung meist auf andere und sogar lukrativere Arten geschah: durch Abbaurechte, Metalllieferverträge, Ländereien oder durch sonstige Privilegien. Die Investitionen machten sich für Jakob auch in anderer Hinsicht bezahlt: Kaiser Maximilian erhob ihn 1511 in den Adelsstand und ernannte ihn 1514 zum Reichsgrafen.

    Die Kredite an den Kaiser waren also für beide ein Win-Win Geschäft: Der Kaiser machte den Bergbau über Jakob Fugger direkt zu Geld, und Jakob machte dabei ordentlich Gewinn!

    Das Meisterstück von Jakob war 1519 nach dem Tod des Habsburger Kaisers Maximilian, die Wahl Karl V. zum deutschen Kaiser zu bewerkstelligen. Karl V. war der Enkel von Maximilian. Der Kaiser wurde damals von den sieben Kurfürsten gewählt. De facto war die Wahl aber eine Versteigerung: der meistbietende wurde gewählt (wie heute bei der FIFA auch...). Es gab mehre Bewerber um den Kaiserthron, unter anderem der französche König. Um die hohen Forderungen der Fugger an die Habsburger nicht zu gefährden, gab Jakob Karl einen Kredit über die damals unglaubliche Summe von 543.585 Gulden (zum Vergleich: ein Handwerker verdiente damals etwa 50 Gulden im Jahr). Durch Unterstützung von weiteren Geldgebern konnte Karl dadurch insgesamt 851.918 Gulden an die sieben Kurfürsten bieten. Jakob steuerte also fast zwei Drittel dieses Betrags alleine bei! Karl wurde darauf einstimmig zum Kaiser gewählt.

    Karl V. stand nun tief in der Schuld des Fuggers. 1521 beliefen sich die Schulden Karls V. bei Jakob Fugger auf 600.000 Gulden. Der Kaiser tilgte 415.000 Gulden dadurch, dass er die Fugger durch die Tiroler Silber- und Kupferproduktion entschädigte.

    Als auf dem Reichstag in Nürnberg 1523 die Reichsstände eine Begrenzung des Handelskapitals und der Zahl der Niederlassungen von Firmen diskutierten, erinnerte Jakob Fugger seinen Kaiser an die seinerzeit gewährte Wahlbeihilfe. Mit der gleichzeitig erhobenen Forderung auf sofortige Begleichung der offenen Verbindlichkeiten erreichte Jakob vom Kaiser, dass die Überlegungen zur Monopolbeschränkung nicht weiterverfolgt wurden... Politik und Wirtschaft waren also bereits damals tief verstrickt!


    -----


    Jakob Fugger hatte nicht nur zum Kaiser enge Kontakte, sondern auch zum Vatikan. Unter anderem finanzierte er die Anwerbung der Schweizer Garde des Vatikans, und prägte auch Münzen für die Kirche. Diese engen Kontakte führten auch zu einer Beteiligung Jakobs am Ablasswesen des Papstes. Er stellte dabei seine logistische Strukturen zur Verfügung, und übernahm im wesentlichen die Funktion der Abwicklung als Bankdienstleister. Das war für den Papst höchst nützlich. Selbstverständlich lies sich Jakob diese Dienstleistung durch hohe Provisionen gut bezahlen...

    Der Verkauf von Ablässen, also Erlass von Sündenstrafen im Fegefeuer, war damals ein gängiges Mittel der Kirche zur Finanzierung von Kirchen oder Spitälern. Unter anderem auch den berühmten Ablass, der Gelder für den Bau der Peterskirche erbringen sollte. Und gegen den dann 1517 ein deutscher Mönch 95 Thesen veröffentlichte...


    -----


    Jakob Fugger war wie die meisten Menschen seiner Zeit gottesfürchtig. Er bangte um sein Seelenheil nach seinem Tod. Möglicherweise aus diesem Grund errichtete er zahlreiche soziale Einrichtungen und Stiftungen.

    Seine bekannteste Stiftung ist die heute noch existierende Fuggerei in Augsburg. Ab 1516 ließ er eine Siedlung für bedürftige Augsburger Handwerker und Tagelöhner errichten. Bis 1523 waren 52 Häuser der Reihenhaussiedlung gebaut, die älteste bestehende Sozialsiedlung der Welt. Die Anforderungen an die Bewohner: Augsburger Bürger, katholisch und einen guten Leumund. Die Jahresmiete betrug einen Rheinischen Gulden, der Wochenlohn eines Handwerkers damals. Dieser Betrag wurde nie verändert. Heute hat er lediglich eine symbolische Bedeutung: 88 Cent. Eine ideelle Gegenleistung lag zudem in drei Gebeten (Vaterunser, Glaubensbekenntnis, Ave Maria), das alle Bewohner einmal täglich für den Stifter und seine Familie sprechen sollten. Auch heute noch wird dies von den Bewohnern verlangt (was jedoch nicht kontrolliert wird...).

    Heute wohnen meist ältere bedürftige Frauen in der Fuggerei, de facto also ein Seniorinnenwohnheim. Es leben aber auch jüngere und auch männliche Bedürftige dort.


    -----

    Liste der Persönlichkeiten

    ——-

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Lach-Smiley ^^ als Reaktionstyp wieder möglich sein soll. :)

    Einmal editiert, zuletzt von Capote (26. Mai 2025 um 17:12)

  • Johannes Gutenberg

    Johannes Gutenberg (um 1400 - 1468) stammte aus einer Patrizierfamilie aus Mainz und gilt als Erfinder des modernen Buchdrucks mit beweglichen Metalllettern und einer Druckerpresse. Gutenbergs Buchdruck wurde 1997 vom US-Magazin Time zur bedeutendsten Erfindung des zweiten Jahrtausends gewählt: der Aufstieg der modernen Wissenschaften wäre ohne den Buchdruck nicht möglich gewesen. 1999 kürte das amerikanische A&E Network den Mainzer zum „Mann des Jahrtausends“. Der Buchdruck löste eine Medienrevolution aus.


    (Druckerei aus der Anfangszeit)

    Der Familienname von Johannes Gutenberg war eigentlich Gensfleisch. Aber damals gab es noch keine festen Namensregeln. Es war üblich, den Familiennamen mit dem aktuellen Wohnort zu ergänzen oder ihn damit zu ersetzen. Die Gensfleischs nannten sich nach ihrem Mainzer Wohnort, dem Hof von Gutenberg.

    Der besondere Verdienst Gutenbergs lag darin, alle Komponenten des Buchdrucks zu einem effizienten Produktionsprozess zusammengeführt zu haben:

    • Bewegliche Lettern aus einer Metall-Legierung aus Zinn, Blei und Antimon.
    • Einfache, schnelle und einheitliche Herstellung der Lettern mit Hilfe von Handgießgeräten.
    • Funktionelle Setzgeräte.
    • Geeignete Druckfarbe aus Ruß, Leinöl und Harzen: nicht zu flüssig, nicht zu fest, gut haftend, schnell trocknend.
    • Mit Pferdehaaren gefüllte Ledersäckchen zur schnellen und gleichmäßigen Verteilung der Druckfarbe auf die Lettern.
    • Geeignete Druckerpresse zur gleichmäßigen Verteilung des Drucks auf die Druckunterlage.

    Damit war es nun möglich, Texte und Bücher in hoher Stückzahl bei gleichbleibender Qualität und zu erschwinglichen Preisen zu produzieren.


    -----


    In der heutigen Zeit dienen Bücher überwiegend der Unterhaltung. Anders im Mittelalter: dort waren Bücher in erster Linie Wissensspeicher. Nur was aufgeschrieben wurde, konnte man nachfolgenden Generationen weitergeben. Vor Gutenberg mussten Bücher jedoch in der Regel handschriftlich kopiert werden. Das war überaus mühsam und langwierig. Teilweise waren die Schreiber mehrere Jahre mit dem Erstellen einer Kopie beschäftigt. Dementsprechend teuer waren Bücher. Trotzdem war im späten Mittelalter die Nachfrage nach Büchern so groß, dass Schreib-Werkstätten der Nachfrage nicht mehr hinterher kamen.

    Vermutlich kennen die meisten den Film oder das Buch "Der Name der Rose". Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht die Bibliothek eines mittelalterlichen Klosters. In dieser Bibliothek arbeiten viele Mönche. Der Hauptjob dieser Mönche: Handschriftlich Bücher kopieren. Das zeigt die große Bedeutung von Büchern, und der große Aufwand der betrieben werden musste Bücher zu vervielfältigen. Die Klöster haben im Mittelalter entscheidend dazu beigetragen, dass Wissen erhalten und dokumentiert wurde.

    Ganz nebenbei: Den Film habe ich schon viele Male gesehen. Alleine schon wegen der überaus komplexen Kriminalhandlung. Ein weiterer Grund: die mittelalterliche Atmosphäre und das Leben in einem Kloster damals wird hier sehr gut eingefangen. Und: der Hauptdarsteller Sean Connery. Meiner Meinung nach sein bester Film.


    -----


    Von Johannes Gutenberg wissen wir eigentlich recht wenig. Sein Geburtsjahr ist unbekannt, 1400 ist eine Schätzung. Wie er aussah weiß man auch nicht, es gibt kein Portrait von ihm. Weder Briefe noch Unterschriften sind von ihm überliefert. Was wir wissen: er wurde in Mainz geboren. Durch Gerichtsakten ist bekannt, dass er irgendwann nach Straßburg gezogen ist, spätestens 1434. Aus diesen Akten lässt sich schließen, dass er ein streitbarer, energischer und durchsetzungsstarker Charakter mit ausgeprägtem Geschäftssinn war. Er klagte recht gerne und wurde oft selbst verklagt.

    In einem Prozess in dem Gutenberg verklagt wurde, wurde berichtet, dass er im Jahr 1439 Wallfahrtsspiegel aus einer Blei-Zinn-Legierung hergestellte hatte. Er hatte also damals bereits Erfahrung mit Blei-Zinn-Legierungen. In diesem Prozess war auch die Rede von einem neuen technischen Verfahren, allerdings ohne dass näher darauf eingegangen wurde. In den Protokollen von Zeugenbefragungen finden sich u.a. Aussagen zum Bau einer Presse mit speziellen technischen Details. Man kann also davon ausgehen, dass er sich in den Straßburger Jahren bereits intensiv mit Druck-Plänen beschäftigt hatte, und dass diese Pläne auch schon weit fortgeschritten waren. Druckwerke aus dieser Zeit sind aber nicht bekannt. Vermutlich war sein Verfahren da noch nicht ausgereift.

    Von 1441 bis 1444 wird Gutenberg mehrfach in den Steuerlisten der Stadt Straßburg aufgeführt. Spätestens 1448 lebte er aber wieder in Mainz, und baute dort eine Druckerwerkstatt auf. Er lieh sich dann vom Mainzer Kaufmann Johannes Fust 800 Gulden. Das war damals ein mittelgroßes Vermögen. Mit diesem Geld finanzierte er seine ersten Druck-Projekte. Später lieh er sich von Fust weitere 800 Gulden um Bibeln drucken zu können. Weil er die Kredite nicht vollständig zurückzahlen konnte, wurde er von Fust verklagt. Gutenberg verlor den Prozess, und musste die Druckerwerkstatt mit den fast fertigen Bibeln, die er als Sicherheit eingesetzt hatte, an Fust übergeben, der die Arbeit Gutenbergs zu Ende brachte. Fust führte mit Gutenbergs Mitarbeiter Peter Schöffer das Geschäft mit Erfolg weiter, während Gutenberg in sein Elternhaus zurückkehrte, um dort erneut eine Druckerei zu gründen.

    Das Wissen über Gutenbergs Leben stammt überwiegend aus diesen Gerichtsakten und städtischen Aufzeichnungen. Die technischen Druck-Details konnten größtenteils durch intensive Untersuchungen der überlieferten Druckwerke von Gutenberg sowie aus archäologischen Experimenten abgeleitet werden. Handbücher hierzu sind von Gutenberg nicht überliefert.


    -----


    Schon vor Gutenberg wurden in Europa Bücher mittels geschnitzter Holzplatten gedruckt. Es konnten damit mehrere identische Exemplare eines Drucks hergestelllt werden. Das Schnitzen dieser Holzplatten kann man sich aber als ziemlich aufwendig vorstellen. Ein Fehler, und man konnte wieder von vorne anfangen. Außerdem: Für jedes Druckwerk mussten neue Platten angefertigt werden. Das neue bei Gutenberg waren die beweglichen Buchstabenlettern, die schnell und flexibel angeordnet und für beliebige Druckstücke verwendet werden konnten. Wobei aber die Idee an sich nicht neu war. Damit wurde bereits experimentiert, was aber offensichtlich aus unterschiedlichen Gründen in der Praxis noch nicht funktionierte. Auch in China wurde bereits seit mehreren hundert Jahren gedruckt, zum Teil auch damals schon mit beweglichen Lettern. Möglicherweise hatte Gutenberg davon erfahren. Das aber ist Spekulation.

    Initial hatte Gutenberg also nicht viel neues erfunden. Er hatte eher einen praktischen Erfindergeist, verbunden mit einem ausgeprägten Geschäftssinn. Die Nachfrage nach einheitlichen Schriften in hoher Stückzahl war groß, vor allem in den immer zahlreicher werdenden Universitäten. Die ganz große Leistung von Gutenberg bestand nun darin, erstmalig den gesamten Druckprozess in allen Arbeitsschritten zu perfektionieren und praktikabel umzusetzen. Er hatte damit den modernen Buchdruck erfunden. Das grundsätzliche Verfahren blieb in den nachfolgenden 200-300 Jahren im wesentlichen unverändert. Das unterstreicht seine enorme Leistung.

    (Setzkasten mit Metall-Lettern und einem Winkelhaken mit dem die Lettern zusammengesetzt werden)

    Papier war damals allerdings noch keine Massenware. Bis zum 14. Jahrhundert musste in Mitteleuropa Papier aus Italien importiert werden, und war dementsprechend teuer. Erst Ende des 14. Jahrhundert wurde in Nürnberg die erste Papiermühle gebaut. Weitere Papiermühlen folgten. Gutenberg hatte auch mit Pergament experimentiert, was problemlos funktionierte. Er entschied sich dann allerdings überwiegend auf Papier zu drucken, auch weil dies inzwischen durch die neuen Papiermühlen billiger als Pergament war.


    -----


    Einer der frühen Druckwerke von Gutenberg waren Ablassbriefe. Diese wurden in hoher Stückzahl benötigt, und hatten immer den gleichen Text. Dadurch waren sie ideal für den Druck geeignet. Wenn man so will, waren dies die ersten Formulare der Geschichte. Nach der Zahlung eines gewissen Betrags, mussten sie lediglich unterzeichnet und zu einem Beichtvater gebracht werden, der daraufhin die Sündenstrafen erlies, abhängig von der Höhe des gezahlten Betrags. Unter dem Motto: "Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt". Ablassbriefe waren damals ein gängiges Mittel, um einzelne Vorhaben zu finanzieren. Zu jener Zeit wurden damit die Kriege gegen die Türken finanziert.

    Das erste Großprojekt von Gutenberg war dann der Druck von Bibeln. Jede dieser Bibeln hatte einen Umfang von über 1000 Seiten. Er benötigte dafür weiteres Kapital, das er sich von Johannes Fust lieh. Er hatte sich allerdings verkalkuliert. Die Kosten liefen stark aus dem Ruder. Bei einem innovativen Großprojekt wie diesem waren die anfallenden Kosten schwierig einzuschätzen. Gutenberg legte großen Wert auf eine ästhetische Qualität der Druckwerke. Das alles kostete Zeit und Geld. Weil er angeblich das Geld auch für andere Druckprojekte verwendet hatte, wurde er schließlich von Fust verklagt. Mit Erfolg. Man kann davon ausgehen, dass Gutenberg zahlungsunfähig war. Er musste Fust die fast fertigen Bibeln und seine Druckwerkstatt überlassen.

    Die Gutenberg-Bibeln sind das bekannteste und bedeutendste Druckwerk Gutenbergs. Von diesen Bibeln wurden ca. 180 Exemplare gedruckt. Das war zu dieser Zeit eine enorme Anzahl. Bis dahin wurden Bibeln ausschließlich handschriftlich erstellt. Für eine einzelne Bibel benötigte ein fleißiger und akurater Schreiber mehrere Jahre, und war dementsprechend teuer. Von den Gutenberg-Bibeln existieren heute noch 49 Exemplare und gelten als eine der wertvollsten und schönsten Druckwerke der Geschichte. Teilweise sind diese Exemplare aber nur noch einbändig oder in Fragmenten erhalten. Eine vollständig erhaltene Ausgabe hat einen Wert von mehreren Millionen Euro.



    Weitere belegte Druck-Projekte von Gutenberg u.a.:

    • Wörterbücher
    • Lateinische Schulgrammatiken, sogenannte "Donaten", benannt nach dem römischen Autor Donatus, der sie verfasst hat. Es gab hierzu eine große Nachfrage von der wachsenden Anzahl der Studenten in den aufstrebenden Universitäten.
    • Türkenkalender: eine Warnung und Aufruf zum Kampf gegen die Türken, die 1453 Konstantinopel erobert hatten, und nach Mitteleuropa zogen. Diese Kalender waren für eine große Verbreitung gedacht.
    • Die Donaten und Kalender waren mit der selben Schrifttype gedruckt, die deswegen DK-Type genannt wurde.


    -----


    Der Buchdruck verbreitete sich rasend schnell. Allein in den deutschen Städten stieg die Zahl der Druckorte von 1470 bis 1480 von 17 auf 121. Bereits im 15. Jahrhundert wurden geschätzt über 15 Millionen Bücher gedruckt (Druckzahl, nicht unterschiedliche Bücher). Im 16. Jahrhundert bereits über 100 Millionen Exemplare. Und im 18. Jahrhundert über 1 Milliarde Exemplare.

    Im Mittelalter konnten außer Mönche, Priester und Gelehrte recht wenige Menschen lesen und schreiben (in den Städten natürlich mehr als auf dem Land). Der Zugang zu Büchern war begrenzt und beschränkte sich im wesentlichen auf Kloster- und Universitätsbibliotheken. Bücher waren ein absolutes Luxusgut, das sich nur wenige leisten konnten. Das änderte sich durch den Buchdruck gewaltig. Einzelne Bücher konnten nun in hoher Stückzahl produziert werden, hatten dadurch eine deutlich höhere Verbreitung, und wurden für immer mehr Menschen erschwinglich. Dadurch stieg die Anzahl der Leute, die lesen konnten. Und damit auch die Nachfrage nach weiteren Büchern. Man spricht von einer Demokratisierung des Wissens.

    Einer der ersten Erfolgsgeschichten waren gedruckte Flugblätter. Flugblätter konnten in großer Anzahl verbreitet werden und fanden vielseitige Anwendungen: Informationen, Meinungen, Propaganda, Bilder, Sensationen, religiöse Unterweisungen. Sie waren das Social Media der damaligen Zeit.

    Die Historiker sind sich überwiegend einig: ohne den Buchdruck wäre die Reformation nicht denkbar gewesen. Martin Luther konnte durch den Druck seine theologischen Schriften schnell und in großer Anzahl verbreiten. Seine Flugblätter gelangten in kürzester Zeit bis in die letzten Winkel des Reichsgebietes. Seine Bibelübersetzung wurde der erste deutsche Bestseller: über eine halbe Million Exemplare. Eine für damalige Verhältnisse gigantische Auflage!

    Heute geht das Kopieren von Schriftstücken denkbar einfach: ein Klick, und fertig ist eine digitale Kopie. Wenn man möchte: ein weiterer Klick an den Drucker. Welch ein Fortschritt!


    -----

    Liste der Persönlichkeiten

    ——-

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Lach-Smiley ^^ als Reaktionstyp wieder möglich sein soll. :)

    Einmal editiert, zuletzt von Capote (26. Mai 2025 um 17:13)

  • Alexander von Humboldt

    "Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben."

    (Alexander von Humboldt)


     

    Alexander von Humboldt (1769 - 1859) war ein deutscher Naturforscher und Forschungsreisender, und im 19. Jahrhundert einer der bekanntesten Menschen weltweit. Er gilt als der letzte Universalgelehrte, der in der Lage war, das Wissen seiner Zeit noch einigermaßen in Gänze überschauen zu können. Die Pariser Akademie der Wissenschaften verlieh ihm den Beinamen „Der neue Archimedes". Er betrieb Studien unter anderem in Physik, Chemie, Botanik, Zoologie, Geologie, Geographie und Astronomie. Er entdeckte Klima- und Vegetationszonen und klassifizierte tausende von Tieren und Pflanzen. In zahllosen Ländern wurden Institutionen, Städte, Gletscher, Seen, Parks und Berge nach ihm benannt. Sein Leben war ein einziger Abenteuerroman. Er hat sich für alles interessiert, und wollte sein Wissen an möglichst vielen Menschen weitergeben. Er machte die Naturwissenschaften populär. Manche bezeichnen ihn als "Einstein des 19. Jahrhundert" oder auch als "erster Wikipedianer". Von Charles Darwin ist überliefert: "Er war der größte reisende Wissenschaftler der jemals gelebt hat. Ich habe ihn immer bewundert, ich habe ihn angebetet.".

    Humboldt schrieb in seinem Leben ca. 50 Bücher und 700 Artikel. Eines seiner bedeutendsten Werke war das fünfbändige Werk "Kosmos". Er war einer der ersten, der für eine Demokratisierung des Wissens eintrat. Er schrieb in klarer und verständlicher Sprache, und hielt öffentliche Vorlesungen, die vom Ladenmädchen bis zum Bäckermeister alle Schichten begeisterten. Seine Neugier, Genauigkeit und Sammelleidenschaft ebneten den Weg für die moderne Wissenschaft.

    -—-


    Der Vater von Alexander war ein preußischer Offizier und durch seine Heirat recht vermögend. Er legte großen Wert auf die Ausbildung seiner zwei Söhne. Er engagierte hierzu die besten Hauslehrer. Nach dem Tod des Vaters führte die Mutter von Alexander dies fort. Alexander erhielt dadurch Unterricht auf universitätsähnlichem Niveau, unter anderem in alte und neue Sprachen, Naturrecht und Philosophie. Er begann danach Kameralwissenschaft (Staatswirtschaftslehre) zu studieren. Nebenbei hörte er Vorlesungen der Altertumswissenschaften, Medizin, Physik und Mathematik. Er war dort aber offenbar akademisch unterfordert, verließ die Universität nach einem Semester wieder, und studierte an einer anderen Universität weiter. Dort hörte er weitere Vorlesungen in Physik und Zoologie, und machte eine erste Forschungsreise von Mainz über den Niederrhein nach England, nach Paris und wieder zurück nach Mainz.

    Nach Beendigung des Studiums 1792 bewarb er sich um eine Anstellung im Bergbau. Er belegte darauf ein Studium des Bergfachs, das er innerhalb von acht Monaten anstelle der üblichen drei Jahre abschloss. Er zeigte schon hier jene Arbeitssucht, für die er später berühmt werden sollte. Jeden Morgen um 5 Uhr stand er auf, fuhr in die Grube ein und verbrachte dort unten mehrere Stunden. Mittags ging er dann in die Seminare der Akademie, und abends saß er stundenlang über seinen Büchern in seinem Zimmer. Diese Rastlosigkeit und innere Unruhe zeigte er in seinem gesamten Leben.

    Nach Abschluss der Ausbildung erhielt er eine Anstellung als Bergassesors. Er modernisierte dort die Abbauverfahren diverser Metalle, verbesserte die Verhüttung, entwickelte eine Grubenlampe mit verbesserter Leuchtwirkung, und gründete eine Bergschule. Mangels geeigneten Lehrmaterials schrieb er die Lehrbücher dafür selbst. Parallel dazu betrieb er Forschungen in Biologie und Chemie, und schrieb darüber hinaus Artikel in Geologie und Botanik.

    Nachdem er 1796 durch den Tod der Mutter zum vermögenden Erben geworden war, schied er aus dem Staatsdienst aus, um sich als Naturforscher und Wissenschaftler unabhängig zu machen. Als Ziel schwebte ihm eine Darstellung des gesamten physisch-geographischen Wissens der Zeit vor, zu dem er auf Forschungsreisen selbst entscheidend beitragen wollte. Durch das Erbe hatte er hierzu auch die finanziellen Möglichkeiten.


    -—-


    1799 startete Humboldt seine berühmte fünfjährige Amerika-Expedition. Sie war die größte privat finanzierte Expedition der Geschichte, und machte ihn in ganz Europa zum Star.


    Mit an Bord hatte Humboldt 42 der modernsten Instrumente seiner Zeit. Am Abreisetag schrieb er:

    "Ich werde Pflanzen und Fossilien sammeln, mit einem vortrefflichen Sextanten von Ramsden, einem Quadrant von Bird, und einem Chronometer von Louis Berthoud werde ich nützliche astronomische Beobachtungen machen können. Ich werde die Wärme messen, die atmosphärische Elektrizität untersuchen, geographische Längen und Breiten bestimmen, Berge messen. Dies alles ist aber nicht Hauptzweck meiner Reise. Meine Augen sollen gerichtet sein auf das Zusammenwirken der Naturkräfte."

    Begleitet wurde er auf dieser Expedition vom Botaniker Aimé Bonpland. Wie Humboldt war Bonpland überaus neugierig, und brannte darauf die Welt zu erkunden. Während Humboldt aber rastlos und voller Energie war, war Bonpland stoisch und ausgeglichen. Die beiden ergänzten sich also perfekt.

    Humboldt erkundete zunächst als erster Mensch den kompletten Orinoco Fluss in Venezuela. Er wollte herausfinden, ob es eine Verbindung des Orinoco und dem Amazonas gab. Er stellte dann fest, dass es einen natürlichen Kanal zwischen diesen beiden Flüssen gibt. Für Humboldt war die Erfahrung des tropischen Regenwalds in Südamerika fast ein religiöses Erlebnis. Er war von der enormen Artenvielfalt der Tiere und Pflanzen, von den Unmengen an Vogelstimmen, zirpenden Insekten, Kreischen und Schreien der Tiere regelrecht erschlagen. Alles war für ihn von Interesse: vom höchstem Baum bis zum kleinsten Insekt. Bei seinen Entdeckungen dachte er nicht etwa "wie seltsam...", sondern fragte permanent "Was? Wie? Warum?"

    Er nahm eine Unmenge von Messungen vor: die Temperaturen unterschiedlicher Landformen, Luftdruck, Stärke der Magnetfelder. Durch die Verbindung von Orten mit identischerTemperatur erstellte Humboldt Höhenlinienkarten mit Linien gleicher Temperatur, die er "Isotherme" nannte.


    Später entdeckte er den Meeresstrom, der den Niederschlag an der peruanischen Küste verringert, und der dann nach ihm benannt wurde: den Humboldtstrom. Perus Küsten gehören zu den trockensten der Welt. Humboldt stellte fest, dass der Pazifik an der Küste Perus etwa 7 Grad kälter ist als im freien Ozean. Ursache ist der Meeresstrom. Die kühlen Wassermassen strömen aus der Antarktis Richtung Norden entlang den Westküsten Südamerikas.

    Südamerika feiert die Humboldt-Expedition noch heute als die wahre Entdeckung des Kontinents.

    Das Tagebuch von Humboldt der Amerika-Expedition füllt 4.000 Seiten. Unter anderem enthält es Zeichnungen von Flüssen und astronomische Beobachtungen. Er zeigte damit, dass er sich für alles interessierte.

     

    Abgeschlossen wurde die Amerika-Expedition mit einem Besuch in den USA, wo Humboldt, auch aufgrund seiner intensiven Reisekorrespondenz, bereits höchste Anerkennung als Forscher und Wissenschaftler genoss. Unter anderem war er drei Wochen Gast beim amerikanischem Präsidenten Thomas Jefferson. Jefferson sagte anschließend über ihn: "Er ist der bedeutendste Wissenschaftler gewesen, den ich je getroffen habe."


    ——-


    Ein Höhepunkt des Aufenthalts in Südamerika von Humboldt war die Besteigung des Chimborazo in den Anden. Der Chimborazo (6263m) galt damals als der höchste Berg der Welt. Alexander erreichte eine Höhe von ca. 5600m. Höher war damals noch kein Mensch zuvor geklettert. Eine unglaubliche Willensleistung!

    1807, wieder zurück in Europa, veröffentlichte er dann in einem Buch ein Panoramabild des Bergs. Heute würden wir es Infografik nennen.



    Im Zentrum steht der Chimborazo :



    ... dann die Höhe die Humboldt erreicht hatte:



    Im Naturgemälde hat Humboldt viel Detail-Wissen über die tropischen Anden auf einer einzigen Seite zusammengefasst.



    Zum Beispiel, in welcher Höhe welche Pflanzen wachsen. Unten im Tiefland...



    ... oder ganz oben Richtung Schneegrenze:

    (Diese Daten sind übrigens auch aus historischer Sicht interessant: vergleicht man die angegeben Höhen mit den heutigen Werten, dann stellt man fest, dass die Pflanzengrenzen ca. 500m in die Höhe gewandert sind. Damit kann man die Auswirkungen des Klimawandels quantifizieren.)

    Zusatzinformationen vermerkt er in zahlreichen Spalten neben dem Bild:



    Zum Beispiel, dass er zwischen 2000 und 3000 Höhenmetern Hirsche und Enten beobachtet hat... und Läuse, vermutlich bei Menschen...



    Besonderheiten beim Wetter in dieser Höhe: Viel Hagel und tiefe Nebel.



    Angebaut werden neben Getreide auch Kartoffeln und Baumwolle.



    Die historische Infografik, aber auch spätere Datenvisualisierungen waren Meilensteine der damaligen Wissensvermittlung!


    -—-


    Humboldt gilt auch als der Urvater der Ökologie. Er erklärte, dass die Erde ein lebender Organismus ist, in dem alles miteinander verbunden ist. Nie zuvor hat ein Forscher den Zusammenhang von allem mit allem beschrieben. Er kam zu der Einsicht: "Alles ist Wechselwirkung".

    Unter anderem hatte er den Einfluss des Menschen auf das Klima erkannt. Am Valenciasee den Humboldt 1800 besucht hatte, ist zum ersten Mal eine Idee des Klimawandels bei ihm entstanden. Die Plantagenbesitzer am Valenciasee haben ihn gefragt, warum der See an Wasseroberfläche verliert. Hat der See etwa ein Loch? Humboldt antwortete ihnen: "Nein, der See hat kein Loch. Aber ihr habt rings um den See die Wälder abgeholzt, und damit das Klima beeinflusst."

    Mit dem Wasser des Sees bewässerten die Plantagenbesitzer ihre Felder. Die Quellen und Zuflüsse hatten abgenommen, der Wasserspiegel war gesunken. Nachdem Humboldt die Zerstörung der Natur am Valenciasee sah, war er der erste, der über die grundlegende Bedeutung des Waldes für das Ökosystems und das Klima sprach. Er sprach davon, dass die Bäume die Fähigkeit hatten Wasser zu speichern, die Atmosphäre mit Feuchtigkeit anzureichern, und dass sie gegen Bodenerosion schützen konnten. Er war der erste, der von dem vom Menschen verursachten Klimawandel sprach.

    Humboldt hatte eine revolutionäre Vorstellung der Natur entwickelt, die heute noch aktuell ist.


    -—-


    Humboldt recherchierte sein ganzes Leben lang, um die Zusammenhänge innerhalb der Natur, aber auch von Mensch und Natur zu durchdringen. Er hat in seinem Leben geschätzt mehr als 50.000 Briefe verfasst, von denen ungefähr 13.000 erhalten sind. Er vernetzte sich mit den führenden Forschern seiner Zeit. Namentlich bekannt sind bisher circa 2.500 verschiedene Briefpartner. Er tauschte sich unter anderem nach seiner Amerikareise mit Thomas Jefferson aus, der sich sehr für Naturwissenschaften interessierte. Auch mit Goethe korrespondierte er regelmäßig. Er dachte dabei fächerübergreifend. Er nannte sich selbst einen Nomaden zwischen den Wissenschaften. Im höherem Alter war Humboldts Wissen maximal vernetzt. Seine breit gefächerte Bildung war schon zu seinen Lebzeiten legendär: "Wenn er in Gesellschaft war, redete er viel, wenn er allein war, schrieb er viel."

    Was ihm noch fehlte, war ein einfacher Zugang zu diesem Wissensschatz - für alle. Mit fast 60 Jahren bot er deshalb öffentliche Vorlesungen an. Für Menschen aus allen Schichten. Die Bevölkerung feierte ihn. Humboldt wurde damit endültig zum Popstar unter den Gelehrten.

    In seinen letzten Lebensjahrzehnten (er wurde fast 90 Jahre alt) verwirklichtete Humboldt das, was sein ganzes Leben sein Ziel war: eine Gesamtschau der wissenschaftlichen Welterforschung seiner Zeit.

    "Ich habe den tollen Einfall, die ganze materielle Welt, alles was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsräume und des Erdenlebens, von den Nebelsternen bis zur Geographie der Moose auf den Granitfelsen, wissen, alles in Einem Werke darzustellen, und in einem Werke, das zugleich in lebendiger Sprache anregt und das Gemüt ergötzt. Jede große und wichtige Idee, die irgendwo aufgeglimmt, muß neben den Tatsachen hier verzeichnet sein. Es muß eine Epoche der geistigen Entwickelung der Menschheit (in ihrem Wissen von der Natur) darstellen. – Das Ganze ist nicht was man gemeinhin physikalische Erdbeschreibung nennt, es begreift Himmel und Erde, alles Geschaffene."

    Es entstand das berühmte fünfbändige Werk "Kosmos - Entwurf einer physischen Weltbeschreibung". Humboldt beschrieb darin alle nur denkbaren Phänomene des Weltraums und der Erde, die Sterne, Planeten und Kometen, die Kontinente, Gebirge, Flüsse, Vulkane, Erdbeben, Gesteinsarten, Fauna und Flora.

    Nach langem Anlauf erschien der erste Band 1845. Es folgte 1847 der zweite Band. Die Vollendung des dritten (1850) und vierten Bandes (1858) bestimmte die Arbeit seines neunten Lebensjahrzehnts. Dabei war ihm wohl bewusst, dass diese Betätigung aufreibender war, "als einem 82jährigem Greise nützig" sein konnte. Selten kam er in dieser Zeit vor 3 Uhr ins Bett, weil er am Tage wegen der vielen Besucher die sich bei ihm einstellten, nicht in Ruhe arbeiten konnte. "Tags", schrieb er, "geht es bei mir zu wie in einem Brandweinladen".

    Stets hatte Humboldt, der sich selbst als "Fossil" bezeichnete, Angst, er könne vor Vollendung seines großen Werkes sterben. Immer wieder trieb er auch seine Verleger zur Eile ("Die Toten reiten schnell"). Als er in seinen letzten Lebensmonaten bemühte von einer Grippe zu genesen, verfügte sein Arzt die Post in einem Zimmer einzuschließen, in Sorge, sein Patient könnte sich versucht sehen, die täglich dreimal ankommenden Briefe nicht nur zu lesen, sondern, wie es seine Art war, auch sogleich ohne Rücksicht auf sein Wohlergehen zu beantworten. Trotz der Anstrengung jedoch und dem Optimismus, den fünften Band noch vor der Jahreswende 1859/60 fertigzustellen, blieb der letzte Abschnitt ein Rudiment. "Der Tod nahm ihm den Griffel aus den Händen", wenige Tage nachdem er zum letzten Mal einige Seiten des Manuskripts an seinen Verleger geschickt hatte. Dieser letzte Band wurde dann 1862 postum veröffentlicht.

    Einer Legende nach fand man nach dem Wegräumen der Manuskripte und Bücherberge auf dem verwaisten Schreibtisch die Worte aus Genesis 2, erstes Buch Mose: "Also ward vollendet Himmel und Erde".


    -—-


    Weitere nennenswerte Details zu Humboldt:

    • Humboldt macht seine Amerika-Expedition zur Zeit der napoleonischen Kriegen in Europa. Die Folge war, dass er große Probleme hatte, Erlaubnisse für Reiseziele zu bekommen. Er baute deshalb Kontakte zum spanischen König auf. So bekam er schließlich die Erlaubnis, die spanischen Kolonien in Amerika zu bereisen. Das heutige Brasilien war jedoch damals eine portugiesische Kolonie. Als der portugiesische König von den Reiseplänen Humboldts erfuhr, drohte er Humboldt verhaften zu lassen, sobald er portugiesische Gebiete in Südamerika betreten sollte. Der König befürchtete Spionagetätigkeiten. Brasilien bezeichnet es heute als große Dummheit, dass Humboldt dies damals nicht erlaubt wurde, und bedauert das heute außerordentlich.
    • Ein besonderes Interesse von Humboldt in Südamerika galt der Elektrizität. So untersuchte er Zitteraale, die Stromschläge von bis zu 100 Volt verteilen. Er wollte herausfinden, woher die Aale die Elektrizität beziehen. Bei den Experimenten ging er rustikal vor: er maß die Stromstärke am eigenem Leib. Am nächsten Tag litt er unter Muskelschwäche und Taubheitsgefühle. Humboldt war kein Wissenschaftler, der in einem Elfenbeinturm lebte. Er testete immer wieder seine Erkenntnisse an seinem eigenem Körper, und riskierte damit immer wieder sein Leben. Unter anderem rieb er sich Chemikalien in Wunden ein, um damit die Folgen zu untersuchen.
    • Humboldt hatte großen Einfluss auf Charles Darwin. Als junger Mensch hatte Darwin Bücher von Humboldt mit großer Faszination gelesen. Die Bücher von Humboldt waren nicht nur wissenschaftliche Abhandlungen, sondern auch Erzählungsbuch und Reisebericht. Auf seiner Weltumseglung hatte Darwin an Bord der Beagle Bücher von Humboldt dabei. Anhand dieser Bücher orientierte er sich in Südamerika. Er wollte die selben Landschaften wie Humboldt sehen. Auch die viele Tiere und Pflanzen die Humboldt detailliert beschrieb, waren eine große Orientierung für ihn. Humboldt erkannte zum Beispiel, dass die Population von Wasserschweinen von den Jaguaren kontrolliert wird. All dies hatte Einfluss auf die spätere Evolutionstheorie von Darwin. Humboldts Bücher waren Quellenmaterial für Darwins spätere Veröffentlichungen. Wenn man Bücher von Darwin liest, dann gibt es Momente, als würde man eine Unterhaltung von Darwin mit Humboldt folgen. Es gibt Meinungen, die sagen, Humboldt wäre ein Darwinist vor Darwin gewesen, und dass Darwin fortsetzte, was Humboldt begann.
    • Im Alter von 60 Jahren machte Humboldt auf Einladung des russischen Zaren, nach seiner Amerika-Expedition seine zweite große Expedition: durch Russland. Er machte dort vor allem geomagnetische und astronomische Beobachtungen. Flora und Fauna waren für ihn allerdings nicht sonderlich reizvoll. Seiner Meinung nach wären sie ähnlich zur Berliner Vegetation und des Berliner Tierlebens: "Sibirien ist die Fortsetzung der Hasenheide."
    • Humboldt erkannte, dass Licht sich mit endlicher Geschwindigkeit ausbreitete (er nannte im dritten Kosmos-Buch sogar eine konkrete Zahl von 310.788 Kilometer in der Sekunde, also eine erstaunlich genaue Größenordnung mit den damals vorhandenen Messmethoden), und dass das Auswirkungen auf Raum und Zeit haben müsste. Er nahm also den Grundgedanken von Einsteins Relativitätstheorie bereits vorneweg.


    -—-


    Humboldt hatte keine Kinder. Engere Beziehungen zu Frauen sind nicht bekannt. Er umgab sich oft mit Männern, die zumeist jünger waren als er. Deshalb sind sich die meisten Historiker einig, dass Humboldt homosexuell war. Explizite Belege hierzu gibt es bislang zwar nicht, aber zumindest diverse Hinweise.

    So traf er zum Beispiel auf seiner Reise durch Südamerika den spanischen Gouvaneur von Quito. Dessen hübsche Tochter und ihre Freundin himmelten Humboldt an. Humboldt war außerordentlich charismatisch. Er beherrschte mehrere Sprachen, und konnte problemlos von einer Sprache zu einer anderen wechseln. Zum Leidwesen der Tochter bevorzugte Humboldt aber die Gesellschaft ihres gutaussehenden Bruders Carlos de Montufar, der anschließend sein ständiger Begleiter für den Rest der Amerikareise wurde (und später als einer der Befreier des heutigen Ecuadors gilt).

    Darüber hinaus hatte Humboldt auf seiner Amerikareise intensive Beziehungen zu jüngeren Wissenschaftlern. Den Quellen zufolge waren dies aber offensichtlich nur platonische Beziehungen. Interssant in dem Zusammenhang ist, dass Humboldt einmal erwähnte, dass große körperliche Anstrengung den "wilden Drang der Leidenschaften" unterdrückt. Das könnte eine Erklärung dafür sein, warum er in Südamerika seinen Körper ständig bis zum absoluten Limit gebracht hatte. Und ein Hinweis, dass Humboldt seine Homosexualität vermutlich nicht körperlich ausgelebt hatte.


    -—-


    Alexander hatte auch einen Bruder: Wilhelm von Humboldt.

    Wilhelm ist zumindest in Deutschland kaum weniger bekannt als sein jüngerer Bruder. Wie Alexander hatte er als Kind und Jugendlicher Unterricht bei Hauslehrern auf universitätsähnlichem Niveau. Schon als 13-Jähriger soll Wilhelm Griechisch, Latein und Französisch gesprochen haben und mit wichtigen Autoren der jeweiligen Literatur vertraut gewesen sein. Im Studium widmete er sich der Philosophie, der Geschichte und den alten Sprachen. Während Alexander sich den Naturwissenschaften zuwandte, wurde Wilmelm Geisteswissenschaftler.

    In seinem späteren Leben war er preußischer Diplomat, und beschäftigte sich mit der Bildungsproblematik, der Staatstheorie, der analytischen Betrachtung von Sprache, Literatur und Kunst sowie der aktiven politischer Mitgestaltung als Reformer im Schul- und Universitätswesen.

    Wilhelm formte das nach ihm benannte humboldtsche Bildungsideal (Einheit von Forschung und Lehre), und gründete die Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin (heute: Humboldt-Universität Berlin), die erste Universität in Berlin.

    Das Gymnasium in dem ich in Ulm zur Schule war, heißt Humboldt-Gymnasium. Bei der Namensgebung wurde bewusst auf einen Vornamen verzichtet. Damit sollte sowohl der naturwissenschaftliche Zug des Forschergeists Alexanders, als auch die humanistischen Ideale des Bildungs- und Gymnasialreformers Wilhelm zum Ausdruck gebracht werden.


    -—-


    Zu Alexander von Humboldt gibt es eine Unzahl von Büchern, Dokumentationen, Videos und Filmen.

    Als Beispiel hier die sehr empfehlenswerte Terra-X-Dokumentation:

    "Humboldt und die Neuentdeckung der Natur"

    Aus dieser Doku hatte ich eine Vielzahl der hier verwendeten Infos entnommen.

    Die in dieser Dokumentation oft zitierte Andrea Wulf gilt als eine der aktuell größten Humboldt-Expertinnen. Unter anderem veröffentlichte sie die preisgekrönten Bücher "The Invention of Nature: How Alexander Von Humboldt Revolutionized Our World" und "Die Abenteuer des Alexander von Humboldt"


    -——

    Liste der Persönlichkeiten

    ——-

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Lach-Smiley ^^ als Reaktionstyp wieder möglich sein soll. :)

    2 Mal editiert, zuletzt von Capote (26. Mai 2025 um 17:14)

  • Thomas Jefferson

    "Wenn die Regierung das Volk fürchtet, herrscht Demokratie, wenn das Volk dagegen die Regierung fürchtet, Tyrannei"

    (Thomas Jefferson)



    Thomas Jefferson (1743 - 1826) war nach George Washington und John Adams von 1801 bis 1809 der dritte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Zuvor war er langjähriger Diplomat und Außenminister der USA.

    Jefferson war Staatstheoretiker und hauptsächlicher Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, und zählt damit zu den Gründervätern der USA. Zu den Gründungsväter zählen die Männer, die am 4. Juli 1776 die Unabhängigkeitserklärung verabschiedeten, oder die 1787 nach dem Ende des Unabhängigkeitskriegs und der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika die Verfassung der Vereinigten Staaten unterzeichneten. Die bedeutendsten Gründungsväter waren George Washington, James Madison, Thomas Jefferson, John Jay, Alexander Hamilton, Benjamin Franklin und John Adams.

    In Jeffersons Amtszeit als Präsident kauften die vereinigten Staaten 1803 Frankreich das Territorium Louisiana ab, und konnten damit das Staatsgebiet in etwa verdoppeln. Jefferson selbst hatte die rechtliche Grundlage für diesen Kauf geschaffen. Im Anschluss beauftragte er die legendäre Lewis-und-Clark-Expedition, die in die Geschichtbücher einging.

    Jefferson ging auch als Universaltalent in die Annalen der USA ein. Er war Architekt, Philosoph, Literat, Astronom, Physiker, Erfinder und Farmer. Jeffersons Bibliothek ist bis heute der Kern der Library of Congress (Nationalbibliothek der USA). Von der antiken bis zur modernen Literartur hat den Universalgelehrten einfach alles interessiert. John F. Kennedy bemerkte einmal, dass seit Jefferson am Tisch des weißen Hauses saß, nie mehr ein solch eindrucksvolles Zusammentreffen menschlicher Begabungen an diesem Tisch gegeben hätte.


    -----


    Seit dem frühen 17. Jahrhundert hatten die Briten Kolonien im Osten von Nordamerika. Allerdings kümmerten sie sich zunächst nicht besonders um ihren Besitz. Aus Sicht der Siedler war das aber gar nicht mal so schlecht, denn die Kolonien waren relativ selbstständig. Die Situation änderte sich aber Mitte des 18. Jahrhunderts. Nach dem siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763), der von einigen Historikern als der "wahre" erste Weltkrieg bezeichnet wird, verlangten die Briten von den Kolonien, dass sie sich an den hohen Kriegskosten beteiligten: sie erhoben diverse neue Steuern. Dies führte dann dazu, dass die Kolonien die Herrschaft aus London mehr und mehr ablehnten. Wenn sie schon zahlen sollten, dann wollten die Kolonisten, dass sie im englischen Parlement vertreten sind: "No taxation without representation". Das allerdings wurde ihnen verweigert. Dazu kam noch das Verbot von Industrie in den Kolonien, was diese zwang, Endprodukte aus dem Mutterland zu beziehen. Unzufrieden waren die Kolonisten auch mit den Zöllen. Bei der "Boston Tea Party" 1773 warfen einige Siedler aus Protest mehrere 100 Kisten Tee ins Hafenbecken.

    Die 13 nordamerikanischen Kolonien begannen sich schließlich zu organisieren. Auf dem einberufenen ersten Kontinentalkongress 1774 beschlossen die Kolonien u.a., keinen Handel mehr mit Großbritannien zu betreiben. Diese Gemengenlage führte dann letztlich zum Krieg gegen England (1775 bis 1783), der mit einem Sieg der Kolonien endete, und zur Unabhängigkeit und Gründung der USA führte. Der Tag der Unabhängigkeitserklärung, der 4. Juli 1776, ist heute der wichtigste staatliche Feiertag der USA. Ihr erster Präsident war der militärische Oberbefehlshaber im Unabhängigkeitskrieg: George Washington.

    Die Anfänge der USA waren allerdings noch ziemlich bescheiden. Das Land war dünn besiedelt, wirtschaftlich von geringer Bedeutung, und zunächst nur auf die Ostküste Nordamerikas beschränkt. Die größte Stadt war Philadelphia mit ca. 35.000 Einwohnern. Zum Vergleich: die Einwohnerzahl Londons zu dieser Zeit lag bei knapp unter 1 Million. Das Stadtgebiet von New York beschränkte sich auf die Südspitze der Insel Manhattan.

    Das alles sollte sich aber recht schnell ändern.


    -----


    Geboren wurde Thomas Jefferson im April 1743 in Shadwell, bei Charlottesville in der Kolonie Virginia, als Sohn eines Plantagenbesitzers. Als Sohn aus gutem Hause genoss Thomas Jefferson zunächst Privatunterricht. Ab 1760 besuchte er bis zu seinem Abschluss 1762 das College of William & Mary in Williamsburg. Danach studierte er Jura. Ab 1767 praktizierte Thomas Jefferson selbst als Anwalt.

    Die Jahre ab 1770 markierten einen Wendepunkt im Leben des jungen Mannes, sowohl beruflich als auch privat. Schon bald machte Jefferson als brillanter Anwalt von sich reden und verfasste einige politische Streitschriften. Ab 1774 vertrat er Virginia als Abgesandter im Kontinentalkongress. Als Teil des Komitees, welches eine Erklärung zur Unabhängigkeit der Kolonien von England verfassen sollte, wurde er zum hauptsächlichen Verfasser der Unabhängigkeitserklärung. Dabei erhielt er unter anderem Verbesserungsvorschläge von John Adams und Benjamin Franklin. Die Unabhängigkeitserklärung wurde 1776 in der Independence Hall (heutiger Name) in Philadelphia verabschiedet.

    Thomas Jefferson (rote Weste) und Benjamin Franklin (rechts daneben) überreichen den Text der Unabhängigkeitserklärung dem Vorsitzenden John Hancock

    Der zentrale Satz in der Erklärung:

    "Wir das Volk, erachten folgende Wahrheiten als selbstverständlich: Dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören."

    Später sagte Jefferson einmal stolz, für seine "Declaration of Independence" habe er nirgendwo nachschlagen müssen: Alles Material habe in seinem Kopf bereitgelegen!

    Nach dem Sieg im Unabhängigkeitskrieg war Thomas Jefferson von 1785 bis 1789 als Botschafter in Paris tätig. Nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten wurde er im März 1790 durch den damaligen Präsidenten George Washington zum Außenminister ernannt. 1797 wurde Thomas Jefferson zum Vizepräsidenten gewählt.

    Nach einem besonders aggressiven Wahlkampf gegen den Amtsinhaber John Adams im Jahr 1800 wurde Thomas Jefferson schließlich zum dritten Präsidenten der USA gewählt. 1804 wurde er wiedergewählt und blieb Präsident bis nach seiner zweiten Amtszeit 1809. Außenpolitisch mischte er sich nicht in die europäischen Kriege ein.


    -----


    Das Königreich Frankreich hatte in der Zeit der Jahrhundertwende sein Interesse am fernen Besitztum in Übersee verloren. Die Truppen Napoleons in Europa sollten gestärkt und die stark reduzierten Kriegskassen aufgebessert werden. Für fünfzehn Millionen Dollar verkauften die Franzosen schließlich 1803 ihr Territorium in Louisiana an die USA ("Louisiana Purchase"). Nach diesem Kauf sah Jefferson die dringende Notwendigkeit, den mächtigen Mississippi und dessen Nebenflüsse bis zum Oberlauf zu erkunden und einen Weg zum fernen Pazifik zu finden. Die Politiker Amerikas waren davon überzeugt, dass die Einheit der USA erst dann Bestand haben werde, wenn dieses Land vom Atlantik bis zum Pazifischen Ozean reichen werde.

    Jefferson beauftragte daher seinen einstigen Privatsekretär Meriwether Lewis eine Expedition zusammenzustellen. Lewis wählte darauf seinen alten Weggefährten William Clark als seinen Partner. Während Lewis zwar eher introvertiert, aber ein strategischer und charismatischer Denker war, war Clark ein zu praktischen Dingen tendierender Mensch, der gut mit Menschen umgehen konnte. Die beiden haben sich also gut ergänzt.


    Die Expedition startete am 14.Mai 1804 in der Nähe des heutigen St. Louis flussaufwärts entlang des Missouri River.

    Auf etwa halber Stecke errichtete die Expedition ein Fort (Fort Madan), in dem sie den Winter 1804/1805 verbrachten. Nach einer äußerst mühsamen Überquerung der Rocky Mountains erreichte die Gruppe Mitte November 1805 schließlich nach ca. 6700 Kilometern an der Mündung des Columbia River den Pazifischen Ozean und verbrachtete dort den zweiten Winter. Am 23. März 1806 traten die Expeditionsteilnehmer die Heimreise an, und erreichten am 23. September 1806 wieder die ihnen vertraute Zivilisation in St. Louis.

    In Begleitung der Expedition war eine Indianerfrau eines Expeditionsmitglieds: Sacajawea ("Vogelfrau"). Während der gesamten Reise hatten die Expeditionsteilnehmer immer wieder Kontakt mit Indianerstämmen. Dank den Dolmetscherdiensten und dem Verhandlungsgeschick von Sacajawea, gelang es der Expediton gewalttätige Auseinandersetzungen zu vermeiden. Nur ein Expeditionsmitglied kam auf der Reise ums Leben, vermutlich wegen einer Blinddarmentzündung. Sacajawea gebar während der Expedition 1805 ein Junge, den sie sich während der Reise auf den Rücken band. Es gibt Meinungen, dass ohne Sacajawea die Expedition wohl gescheitert wäre. Sie wird noch heute als indianische Volksheldin gefeiert.


    Dank dieser Forschungsreise gewannen die noch jungen Vereinigten Staaten von Amerika umfangreiche Kenntnisse über die geografischen Bedingungen des von den Franzosen abgekauften Gebietes.


    -----


    Weitere Details zu Jefferson:

    • Das Waschen schmutziger Wäsche bis hin zu persönlichen Beleidigungen ist keinesfalls ein Phänomen neueren Datums im US-Wahlkampf. Bereits im Jahr 1800 verunglimpfte der Amtsinhaber John Adams seinen Gegenspieler Thomas Jefferson als "gottlosen Feigling". Der konterte nicht weniger zimperlich und ließ verlauten, der Präsident sei ein "geschlechtsloser Charakter, der weder die Kraft und Entschlossenheit eines Mannes noch die Güte und Sensibilität einer Frau aufweise".
    • Jefferson setzte sich sehr engagiert für Menschenrechte ein. Schwer damit in Einklang zu bringen, war seine zwiespältige Haltung zur Sklaverei. Er sprach sich dagegen aus, profitierte als Plantagenbesitzer und Besitzer zahlreicher Sklaven jedoch selbst davon. Wie viele seiner Zeitgenossen äußerte er die Ansicht, dass dunkelhäutige Menschen den weißen unterlegen seien.
    • Worin Jefferson aber vom Zeitgeist abwich, war seine Haltung zu den amerikanischen Ureinwohnern. Diese bewunderte er und sah sie als ebenbürtig an. Er beschäftigte sich eingehend mit ihrer Kultur, erforschte und förderte sie. Allerdings sah er den Weg für den gesellschaftlichen Aufstieg der Ureinwohner in einer Angleichung an die weiße Bevölkerung.
    • Durch den Louisiana Purchase hatte die USA neue Grenzen zu den spanischen Kolonien in Mittelamerika (u.a. das spätere Mexiko). Jefferson zeigte deswegen großes Interesse am erstellten Kartenmaterial und den Notizbüchern von Alexander Humboldt, der ihn 1804 im Rahmen seiner Amerika-Reise besuchte. Dazu ist folgende Äußerung von Jefferson überliefert: "Ich war tatsächlich begeistert, weil ich mehr Informationen über die verschiedensten Dinge in weniger als zwei Stunden erhielt, als ich in den beiden vergangenen Jahren gelesen oder gehört habe."
    • Da sich Jefferson sehr für Naturwissenschaften interessierte, führte er mit Humboldt bis zu seinem Tod regelmäßigen Briefwechsel.


    -----


    Jefferson ist einer der vier Präsidentenköpfe, aus dem das Mount Rushmore National Memorial besteht.

    Mount Rushmore: George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt, Abraham Lincoln.

    Das Mount-Rushmore-Monument ist neben der Freiheitsstatue in New York das weltweit wohl bekannteste Monument der Vereinigten Staaten. Der Mount Rushmore ist ein 1745 m hoher Berg in den Black Hills in South Dakota, benannt nach dem Anwalt und Unternehmer Charles Rushmore. Die vier Köpfe sind vom Scheitel bis zum Kinn etwa 18 m hoch. Das Monument wurde zwischen 1927 und 1941 vom Bildhauer Gutzon Borglum erstellt. Die Ursprungsidee hierzu hatte der Historiker Doane Robinson. Er wollte damit den Tourismus in dieser Region ankurbeln. Ursprünglich dachte er dabei aber zunächst nicht an Präsidenten, sondern an bekannte Gestalten aus der Geschichte des Westens, wie Lewis and Clark, Red Cloud oder Buffolo Bill. Die Idee mit den vier Präsidentenköpfen kam dann schließlich von Gutzon Borglum. Kurz vor der Fertigstellung starb jedoch Borglum. Sein Sohn Lincoln vollendete dann die Arbeit.

    Delikates Detail: Gutzon Borglum war überzeugtes Führungsmitglied des Ku-Klux-Klans. 2020 wurde deswegen ernsthaft überlegt, das Mount-Rushmore-Monument zu zerstören. Bislang wurde dieses Vorhaben allerdings nicht umgesetzt...


    -----

    Liste der Persönlichkeiten

    ——-

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Lach-Smiley ^^ als Reaktionstyp wieder möglich sein soll. :)

    2 Mal editiert, zuletzt von Capote (6. Februar 2026 um 21:34)

  • Anzeige
  • Johannes Kepler

    Johannes Kepler (1571 - 1630) war ein deutscher Astronom, Mathematiker, Physiker, Astrologe und Naturphilosoph. Er war der erste Mensch, der die Planetenbahnen des Sonnensystems mathematisch und physikalisch beschrieben hatte: mit den nach ihm benannten drei Keplerschen Gesetzen. Kepler zählt damit neben Nikolaus Kopernikus, Galileo Galilei und Isaac Newton, zu den Begründern der modernen Naturwissenschaften.

     


    Ende des 16. Jahrhunderts herrschte eine Aufbruchstimmung. Immer mehr Menschen glaubten an die Macht des Wissens und der Forschung. Mit den Keplerschen Gesetzen setzte Kepler auf dem heliozentrischen Weltbild von Kopernikus auf, in dem die Sonne im Mittelpunkt steht, um die sich alle Planeten bewegen. Vor Kopernikus war das geozentrische Weltbild des griechischen Astronoms Ptolemäus anerkannter Wissensstandard, in dem die Erde im Mittelpunkt der Welt steht, um die sich alle Himmelskörper drehen, unter anderem auch die Sonne. Die katholische Kirche hielt noch recht lange an dem geozentrischen Weltbild fest.

    Eine bahnbrechende Leistung Keplers war ein verbessertes Fernrohr mit zwei Sammellinsen, das wir heute als keplersches Fernrohr kennen. Er machte damit die Optik zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung.

    Mit seiner Einführung in das Rechnen mit Logarithmen trug Kepler zur Verbreitung dieses mathematischen Verfahrens bei. Daneben entwickelte er aus der Antike stammende Methoden zur Volumenberechnung weiter. So geht u.a. eine Näherungsformel für das Volumen von Rotationskörpern (die sogenannte keplersche Fassregel) auf ihn zurück. Das Neue bestand darin, dass er dabei infinitesimale Methoden (der Begriff des unendlich Kleinen) einbezog.

    2009 startete ein Weltraumteleskop in das All, dessen Aufgabe aus der Suche nach Planeten fremder Sterne bestand, sogenannte Exoplaneten. Das Weltraumteleskop wurde zu Ehrung Keplers "Kepler Teleskop" genannt. Die ersten Exoplaneten wurden bereits in den 90er-Jahren nachgewiesen. Mit dem Kepler Teleskop wurden zunächst eine Vielzahl weiterer Planeten entdeckt. 2011 wurde dann der erste Gesteinsplanet außerhalb unseres Sonnensystems nachgewiesen, der den Namen "Kepler-10b" erhielt. Kepler-10b umkreist den Stern "Kepler-10" im Sternenbild Drache. Inzwischen hat man mit automatisierten Suchprogrammen Milliarden von Planeten aufgespürt. Man geht heute davon aus, dass die meisten Sterne von mindestens einem Planeten umkreist werden.


    -----


    Schon immer haben sich die Menschen für den Lauf der Gestirne interessiert, und versuchten die zugrunde liegenden Regeln zu erkennen. Recht bald bemerkte man, dass die Lage der meisten Sterne sich nicht zu verändern scheint, und nannte diese Sterne deshalb Fixsterne. Besonders auffällige Sternengruppen wurden zu Sternbildern zusammengefasst, denen man eine mythologische Bedeutung gab. Im Laufe einer Nacht drehen sich die Sterne auf einer Kreisbahn um den Polarstern. Scheinbar. Denn heute wissen wir, dass dies durch die Eigendrehung der Erde hervorgerufen wird.

    Die griechischen Philosophen sahen in der Kreisbahn die ideale Bewegung, und im Zentrum dieses Kreises ruhte die Erde. Aber dann entdeckte man eine weitere Sorte von Sternen, die sich relativ zu den Fixsternen bewegen. Man nannte sie deshalb Planeten, nach dem griechischen Wort für "wandern". Merkwürdig war nur, dass manche dieser Planeten sich gelegentlich rückwärts bewegen. So wandert der Mars aus Sicht der Erde über Monate hinweg von West nach Ost, bleibt dann stehen, wandert zurück, hält nach ein paar Wochen erneut an, um anschließend wieder die ursprüngliche Richtung einzuschlagen. Um den Mars gedanklich auf die als ideal betrachtete Kreisbahn zurückzubringen, kamen griechische Astronomen auf die Idee, dass derartige Planeten sich auf Kreisen innerhalb auf Kreisen bewegen, den sogenannten Sphären.

    Um 100 n. Chr. fasste Claudius Ptolemäus das geozentrische Weltbild der griechischen Astronomen in einem zentralen Werk zusammen, das als wissenschaftliches Standardwerk der Astronomie im europäischen Raum mehr als 1000 Jahre überdauern sollte.

    (Uranus und Neptun wurden erst im 18. bzw. 19. Jahrhundert entdeckt)

    In dieser Welt steht die Erde im Mittelpunkt. Um sie drehen sich alle Himmelskörper. Ptolemäus nahm dabei 70 unabhängige und gleichzeitige Kreisbewegungen an. Mit diesem ptolemäischem Weltbild konnte man die Planetenbewegungen tatsächlich ziemlich genau vorhersagen.


    -----


    Im Mittelalter brachten die Araber das von den Griechen ererbte Wissen nach Europa. Das ptolemäische System mit der Erde als Mittelpunkt der Welt wurde Teil des Dogmas der katholischen Kirche. Doch hat Gott tatsächlich sich diese komplizierte Welt mit den 70 Kreisbewegungen ausgedacht? Lässt sich Gottes Schöpfung nicht einfacher erklären? Diese Frage beschäftigte Anfang des 16. Jahrhunderts Nikolaus Kopernikus (1473 - 1543). Nach jahrelangen Berechnungen kam Kopernikus zu dem Schluss, dass nicht die Erde, sondern die Sonne im Mittelpunkt der Welt stehen müsse. Alle Planeten bewegten sich in diesem Modell mit gleichmäßiger Geschwindigkeit auf Kreisbahnen um die Sonne, auch die Erde. Das merkwürdige Verhalten der Marsbahn erkärte sich zum einen dadurch, dass die Erde, von der die Bewegungen der Planeten aus beobachtet werden, selbst die Sonne umkreist, und zum anderen, dass die Lage der Marsbahn sich von der Erdbahn unterscheidet.

    Allerdings konnten im kopernikanischen Modell die Planetenbewegungen im Ergebnis schlechter als im ptolemäischem Weltbild prognostiziert werden. Auf jeden Fall lehnte die katholische Kirche das kopernikanische System ab, und setzt seine Schriften auf den Index der verbotenen Bücher.

    Dennoch fand die neue heliozentrische Idee seine Anhänger. Einer von ihnen war der Astronom Michael Mestlin, zu dessen Studenten auch Johannes Kepler zählte. Mestlin konnte Kepler für das kopernikanische Weltbild begeistern. Kepler fühlte sich daraufhin berufen, einen Beweis für die Gedanken von Kopernikus zu finden.

    Im Jahr 1600 nahm Kepler eine Stellung als Assistent des kaiserlichen Hof-Astronoms Tycho Brahe an. Brahe hatte über Jahrzehnte eine umfangreiche Datensammlung von äußerst detaillierten Aufzeichnungen der Planetenbewegungen angelegt, die er zu interpretieren versuchte. Die mathematischen Fähigkeiten von Brahe waren jedoch begrenzt. Genau aus diesem Grund hatte er Kepler angestellt. 1601 starb jedoch Brahe. Kepler wurde vom Kaiser als seinen Nachfolger ernannt.

    Kepler untersuchte nun intensiv die Aufzeichnungen von Brahe. Ausgehend vom heliozentrischem Weltbild von Kopernikus kam er nach mehreren Jahren zum Schluss, dass die Planeten sich nicht um eine Kreisbahn um die Sonne bewegen, sondern in Form einer Ellipse, in der die Sonne in einem der beiden Brennpunkte liegt.

    (Abbildung nicht maßstabsgetreu)

    Diese bahnbrechende Erkenntnis bildete das erste Keplersche Gesetz.


    -----


    Kepler stellte fest, dass sich die Planeten nicht immer mit der gleichen Geschwindigkeit um die Sonne bewegen. Je mehr sich die Planeten auf der Ellipse der Sonne nähern, desto schneller werden sie. Umgekehrt: je mehr sie sich wieder von der Sonne entfernen, desto langsamer werden sie.

    Diese Erkenntnis beschrieb er im zweiten Keplerschen Gesetz:

    (Abbildung nicht maßstabsgetreu)

    Egal wo sich die Erde auf der Umlaufbahn um die Sonne befindet: in einer bestimmten Zeit (z.B. 1 Tag) umstreicht die Erde immer die selbe Fläche um die Sonne. Die Konsequenz: Je weiter weg von der Sonne die Erde sich befindet, desto langsamer bewegt sich die Erde um die Sonne. Und je näher sich die Erde zur Sonne befindet, desto schneller bewegt sie sich.

    Dieses Gesetz gilt für alle Planeten.

    Mit den elliptischen Planetenbahnen (erstes Gesetz) und dem Geschwindigkeitsverhalten (zweites Gesetz) konnte Kepler die Messungen von Brahe schließlich in Einklang bringen.


    -----


    Kepler stellte weiterhin fest, dass sich die Planeten umso langsamer um die Sonne bewegen, je weiter die Planeten von der Sonne entfernt sind. So ist zum Beispiel der Jupiter zwar etwas mehr als fünf mal so weit von der Sonne entfernt wie die Erde. Die Umflaufzeit des Jupiters um die Sonne beträgt aber nicht fünf, sondern knapp zwölf Jahre.

    Er stellte folgende Gesetzmäßigkeit fest:

    Die Quadrate der Umlaufzeiten zweier Planeten verhalten sich wie die dritten Potenzen ihrer großen Ellipsenhalbachsen.

    Mit einer Formel beschrieben: T1 2 / T2 2 = a1 3 / a2 3

    (Ti : Umlaufzeit des Planeten i , ai : Halbachse des Planeten i )

    Dies ist das dritte Keplersche Gesetz.


    Oder anders formuliert: Das Verhältnis des Quadrats der Umlaufzeit eines Planeten zu der dritten Potenz ihrer großen Ellipsenhalbachse hat für alle Planeten immer den selben Wert. Dieser Wert wird Kepler-Konstante genannt. Mit dieser Konstante kann die Länge der Planetenhalbachse (= mittlere Entfernung zur Sonne) aus den jeweiligen Umlaufzeiten berechnet werden. Und umgekehrt: aus den Umlaufzeiten kann damit die Länge der Halbachse ermittelt werden.

    Im Vergleich zur Erde ergeben sich folgende Werte:

    Zum Beispiel ist der Neptun 30 mal weiter von der Sonne entfernt als die Erde. Die Umlaufzeit um die Sonne beträgt 165 Jahre.


    Für mathematisch interessierte: :)

    Wenn man diese T/a-Werte mit logarithischer Skalierung abbildet, dann liegen die Werte auf einer geraden Linie:

    Vielleich kennt ihr von der Schule noch die Logarithmus-Rechenregeln: :)

    • log(a*b) = log(a) + log(b)
    • log(an) = n * log(a)

    Damit lässt sich der obige lineare Effekt aus dem dritten Keplerschen Gesetz ableiten (const ist die Kepler-Konstante):

    T2 = a3 * const

    <=> log(T2) = log(a3 * const)

    <=> 2 log(T) = 3 log(a) + log(const)

    <=> log(T) = 3/2 log(a) + log(const)/2

    Schlussfolgerung: log(T) verhält sich linear zu log(a).

    [Ende des Mathe-Einschubs :) ]


    Ganz exakt sind die mit den Keplerschen Gesetzen berechneten Planetenbahnen in der Praxis aber nicht. Zum einen beeinflussen Gravitationskräfte der Planeten untereinander die Bahnen. Des weiteren: vor allem bei der Planetenbahn des Merkurs treten aufgrund der Nähe zur Sonne gewisse Abweichungen auf, die sich aus der allgemeinen Relativitätstheorie ergeben. Dieser Effekt ist aber minimal, und wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals festgestellt.

    Kepler folgerte, dass von der Sonne eine Kraft ausgehen müsse, die die Planeten anzieht. Und dass diese Kraft umso stärker ist, je näher sich die Planeten zur Sonne befinden. Er hatte jedoch keine Erklärung für diese Kraft. Er vermutete eine magnetische Kraft. Isaac Newton formulierte (und berechnetete) später diese Anziehungskraft durch das Gravitationsgesetz. Er setzte dabei auf das dritte Keplersche Gesetz auf. Was die Ursache der Anziehungskraft ist, konnte aber auch Newton nicht beantworten.

    Erst Albert Einstein lieferte mit der allgemeinen Relativitätstheorie schließlich die Erklärung der Gravitation: Gravitation ist ein Trägheitseffekt, der durch Krümmung von Raum und Zeit entsteht. Auf die Sonne bezogen: die von der Masse der Sonne verursachte Krümmung der Raumzeit bewirkt, dass die Zeit in Richtung der Sonne stetig langsamer vergeht. Durch diese stetige Verlangsamung der Zeit entsteht ein Bremseffekt, durch den die Planeten wegen ihrer Trägheit1) in Richtung der Sonne gezogen werden. Ähnlich wie in einem bremsenden Auto, in dem durch das Bremsen die Fahrzeuginsassen wegen ihrer Trägheit nach vorne gezogen werden (und man deshalb zum Schutz auch einen Sicherheitsgurt benötigt, der verhindert dass man nach vorne fliegt).

    1) Das Trägheitsgesetz lautet: Ohne Einwirkung von Kräften bleibt die Geschwindigkeit und Bewegungsrichtung von Körpern unverändert.


    -----


    Weitere Infos zu Kepler:

    • Ende des 16. Jahrhunderts standen sich Protestanten und Katholiken zunehmend feindlich gegenüber. So musste der Protestant Kepler 1600 aus dem katholischen Graz fliehen, wo die Gegenreformation Einzug hielt. Zuflucht fand er schließlich in Prag bei Tycho Brahe. Kaiser Rudolf II. hatte dort zahlreiche Wissenschaftler ersten Ranges versammelt. Besonders die Astronomie hatte den Kaiser interessiert. So hatte er für Brahe ein eigenes Observatorium einrichten lassen. Das Verhältnis von Kepler zu Brahe war aber problematisch. Brahe hatte ein anderes Weltbild im Kopf: die Planeten drehen sich zwar um die Sonne, im Mittelpunkt der Welt stehe aber nach wie vor die Erde, um die sich die Sonne bewegt. Die Erwartung von Brahe an Kepler war, dass Kepler dieses Weltbild durch seine Berechnungen bestätigt. Nach einem Jahr starb jedoch Brahe, und der Kaiser ernannte Kepler als Nachfolger Brahes zum Hofastronom. Kepler konnte nun die Aufzeichnungen Brahes für seine eigenen Ziele untersuchen.
    • Kepler korrespondierte regelmäßig mit Galileo Galilei, der zur selben Zeit in Oberitalien lebte, und sieben Jahre älter war als Kepler. Wie Kepler hing auch Galilei dem heliozentrischen Modell Kopernikus an. Galilei entwickelte für seine Himmelsbeobachtungen ein spezielles Fernrohr (basierend auf einer Erfindung des Holländers Jan Lipperhey), mit dem er deutlich genauere Beobachtungen durchführen konnte. So entdeckte er damit z.B. die vier größten Jupiter-Monde (die heute als die Galileischen Monde bezeichnet werden). Kepler bat deswegen Galilei um so ein Fernrohr. Weil Galilei jedoch sein Alleinstellungsmerkmal behalten wollte, verweigerte er den Wunsch, was bei Kepler schließlich zur Entwicklung des keplerschen Fernrohrs führte. Galilei hatte sich in Italien eine große Autorität verschafft, auch innerhalb der katholischen Kirche. Er überschätzte jedoch sich und seine Autorität. Mit der Veröffentlichung des Werkes "Dialogo" reizte er die katholische Kirche zu einem Prozess. Der Kirche war zwar bekannt, dass Galilei das heliozentrische Weltbild vertritt. Papst Urban VIII. akzeptierte das jedoch, solange er dieses Weltbild als "Hypothese" formuliere. Durch die Veröffentlichung von "Dialogo" musste die Kirche jedoch reagieren. In dem Prozess musste Galilei schließlich klein beigeben, und dem heliozentrischen Weltbild öffentlich widerrufen. Ansonsten hätte ihm wegen Ketzerei der Scheiterhaufen gedroht.
    • Kepler war nicht nur Astronom, sondern auch Astrologe und verdiente einen Teil seines Lebensunterhalts mit der Erstellung von Horoskopen. Dabei benötigte er Vorhersagen der Planetenbahnen. Das war ein Mitmotiv seiner Forschungen. Sein berühmtester (und lukrativster) Kunde war Wallenstein. Wallenstein wollte seine Zukunft erfahren, und fragte regelmäßig bei Kepler um Horoskope an.
    • Im Jahr 1604 war am Sternenhimmel eine Supernova zu beobachten, also ein explodierender Stern am Ende seines Lebens. Diese Supernova war plötzlich der hellste Stern am Nachthimmel. Sie wurde weltweit von mehreren Astronomen wahrgenommen. Unter anderem auch von Kepler und Galilei. Die Supernova war ein Jahr lang zu sehen. Sie erschütterte das damalige griechische Weltbild, wonach die Fixstere unveränderlich sind, und löste heftige Diskussionen unter den damaligen Astronomen aus. Kepler hatte das Auftreten und Vergehen des Phänomens ausführlich in einem Buch beschrieben. Deshalb wird diese Supernova auch Keplers Supernova genannt.
      Die Supernova 1604 war die bislang letzte Supernova in der Milchstraße (unsere heimische Galaxie), die beim Ausbruch beobachtet wurde. Seitdem wurde keine Supernova in der Milchstraße mehr beim Ausbruch beobachtet. Da die Milchstraße aus über 200 Milliarden Sternen besteht, ist eine Supernova also ein äußerst seltenes Ereignis. Heute werden mit Hilfe von automatisierten Suchprogrammen zwar jährlich tausende Supernovae entdeckt, allerdings in anderen Galaxien. Zur Einordnung: mit aktueller Technik lassen sich zur Zeit ca. 50 Milliarden Galaxien beobachten (die jeweils wiederum meist Milliarden von Sternen enthalten). Die Forschung geht aktuell davon aus, dass sich im theoretisch beobachtbaren Universum insgesamt ca. 1 Billion Galaxien befinden.


    ------


    Als Hofastronom war Kepler u.a. für die Kalenderreform zuständig. So musste er den Kaiser bei der Frage beraten, ob man im deutschem Kaiserreich bei der Zeitrechnung den bisher genutzten julianischen Kalender aufgeben, und stattdessen mit der von Papst Greogor XIII. bereits 1582 eingeführten neuen Zeitrechnung den neuen nach ihm benannten gregorianischen Kalender nutzen solle.

    Der julianische Kalender (den Julius Cäsar eingeführt hatte) kannte lediglich ein Schaltjahr mit 366 Tagen alle 4 Jahre. Das wäre korrekt, wenn ein Jahr exakt 365,25 Tage dauern würde. Die Umlaufzeit um die Sonne dauert jedoch durchschnittlich 365,2422 Tage. Alle 4 Jahre ein Schaltjahr war auf lange Zeit betrachtet also einen Tick zuviel. Im 16. Jahrhundert hinkte man deswegen beim julianischen Kalender bereits über 10 Tage einer korrekten Zeitrechnung hinterher. Aus diesem Grund gibt es beim gregorianischen Kalender eine verfeinerte Regelung: alle 4 Jahre ein Schaltjahr, alle 100 Jahre aber kein Schaltjahr, alle 400 Jahre wiederum doch ein Schaltjahr. So waren die Jahre 1700, 1800 und 1900 keine Schaltjahre, das Jahr 2000 war aber ein Schaltjahr.

    Bei der Einführung des gregorianischen Kalenders durch Gregor XIII. wurde der Kalender um 10 Tage verschoben, um die Verspätung zu korregieren. Der Ausfall von zehn Kalendertagen erzeugte aber eine allgemeine Irritation. Als Sachverständiger argumentierte Kepler auf dem Reichstag in Regensburg 1613 dennoch für die Nutzung des genaueren gregorianischen Kalenders. Weil die Reform aber vom Papst ausging, beharrten die evangelischen Reichsstände aber auf die alte Zeitrechnung. Aus diesem Grund blieb man dann bei der alten Zeitrechnung mit dem julianischen Kalender. Erst 80 Jahre später entschloss sich der Reichstag, auf den gregorianischen Kalender umzustellen.


    -----

    Liste der Persönlichkeiten

    ——-

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Lach-Smiley ^^ als Reaktionstyp wieder möglich sein soll. :)

    Einmal editiert, zuletzt von Capote (26. Mai 2025 um 17:16)

  • Hallo Capote, finde es echt top :thumbsup:, dass du dich an diesem weitreichenden Thema versuchst.

    Ich habe von Truman Capote die Grassharfe gelesen und fand den Roman echt klasse. Coldblooded (Kaltblütig) war eher was anderes

    Meiner Meinung nach gehören Michael Faraday und Benjamin Franklin auch dazu (Benjamin Franklin hat den Faradayschen Käfig entdeckt).

  • Martin Luther

    "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Bäumchen pflanzen."

    (Martin Luther)


    Martin Luther (1483-1546) war ein deutscher Theologieprofessor und Urheber der Reformation.

    Reformation bedeutet Erneuerung. Die Kernaussagen Luthers:

    • Die Bibel ist die alleinige Glaubensgrundlage.
    • Alleine der Glaube und die Gnade Gottes führen zum Seelenheil.
    • Niemand steht zwischen Gott und den Menschen, weder Papst noch Kirche.

    In 95 Thesen verurteilte Luther den Ablasshandel und die falsche Glaubenspraxis. Insbesondere sprach er den Ablässen jegliche Wirkungskraft ab.

    Luther übersetzte die Bibel in die deutsche Sprache, damit jeder Zugang zur Bibel hatte, und die Bibel-Auslegung nicht mehr ausschließlich bei den Priestern lag.

    Unter der Bevölkerung erfuhr Luther breite Zustimmung. Über die Hälfte der deutschen Bevölkerung schlossen sich den Lehren Luthers an. Obwohl es nicht die Absicht von Luther war, führte die Reformation zur Spaltung der Kirche, die letztlich 100 Jahre später in den furchtbarsten Krieg der deutschen Geschichte mündete: den 30-jährigen Krieg.

    -----

    Eine Schlüsselerkenntnis für Luther entstand zwischen 1514 und 1519 aus einer kurzen Passage aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer:

    "Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche aus dem Glauben kommt und zum Glauben führt".

    Was bedeutet das? Wie wohl alle Theologen der Zeit hatte Luther den Satz lange als Drohung gelesen. Er dachte dabei zunächst an die Gerechtigkeit, die der strafende Gott im Jüngsten Gericht walten lässt. Jetzt ging ihm aber plötzlich auf: mit Gerechtigkeit ist ein Geschenk gemeint, das Gott den Menschen durch den Glauben zukommen lässt, eine Gnade.

    "Da hatte ich das Gefühl, ich sei geradezu von neuem geboren, und durch geöffnete Tore in das Paradies eingetreten. Da zeigte mir sogleich die ganze Schrift ein anderes Gesicht."

    Diese Erkenntnis prägte ihn, und wurde zum Keim der späteren Reformation.

    -----

    Ab ca. dem 11./12. Jahrhundert fürchteten die Christen die Qualen des Fegefeuers nach dem Tod. Die katholische Kirche formte aus dieser Angst schließlich ein einträgliches Geschäftsmodell: sie erfand den Ablasshandel. Die Kirche verkaufte Ablassbriefe, mit denen die Sündenstrafen im Fegefeuer reduziert oder gar ganz erlassen werden. Der Ablasshandel florierte außerordentlich gut. Der Verkauf war eine wichtige Einnahmequelle des Vatikans, der häufig in Geldnot war. Unter anderem finanzierte er damit Anfang des 16. Jahrhunderts den Bau der Peterskirche. Zum bekanntesten Ablassprediger in dieser Zeit wurde dabei der Dominikaner und ehemaliger Inquisitor Johann Tetzel. Tetzel verkündigt in seinen Reden, der Ablass könne sogar das Seelenheil Verstorbener retten. Eine entscheidende Rolle spielte dabei auch Jakob Fugger. Fugger stellte die logistischen Strukturen zur Verfügung, übernahm die Rolle als Bankdienstleister, und verdiente durch hohe Provisionen an diesem Geschäft ordentlich mit.

    Ablasshandel - man beachte den Angestellten der Fugger-Firma, der das Geld kassiert

    Diesem Ablasshandel wollte Luther ein Ende bereiten. Seiner Meinung nach müsse niemand mit der alltäglichen und existentiellen Angst vor den Qualen des Fegefeuers leben. Das Seelenheil nach dem Tod erlange man alleine durch den Glauben und die Gnade Gottes. Einen strafenden Gott brauche man nicht zu fürchten. Später sprach er die Existenz des Fegefeuers sogar ab.

    1517 verfasste Luther hierzu 95 Thesen. In diesen Thesen prangerte Luther die Auswüchse und Geschäftetreiberei mit dem Glauben an. Unter anderem sprach er darin die Wirkungskraft von Ablässen ab, einzig wahre Reue führe zum Seelenheil. Die Thesen fanden in der Bevölkerung enormen Anklang. Luther hatte damit den Nerv der Zeit getroffen.

    Dass Luther die 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche nagelte, ist aber sehr wahrscheinlich nur eine Legende. Dazu gibt es keine belastbaren Belege. Luther selbst hatte das nie erwähnt. Außerdem waren die Thesen zunächst lateinisch verfasst, der Adressatenkreis war also recht überschaubar. Es würde sich also die Frage nach dem Sinn und Zweck so einer Aktion stellen.

    Was aber belegt ist: Luther verschickte diese Thesen an den Erzbischof von Mainz und Magdeburg als theologische Diskussionsgrundlage. Der Erzbischof leitete diese dann weiter an den Papst. Parallel dazu schickte Luther die Thesen an Freunde und Kollegen. Womit Luther allerdings nicht rechnete: wie schnell sich die Thesen verbreiteten. Gelehrte schrieben sie ab, übersetzten sie ins Deutsche, und verschickten sie weiter. Mit der Druckerpresse wurden diese dann schnell vervielfältigt.

    -----

    Ende des Mittelalters gab es in der Kirche einige Missstände:

    • Ämterkauf und -Verkauf (Sinonie)
    • Ämter wurden oft an Verwandte vergeben (Nepotismus)
    • Schlechte Ausbildung der Geistlichen.
    • Würdenträger gebärdeten sich oft wie Fürsten, und nicht wie Seelsorger.

    Einige Leute hatten den Mut, diese Missstände anzuprangern. Ein berühmter Reformer war Jan Hus (ca. 1370-1415). Hus klagte die Verweltlichung der Kirche an. Er hielt sie sittlich für verkommen. Bereits Hus verurteilte den Ablasshandel. Die Folge war, dass Hus als Ketzer angeklagt, und letztlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.

    Dieses Schicksal drohte auch Luther. Zwei entscheidende Dinge bewahrten Luther vor diesem Schicksal:

    • Der Buchdruck von Johannes Gutenberg ermöglichte Luther, seine Schriften in Form von Flugblättern großflächig unter das Volk zu bringen. Das brachte ihm Bekanntschaft und breite Zustimmung in der Bevölkerung.
    • Luther hatte Unterstützung bei einigen Landesherren, da der neue Glaube die Möglichkeit einer Opposition gegenüber dem Kaiser ermöglichte. Vor allem der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise bot Luther an seinem Wohnort Schutz.

    -----

    Nach der Veröffentlichung der 95 Thesen stellte sich Luther immer schärfer zur Kirche. Er sah zum einen all die Priester, Mönche und Nonnen, die angeblich zwischen Gott und den Menschen vermitteln müssen. Luther sagte: weg mit ihnen! Er verkündete das Priestertum aller Getauften: jeder Christ könne direkt zu Gott sprechen und erhalte Antwort. Er kritisierte die Heiligenanbetung, die Reliquien, die Wallfahrten und all die gewachsenen kirchlichen Gebräuche: nichts davon stehe in der Bibel. Die meisten Sakramente (Priesterweihe, Ehe, Firmung, letzte Ölung, Buße): auch davon stehe nichts in der Bibel. Die Bibel sei aber das einzige was zähle. Der Papst sehe sich als Stellvertreter Christi: welche Anmaßung!

    Mit all dem hielt Luther sich nicht zurück. Er wütete und fluchte genauso beherzt wie er argumentierte, und alle sollten davon erfahren. Mit Hilfe des neuen Buchdrucks konnte Luther seine Schriften in riesigen Auflagen unter das Volk bringen. Er entfachte eine Propagandaschlacht: Boten und Buchhändler verbreiteten seine Traktate und Flugschriften. Und diese fanden reißenden Absatz, die Leser konnten nicht genug davon bekommen. Auch zu vielen anderen Dingen des menschlichen Lebens verkündete er Weisheiten. Heute würde man sagen: er war der bekannteste Influencer seiner Zeit, mit einer Heerschar an Followern. Aber auch die Gegenseite zog mit: die Kirche stellte Luther als Monstrum dar und vom Teufel besessen. Die Reformation wurde zum ersten Medienereignis der Weltgeschichte.

    Für den Papst war Luther ein Ketzer. Er drohte mit Verbannung: Luther müsse widerrufen. Auch der junge Kaiser Karl V. befürchtete, dass Luther die christliche Ordnung zerstöre. Luther hatte damit die mächtigsten Personen seiner Zeit gegen sich: den Kaiser, den Papst, und auch den tief gläubigen Jakob Fugger, der mit seinem Geld die Fäden im Hintergrund zog.

    1521 beorderte der Kaiser schließlich Luther nach Worms, wo der Reichstag stattfand. Hier sollte Luther seine Schriften widerrufen. Bei seiner Ankunft in Worms wurde Luther von der Bevölkerung wie ein Popstar begeistert empfangen. Und er widerrief nicht:

    "Wenn ich nicht durch Schriftzeugnisse oder einen klaren Grund widerlegt werde, so bin ich durch die von mir angeführten Schriftworte bezwungen. Und solange mein Gewissen durch die Worte Gottes gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es unsicher ist und die Seligkeit bedroht, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen."

    (Die berühmten Worte "Hier stehe ich, ich kann nicht anders." wurden erst in einer späteren Druckfassung der Rede ergänzt. Sie sind also vermutlich so nicht gefallen.)

    Der Kaiser verkündete darauf das Wormser Edikt: jeder dürfe Luther verhaften, und sogar töten.

    Auf dem Reichstag selbst hatte Luther im Vorfeld die Zusicherung vom Kaiser erhalten, dass Luther freies Geleit hatte. Die Landesherren die zwei Jahre vorher Karl V. zum Kaiser gewählt hatten, und auf dem Reichstag anwesend waren, stellten sicher, dass der Kaiser diese Zusicherung auch einhielt. Luther floh darauf zu seinem Landesherren, dem Kurfürst von Sachsen, der seinen berühmten Professor anschließend auf der Wartburg bei Eisenach verstecken ließ.

    -----

    Die katholische Kirche sollte nach Luther nicht mehr alleiniger Herr der heiligen Schrift sein. Sie sollte nicht mehr zwischen den Gläubigen und der Bibel stehen. Das Evangelium sollte als persönliche Anleitung zum Seelenheil dienen. Luther entschloss sich deshalb während seines Aufenthalts auf der Wartburg zur Übersetzung des Neuen Testaments in die deutsche Sprache (später übersetzte er auch das Alte Testament). Er benötigte dafür lediglich 11 Wochen. Welch eine Leistung!

    Bibelübersetzungen in die deutsche Sprache gab es zwar bereits schon vor Luther. Luther war also nicht der erste, der die Bibel übersetzte. Die früheren Übersetzungen setzten aber auf die bereits übersetzte lateinische Bibelversion auf. Diese Übersetzungen waren deswegen unpräzise, klangen hölzern und waren oft unverständlich. Luther übersetzte dagegen die griechischen Originaltexte des Neuen Testaments (also die Ursprache), und legte Wert auf einfache und verständliche Formulierungen, damit auch das einfache Volk sie verstehen konnte. Der in Dialektik und Rhetorik ausgebildete Reformer hatte deshalb nicht alles wörtlich übersetzt, sondern "dem Volk aufs Maul geschaut".

    Als Beispiel hier eine frühere Übersetzung des (ziemlich bekannten) Psalm 23:

    "Der Herr der richt mich, und mir gebrast nit. Und an der Statt der Weide, do satzt er mich. Er führt mich ob der Wasser der Wiederbringung. Er bekehrt mein Seel."

    In Luthers Übersetzungsversion lautet der Psalm dagegen:

    "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue, und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele."

    Damit erzielte Luther einen Durchbruch bei der Bevölkerung. Die deutsche Bibelübersetzung von Luther war der erste deutsche Bestseller, Luthers größte literarische Leistung, und (gemessen an ihrer Wirkung) sein theologisches Hauptwerk.

    Mit der Bibelübersetzung schaffte Luther einen Meilenstein zu einer einheitlichen deutschen Sprache: Luthers verständliche Sprache ist zur deutschen Literatursprache geworden. Er erfand sogar neue deutsche Worte, wie zum Beispiel "Friedfertigkeit", "Herzenslust", "Lästermaul", "plappern", "kleingläubig", "Machtwort" oder "Nächstenliebe". Auch viele Redewendungen gehen auf Luther zurück, wie zum Beispiel "Gut Ding will Weile haben", "Sein Licht unter den Scheffel stellen", "Perlen vor die Säue werfen", "Stille Wasser sind tief", "Hochmut kommt vor dem Fall" oder "Der Geist ist stark, aber das Fleisch ist schwach.".

    -----

    1522 verlies Luther die Wartburg und zog wieder nach Wittenberg zurück, wo er wieder anfing zu lehren und zu predigen. Im Gebiet seines Fürsten konnte Luther sich sicher fühlen, denn in Sachsen galt das Wormser Edikt nicht. Friedrich der Weise hatte hierzu mit dem Kaiser eine Vereinbarung getroffen. Wie es dazu kam, ist bis heute rätselhaft. Aber auch im übrigen Reichsgebiet hatte das Edikt nur eine schwache Wirkung.

    Mit der Reformation entstand eine neue Konfession: die evangelische. Sie wurde so genannt, weil sie sich besonders deutlich auf die Evangelien im Neuen Testament bezog. Die neue Konfession verbreitete sich rasch in der gesamten Bevölkerung. Es bildeten sich immer mehr evangelische Gemeinden.

    1526 wurde auf dem Reichstag in Speyer zunächst beschlossen, dass die Reichsstände selbst entscheiden durften, ob sie katholisch bleiben oder zum Luthertum übertreten wollten. 1529 jedoch drängte die Mehrheit der katholischen Reichsstände darauf, den Kompromiss wieder aufzuheben. Dagegen protestierten die evangelische Fürsten. Seitdem wurden die Lutheranhänger deshalb auch Protestanten genannt.

    Die Spaltung der christlichen Kirche war nicht mehr aufzuhalten, was Luther Zeit seines Lebens nicht wahrhaben wollte. Luther wollte die Kirche reformieren, und nicht spalten.

    -----

    Ab 1524 kam es zu einem großen Aufstand der Bauern. Der Bauern-Aufstand war die erste Revolution auf deutschem Boden. Die Bauern litten unter erdrückenden Abgaben, Frondiensten und Leibeigenschaft. In der reformatorischen Bewegung, die sich die Freiheit von der Papstkirche erkämpft hatte, sahen die Bauern ihr Vorbild. Bei ihren Forderungen beriefen sich die Bauern auch explizit auf Luther.

    Der Bauern-Aufstand trieb Luther in einen tiefen Zwiespalt: sollte er seinem Gewissen gehorchen, oder seinem fürstlichen Beschützer, Friedrich dem Weisen? Als es zu den ersten Gewaltakten der Bauern kam, ging Luther auf Distanz zu den Bauern. Die blutigen Exzesse führen bei Luther dann zu einer radikalen Umkehr. Weil auch die Obrigkeit seiner Auffassung nach von Gott sei, und weil Luther diese brauchte um die Reformation zu sichern, stellte er sich schließlich gegen die Bauern. Er sah gar den Teufel am Werk und forderte nun sogar die Vernichtung der Rebellen. Der Bauern-Aufstand wurde dann auch niedergeschlagen. Es kam zu einem Massaker in der Landbevölkerung.

    Die Freiheit, die die Bauern wollten, war nicht die Freiheit, die Luther wollte. Für Luther bedeutete Freiheit in erster Linie die Freiheit des Christenmenschen. Für die Bauern hingegen bedeutete es die Freiheit von Abgabenlasten und von Leibeigenschaft.

    Ungnädig war Luther, der den gnädigen Gott pries, später auch mit den Juden. Da sie sich nicht bekehren lassen wollten, verfasste er 1543 eine Hetzschrift gegen sie: "Von den Juden gegen ihre Lügen". Das üble Pamphlet, in dem Luther u.a. forderte jüdische Synagogen niederzubrennen, entsprach dabei dem judenfeindlichen Geist der Zeit. Die von Luther gepredigte Freiheit endete für ihn also auch bei den Juden.

    -----

    1530 überreichten auf dem Augburger Reichstag die evangelischen Reichsstände dem Kaiser eine Schrift, der zur Aussöhnung mit dem katholischen Reichsoberhaupt führen sollte: die "Confessio Augustana". In dem Text erläuterten sie dem Kaiser die Grundlagen des evangelischen Glaubens, und betonten dabei die Gemeinsamkeiten mit den Altgläubigen. Der Kaiser lehnte diese Schrift aber ab. Die Folge: weil die evangelischen Fürsten nun eine gewaltsame Auseinandersetzung mit dem Kaiser fürchteten, schlossen sie sich ein Jahr später zum Schmalkaldischen Bund zusammen. Die "Confessio" entwickelte sich später zu einer zentralen Bekenntnisschrift innerhalb des Luthertums.

    Luther starb 1546. Kurz darauf fanden die ersten kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Kaiser und dem schmalkaldischen Bund statt. Obwohl der Kaiser daraus siegreich hervorging, konnte er die Unruhen im Reich nicht beenden.

    1555 wurde mit dem Augsburger Religionsfrieden eine vorläufige Einigung erzielt. Der Kompromiss lautete: "Cuius Regio, Eius Religio". Die Landesherren durften also die Religion in ihren Gebieten bestimmen. Für die Bevölkerung hieß das: sie mussten die Religion ihres Landesherren übernehmen, oder auswandern. Dieser Kompromiss stabilisierte das Reich vorübergehend. Der Kontrakt sollte bis zum Ende des römisch-deutschen Reichs 1806 das Verhältnis der Konfessionen regeln.

    -----

    Nach und nach schlossen sich immer mehr Gebiete dem neuen Glauben an. Die katholische Kirche begann daher sich zu wehren. Ende des 16. Jahrhunderts führte sie deshalb immer agressiver einen Feldzug der Rekatholisierung von protestantischen Gebieten: die Gegenreformation setzte ein.

    All dies führte zu immer schärfer werdenden Konflikten zwischen Katholiken und Protestanten. 1608 gründeten evangelische Fürsten das Verteidigungsbündnis "Union", ein Jahr später die katholische Gegenseite die "Liga". Es fehlte nur noch ein Funke, der das Pulverfass zur Explosion bringen sollte.

    Dieser Funke war dann 1618 der Prager Fenstersturz, als protestantische Adelige nach heftigen Wortgefechten Beamte des katholischen Königs von Böhmen aus dem Fenster warfen, und damit einen Bruch mit dem Landesherrn vollzogen. Zunächst war das lediglich ein lokaler Konflikt. Dieser lokale Konflikt entwickelte sich dann aber durch das Eingreifen von Liga und Union in den Folgejahren nach und nach zu einem Flächenbrand, der schließlich das gesamte Reich erfasste, und der nicht mehr zu kontrollieren war: "Der Krieg ernährt den Krieg".

    Aber nicht nur Glaubensfragen, sondern vor allem auch machtpolitische Motive spielten dabei eine zentrale Rolle. Dänemark, Schweden, Frankreich und Spanien griffen im Namen der Religion in den Konflikt ein, und wollten ihre jeweiligen Interessen durchsetzen. Das deutsche Reich ist zum Schlachtfeld europäischer Mächte geworden. Zahllose Städte und Dörfer wurden verwüstet. Einzelne Siege und Niederlagen änderten aber nichts am Gesamtkonflikt und der Spaltung innerhalb der Bevölkerung. Erst als nach vielen Jahren auf beiden Seiten die totale Erschöpfung einzog, und die Einsicht einkehrte, dass das Blutvergießen ein Ende haben müsse, wurde 1648 eine Einigung erzielt: durch den Westfälischen Frieden, der die Glaubenskonflikte neu regelte. Mit dem Westfälischen Frieden wurde die katholische und die evangelischen Konfession offiziell gleichgestellt, und feste Territorial- und Konfessionsgrenzen vereinbart, die bis heute noch nachwirken.

    Trotz aller Machtmotive war der 30-jährige Krieg im Kern ein Religionskrieg, und die größte Katastrophe in der deutschen Geschichte. Er war noch deutlich schlimmer als der zweite Weltkrieg. Einer Schätzung nach fiel über ein Drittel der deutschen Bevölkerung dem 30-jährigen Krieg zum Opfer, in Süddeutschland sogar zwei Drittel der Bevölkerung. Millionen von Menschen starben durch Gewalt, Hunger oder Seuchen. Auch nach dem Krieg herrschte noch viele Jahre und Jahrzehnte im gesamten Reich größtenteils extreme Not.

    Einige Historiker beschäftigen sich fast ausschließlich mit dem 30-jährigen Krieg: Den Ursachen, den Verlauf, und den Folgen in der deutschen Geschichte.

    -----

    Liste der Persönlichkeiten

    ——-

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Lach-Smiley ^^ als Reaktionstyp wieder möglich sein soll. :)

    2 Mal editiert, zuletzt von Capote (26. Mai 2025 um 17:18)

  • Michelangelo

    "Schlägt mein Hammer aus dem harten Gestein eine Menschengestalt, dann muss er meinen Willen gehorchen. Aber nur Gott macht, dass mein Hammer wunderbares formen kann."
    (Michelangelo)



    Michelangelo Buonarotti (1475-1564), meist nur Michelangelo genannt, war ein italienischer Bildhauer, Maler, Architekt und Dichter. Er gilt als einer der bedeutendsten Künstler der italienischen Renaissance. Bereits zu Lebzeiten wurde er der "Göttliche" genannt, ein Genie, der Werke von unvergleichlicher Schönheit und Größe schuf. Er wird auch als der "Titan" unter den Künstlern bezeichnet.

    Als Renaissance ("Wiedergeburt") bezeichnet man die Epoche der Wiederentdeckung der Antike im 15. und 16. Jahrhundert. Die Renaissance war in erster Linie eine Kultur-Epoche. Sie machte sich aber auch in der Wissenschaft oder der Philosophie bemerkbar. Die Renaissance war aber mehr als die Wiedergeburt der Antike. Michelangelo lernte zwar von den Meistern der Antike, kopierte sie aber nicht. Menschen wie er entwickelten Technik und Kunst der alten Griechen und Römern weiter, schufen aber etwas grundlegend Neues.

    Die berühmtesten Werke von Michelangelo sind die Pietà-Skulptur, die David-Skulptur und ganz besonders die Fresken in der Sixtinischen Kapelle, allen voran die Erschaffung Adams und das Jüngste Gericht.

    Für seine Skulpturen verwendete Michelangelo in der Regel Marmorblöcke aus den Marmorbrüchen in Carrara. Meist brach er selbst den Marmor aus dem Felsen, und riskierte dabei oft sein Leben.

    Als Architekt übernahm er die Bauleitung an der noch unfertigen Peterskirche in Rom, und entwarf die überragende Kuppel des Petersdoms.

    -----

    Seine Kindheit verbrachte Michelangelo in Florenz als Sohn eines verarmten Adeligen. Schon früh wollte er Künstler werden, entgegen dem Willen seiner Eltern. Zunächst beschäftigte er sich mit der Malerei, und studierte die Grundlagen der Freskokunst. Recht bald entdeckte er aber seine Vorliebe für die Bildhauerei.

    In einer Bildhauerwerkstatt wurde er schließlich von Lorenzo de Medici entdeckt, der ihn an seinen Hof holte. Hier lernte der 13-jährige bei den berühmtesten Meistern seiner Zeit. Recht früh wies er dabei aber Rollenerwartungen zurück, er war immer ein Rebell. An Gebote und Verbote hielt sich der junge Bildhauer erst recht nicht, wenn es darum ging, den menschlichen Körper zu erforschen. Er stahl sich nachts in die Totenkammer des Konvents von Santo Spirito in Florenz, und schaute mit Erlaubnis des Priors bei Leichensektionen zu. Er sezierte dort sogar selbst, was bei Strafe verboten war. Er fertigte anatomische Skizzen an. Dadurch lernte er den Körper zu begreifen, erkannte die Oberflächenspannung der Haut, und wusste irgendwann genau, welche Muskeln an welcher Stelle lagen, und wie der Verlauf der Blutgefäße war. All dies verschafften ihm schließlich die handwerklichen Grundlagen für seine kreativen Ideen.

    In Rom wurde man recht schnell auf den jungen Künstler aufmerksam. 1496 wurde er von Kardinal Riario beauftragt, für ihn einen antiken Bacchus zu schaffen.

    Man erkennt bereits hier die äußerst detailierten und naturgetreuen Abbildungen der Muskulatur und Anatomie. Die Beweglichkeit des Körpers unterscheidet sich von den meisten Skulpturen der Antike: das Gewicht liegt auf dem linken Bein, das freie rechte Bein ist angewinkelt, der Oberkörper leicht zur Seite und nach hinten geneigt. Zusammen mit der Gesichtsmimik ergibt sich ein leicht angesäuselter Weingott...

    -----

    Die Pietà war das erste große Meisterwerk von Michelangelo, das ihn in ganz Italien berühmt machte. Er fertigte die berührend schöne Skulptur 1498/99 im Auftrag des Kardinals Jean Bilhères de Lagraulas an.

    Originalstatue Pietà im Petersdom

    Die Skulptur ist aus einem einzigen Marmorblock gemeiselt. Sie zeigt die Mutter Maria mit dem toten Körper ihres Sohnes Jesu auf ihrem Schoß. Maria ist dabei entrückt und mädchenhaft jung dargestellt. Für Michelangelo offenbart sich in dieser alterslosen und unberührten Schönheit ihre Göttlichkeit. Im Gegensatz dazu ist der Körper Christi jedoch äußerst naturgetreu und ausdrucksvoll nachgebildet. Die linke freie Hand Marias deutet in eine erweiterte Richtung, die Tragödie in stummen Schmerz begleitend. Im Augenblick des tiefsten Leidens erstrahlen Mutter und Sohn in ergreifender und gleichzeitig verklärter Schönheit: Sinnbild der Unsterblichkeit.

    Man erkennt zwar, dass Christus bereits tot ist, man sieht die Wunde auf der rechten Körperseite. Der rechte Arm wird aber immer noch von Adern pulsiert. Zwischen Zeige- und Mittelfinger hält er eine Falte des Grabtuches. Die Hand ist noch nicht so schlaff geworden, dass die Falte herunterfällt. Auf diese Weise wird der Übergang zwischen Leben und Tod gezeigt. Das Zurücksinken des Kopfes Christi ist ein Moment des Todes, aber auch des Schlafes.

    Auf dem Brustriemen der Mutter Gottes befindet sich eine Signatur: "Michelangelo Buonarotti aus Florenz machte dies". Es war die letzte und einzige Signatur auf einer Skulptur Michelangelos. Nach dieser Skulptur brauchte er nie wieder zu signieren. Er war danach mit einem Schlag der berühmteste Bildhauer Italiens.

    -----

    1501 erhielt Michelangelo von der Wollweberzunft, als verantwortliche Verwalter des Doms in Florenz, den Auftrag für eine kolossale Davidstatue. Aus einem Marmorblock von über fünf (!) Metern Höhe, sollte er eine Plastik schlagen. Michelangelo arbeitete an dem Auftrag wie besessen. Er schlief kaum noch, stürzte in Depressionen: "Im Schatten bleib ich, ganz alleine. Ein jeder darf sich freuen, nur ich, in Qualen zur Erde hingestreckt, ich klag und weine."

    Die ausdrucksvolle Davidstatue war die erste Monumentalstatue der Hochrenaissance, eine Ikone einer ganzen Epoche. Der Hirtenknabe ist dargestellt wie die Götter der Antike. Zeitgenossen nannten die riesige Skulptur "der Gigant". Aber nichts an ihm ist grotesk wie bei antiken Kolossalstatuen. Damals war die Mischung aus Perfektion und Schönheit einzigartig. Für die Republik Florenz war er ein Symbol von Widerstand, Freiheit und Souveränität.

    Die Skulptur stellt den biblischen David in dem Augenblick dar, in dem er den Kampf gegen den Riesen Goliath aufnimmt. Die Steinschleuder ist bereits geladen, der Riemen noch auf der Schulter abgelegt. Das Gewicht liegt auf dem rechten Bein, der Oberkörper ist schräg entgegengesetzt der Blickrichtung verlagert.

    Der leicht nach oben geneigte Blick Davids ist konzentriert auf einen Punkt in der Ferne in Richtung Goliath gerichtet, die Stirn ist zwischen den Augen gerunzelt, die Lippen angespannt, die Halssehnen straff. Die kampfbereite Spannung ist intensiv spürbar.

    Dem Hirtenknaben, der zum jüdischen König werden wird, gab Michelangelo eine ungewöhnlich große Hand. Das irritiert aus der Nähe, ist jedoch auf eine Fernwirkung ausgerichtet. Dieser Effekt wird auch bei Theatern eingesetzt.

    Der Vertrag über die Schaffung des David war ein eklatanter Vertragsbruch von Michelangelo. Er hatte parallel noch einen Vertrag mit Kardinal Piccolomini laufen, über die Ausschmückung der Grabstätte von Papst Pius II. in der Kathedrale von Siena, in einem definierten Zeitraum. Er hatte dabei die Verpflichtung unterzeichnet, keine anderen Aufträge in dieser Zeit anzunehmen. So einen Vertragsbruch konnte sich kein anderer Künstler erlauben. Bei Michelangelo wurde dies jedoch hingenommen. Päpste und Fürsten schrumpften im Umgang mit ihm zu Bittstellern. Als einziger Künstler der Neuzeit diktierte Michelangelo den Mächtigen seine Preise und Bedingungen. Er bot den Fürsten und Päpsten die Stirn, und blieb dennoch stets ihr Favorit.

    -----

    Herbst 1503 im Nordwesten von Florenz. Leonardo da Vinci malt wie ein Bessesener Pferde, das Lieblingssubjekt des alten Tausendsassas. Es sind Skizzen für ein Riesenschlachtengemälde im Rathaus.

    Ein Jahr später im Südosten von Florenz. Plötzlich zeichnet auch der junge Michelangelo emsig: nackte Männer, wie so oft. Die Zeichnungen sind ebenfalls für ein Schlachtengemälde im Rathaus. Der Auftrag des jungen Überfliegers soll Ansporn, im Zweifel Ersatz für den langsamen, oft säumigen älteren Leonardo sein.

    Mit diesem Doppelauftrag hetzt die Stadt ihre besten Künstler aufeinander. Doch beide werden scheitern.

    Die Republik Florenz wollte ihren Regierungssitz von den zwei besten Künstlern ihrer Zeit veredeln lassen. Zwei Meister, die verschiedener nicht sein konnten, bei gleichzeitig so vielen Ähnlichkeiten. Zwei Multitalente, bewandert in mehreren künstlerischen Disziplinen. Der eine mit Hang zur Poesie, der andere zur Wissenschaft. Michelangelo introvertiert und extrem subjektiv, Leonardo kommunikativ und auf Objektivität bedacht. Der junge manisch einsam, der alte stets von Assistenten umgeben. Auf zwei gegenüber liegenden Wänden im großen Rathaussaal sollten sie ihr Werk verewigen. Dazu kam es jedoch nicht.

    Die beiden hatten ihre Fresken auf riesigen maßstabsgetreuen Kartons vorbereitet. Die Stadt Florenz hatte den beiden dafür extra große Arbeitsräume zur Verfügung gestellt. Für ihre Fresken hatten sie Vorzeichnungen auf Kartons angefertigt, in Originalgröße. Ihre 17 mal 7 Meter großen Schlachtengemälde bestanden aus gut 500 solcher Teilkartons. Anfang 1505 standen beide kurz davor, diese Kartons auf die Rathauswand zu übertragen. Sie hätten schon Löcher zum Durchpausen stechen können. Michelangelo, vielleicht auch Leonardo, ist jedoch nicht mehr dazu gekommen. Über die Gründe gibt es lediglich Spekulationen.

    Anstelle ihrer Fresken hatte die Stadt Florenz schließlich ihre Kartons ausgestellt. Die Kartons wurden dennoch in der Kunstwelt als Sensation gefeiert. Oder vielleicht gerade deswegen. Künstler aus aller Welt pilgerten nach Florenz, um diese Kartons zu sehen, sie abzumalen oder zu kopieren.

    Die bekannteste Kopie von Leonardos Kartons stammt von Peter Paul Rubens:

    Von einem Schüler von Michelangelo ist folgende Kopie von Michelangelos Kartons überliefert:

    Man sieht die völlig unterschiedlichen Umsetzungen desselben Themas der beiden Meister. Leonardo zeigt ein chaotisch brutales Wirrwarr von Reitern und Pferden, eine geniale Darstellung von Bewegung und Kraft. Bei Michelangelo hingegen ist kein Kampf zu sehen. Lediglich die Anspannung kurz davor, die in jeder Muskelphase der spektakulär gewundenen Körper zu spüren ist.

    Dass Michelangelo ein Werk nicht vollendet hat, war keine Ausnahme bei ihm. Es gibt zahlreiche Beispiele hierfür. Er ist bekannt als "Non-finito Michelangelo". Michelangelo entwickelte im Laufe seines Lebens eine große Anzahl an Plänen zu Werken und Projekten von teilweise gigantischen Ausmaßen. Nur ein Bruchteil dessen, was sein genialer Geist hervorbrachte, hatte er letztlich final umgesetzt.

     

    -----

    Michelangelo arbeitete für mehrere Päpste in Rom. In der Nähe des antiken Trajanforums an der Salito del Grillo wurde ihm dafür ein kleines Haus geschenkt. In diesem Haus lebte Michelangelo über 50 Jahre, er starb auch darin. Es war ein kleines mittelalterliches Backsteinbaus in den römischen Foren, die die Natur zurück erobert hatte. Weit weg vom Rom der Paläste und des päpstlichen Hofes. In dem Haus hatte er eine kleine Schmiede. Im ersten Stock ein Zimmer, in dem er auch schlief, und im Erdgeschoss ein großer Raum, in dem er arbeitete. Er führte ein sehr einfaches und spartanisches Leben. Zeitgenossen beschrieben es als geradezu armselig. Er stand immer bei Sonnenaufgang auf, und schlief nur sehr wenig.

    Die Gegend um das Trajanforum lag damals in der Peripherie von Rom. Die antiken Ruinen waren zur Landschaft geworden, von der Natur überwuchert. Hier lebten nur Bauern und Hirten. Es prägte ihn, dass er in Berührung der Antike lebte, und damit im faszinierendsten Teil der Stadt. Zu Michelangelos Zeit herrschte hier eine sehr poetische Atmosphäre. Es war wie auf dem Land. Hier weideten Kühe und Schafe, die Hirten schliefen unter den antiken Bögen.

    -----

    1508 wurde Michelangelo von Papst Julius II. beauftragt, die Decke der Sixtinischen Kapelle zu bemalen: der Ort, in dem seit 1876 dauerhaft die Papstwahl stattfindet (davor zwar immer wieder auch schon, aber nur unregelmäßig).

    Sixtinische Kapelle

    Die ursprüngliche Idee war eine Darstellung der zwölf Apostel. Michelangelo entwarf dann aber einen Bilderkosmos der Schöpfungsgeschichte. Ein gemalter Tempel, bevölkert mit einem Universum von Figuren.

    Decke der Sixtinische Kapelle

    Und Gott sprach, es werde Licht. Und es wurde Licht.

    Erschaffung von Sonne und Mond

    Gottvater im Flug durch den Kosmos. Der Gesichtsausdruck strahlt die gewaltige göttliche Energie aus, die umgebenden Gestalten zeigen regelrecht Angst vor der Intensität. Solche Bilder hatte man damals noch nie gesehen. Michelangelo wird zu jemanden, der Gott näher ist als andere Menschen.

    Die Erschaffung Adams:

    Die göttliche Energie überträgt sich auf den Menschen und erweckt ihn zum Leben: eine unbeschreibliche Geste. Ein Symbol der Allmacht, der Mensch als Ebenbild Gottes. Der Gesichtsausdruck Adams: als würde er aus tiefem Schlaf langsam zum Leben erwachen. Der Schöpfer ist umgeben von Ideen weiterer Vorhaben, eingehüllt in einen muschelförmigen Mantel: eine geniale Darstellung. Neben Genies und einigen Kindergestalten schaut unter seinem linken Arm eine junge Frau mit ängstlichen Blick auf Adam: die noch ungeborene Eva. Das Bild ist äußerst populär, häufig werden auch nur die beiden Hände als Ausschnitt gezeigt.

    Die Erschaffung Evas:

    Ein intellektueller Prozess Gottes: durch seinen Willen und seinen Gedanken nimmt Leben Gestalt an. Eva geht aus Adam hervor, wie ein Ast aus einem Baum. Der Baumstamm überhalb Adam verdeutlicht das Motiv: Eva ist ein Teil Adams, so wie der Ast ein Teil des Baumes ist.

    Der Sündenfall: das Verlangen nach der verbotenen Frucht, Adam greift schließlich selbst danach. Ein Bruch mit der Tradition, die Ursünde, die die Unheilsgeschichte der Menschheit begründet. Eine zutiefst menschliche Erfahrung, von Wünschen getrieben.

    Nach dem Sündenfall: als Strafe die Vertreibung aus dem Paradies, gefolgt von Schuldgefühlen, Reue und Schmerz. Die Körper sind gealtert, der Weg des Menschen von Leid und Tod bestimmt.

    In diesen Bildern zeigt sich der Humanismus der Renaissance: im Mittelpunkt von Kunst und Philosophie stehen menschliche Erfahrungen, Emotionen und Psychologie.

    Michelangelo arbeitete vier Jahre an diesem Deckengemälde. Er hatte damit eines der größten Meisterwerke der Kunstgeschichte geschaffen. Die Erschaffung Adams ist das bekannteste und berühmteste Bild von Michelangelo.

    -----

    Nach der Fertigstellung des Deckengemäldes vergingen fast 30 Jahre, bis die Werke in der Sixtinischen Kapelle mit einem monumentalen Fresko über der Altarwand gekrönt wurden. Papst Paul III. beauftragte dazu Michelangelo mit einer Darstellung des jüngsten Gerichts. Hintergrund war die Schwächung der Kirche durch den aufkommenden Protestantismus durch Martin Luther. Mit diesem Werk sollte eine Demonstration der katholischen Macht gezeigt werden. Es sollte damit erinnert werden, dass Gott am Ende über gut und böse richtet. Michelangelo musste dabei die bereits bestehenden Bilder an der Wand übermalen. Dadurch entstand ein farblicher, thematischer und stilistischer Kontrast zu den anderen Wandgemälden in der Kapelle.

    Jüngstes Gericht

    Das Riesengemälde enthält auf über 200 m² ca. 390 Figuren, viele davon überlebensgroß. Im Zentrum befindet sich der Gottessohn an der Seite von der Jungfrau Maria, im Kreise von Aposteln, Engeln und Heiligen. Rechts und links davon halten sich die geretteten Seelen auf, während die um Gnade flehenden, wie auch die bereits Verdammten, sich zu seinen Füßen sammeln.

    Im Gegensatz zu den bisher existierenden, eher statischen und das Ergebnis darstellenden Werke des jüngsten Gerichts, ist bei Michelangelo eine dramatische Dynamik zu sehen, bei der die Handlung des Gerichts im Mittelpunkt steht.

    Christus wird in dem Moment gezeigt, in dem er kurz davor steht, die endgültigen Urteile über die einzelnen Schicksale zu fällen, was beim Betrachter eine Spannung der Angst erzeugt. Der Gottessohn hebt seinen rechten Arm, um zu urteilen, und den anderen, um Bitten abzulehnen. Er scheint dabei emotionslos zu sein, und lediglich göttliche Gerechtigkeit auszuüben.

    Als "Easter Egg" hatte Michelangelo ein Selbstbildnis untergebracht. Er malte sich als Gehäuteten, Ausdruck seines spirituellen Leidens:

    Michelangelo benötigte für dieses Monumentalgemälde weitere fünf Jahre.

    "Wer die Sixtinische Kapelle nicht gesehen habe", so Johann Wolfgang von Goethe 1787, "könne sich keinen Begriff davon machen, was ein Mensch vermag. Ich konnte nur sehen und staunen."


    -----

    Liste der Persönlichkeiten

    -----

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Lach-Smiley ^^ als Reaktionstyp wieder möglich sein soll. :)

    2 Mal editiert, zuletzt von Capote (6. Juni 2025 um 09:01)

  • Anzeige
  • Napoleon

    "Ich liebe die Macht, wie ein Musiker die Musik."
    (Napoleon Bonaparte)


      


    Einstiegsfrage: Wer war Napoleon?

    Einfache Antwort: Ein Typ mit einer Hand in der Weste, und mit einem komischen Hut. Wenn man sich so einen Hut aufsetzt, und eine Hand seitlich in das Hemd schiebt, dann weiß jeder wer gemeint ist. Ganz gleich ob in den USA, Japan oder Frankreich.

    Okay, hier doch noch ein paar mehr Infos. :)

    Napoleon Bonaparte (1769 - 1821) war der erste Kaiser von Frankreich. Seine Herrschaft prägte die europäische Geschichte maßgeblich, insbesondere durch die Einführung des Code civil, der die Rechtssysteme vieler Staaten beeinflusste, sowie durch seine umfangreichen Eroberungen von halb Europa. Er führte zum Untergang des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation.

    Geboren wurde Napoleon auf Korsika als Sohn einer Adelsfamilie. Erst in der Schule lernte Napoleon französisch. Den korsischen Akzent konnte er nie ablegen. Im Alter von 9 Jahren schickte ihn sein Vater auf eine Militärschule. Dort zeigte er eine besondere Begabung in Mathematik, wodurch er mit 15 Jahren in der königlichen Militär-Akademie in eine Artillerie-Klasse aufgenommen wurde. Hier bekam er Kenntnisse in Hydrostatik, Differential- und Integralrechnung vermittelt. Ein Jahr später erhielt er sein Offizierspatent, und machte in der französischen Armee schnell Karriere.

    1789 brach die französische Revolution aus. Napoleon begrüßte die Revolution, er erkannte darin Möglichkeiten sich zu profilieren. 1793 suchte er die Nähe der Jakobiner-Regierung unter Maximilien Robespierre. Er bekämpfte erfolgreich einen von den Briten unterstützten Aufstand von königstreuen Royalisten in Südfrankreich, wodurch er zum General befördert wurde. Nach einem gewaltsamen Regierungswechsel (Robespierre wurde dabei um einen Kopf kürzer gemacht...) verlor er dann aber sein Kommando. Er schafft es aber Kontakte zur neuen Regierung zu knüpfen, dem fünfköpfigen Direktorium. Nachdem er wiederum einen Aufstand von Royalisten erfolgreich bekämpft hatte, wurde er zum Oberbefehlshaber der Armee im Inneren ernannt.

    Napoleon besaß die Anpassungsfähigkeit, die in dieser äußerst unruhigen Zeit notwendig war, in der sich die Machtverhältnisse ständig änderten. Er war ein Opportunist: weder in Korsika noch in Frankreich verwurzelt, weder adelsstolz noch bürgerlich, kein Royalist aber auch kein Republikaner. Die Antriebsfeder bei ihm: die reine Macht!


    -----


    Im Frankreich des späten 18. Jahrhundert brodelte es. Es herrschte eine schwere Wirtschaftskrise: Hungersnöte, steigende Lebensmittelpreise und hohe Abgaben. Dazu kam noch eine hohe Staatsverschuldung, hauptsächlich durch hohe Militärkosten, Bedienung von Zins- und Tilgung von Staatsanleihen, einen verschwenderischen Lebensstil am Hof in Versailles des französischen Königs Ludwig XVI. Der König herrschte absolutistisch, der dritte Stand (Bürger und Bauern, ca. 98% der Bevölkerung) hatte keinerlei Macht. Bei den Bürgern wurden intensiv neue politische Ideen der Aufklärung diskutiert: Ideen eines gerechteren Staats. In der Bevölkerung herrschten Unruhen. In dieser angespannten Lage fehlte nur noch ein Funke, der einen Flächenbrand entfacht.

    Der Funke lieferte dann der König, der kurz vor dem Bankrott stand. Neue Staatsanleihen wurden kaum noch angenommen. Ihm fiel nichts anderes ein, als die schon hohen Steuern nochmals zu erhöhen. Das dumme dabei: der König musste das Vorhaben vom obersten Gerichtshof genehmigen lassen, dem Parlement (nicht zu verwechseln mit einem Parlament). Es geschah aber Ungeheuerliches. Aufgrund der prekären wirtschaftlichen Lage forderte das Parlement eine Anhörung der Generalstände (Vertretungen aller drei Stände). Eine Einberufung der Generalstände geschah seit über 150 Jahren nicht mehr! Die Generalstände sollten die Steuererhöhungen dann durchwinken. Die Vertreter des dritten Standes spielten dabei aber nicht mit. Im Gegenteil: sie nutzten die Situation und erklärten sich zur Nationalversammlung, in ihren Augen die einzig legitime Vertretung der französischen Nation. Sie forderten eine neue Verfassung, die dem Volk Mitspracherechte geben sollten. Der entscheidungsschwache König wusste sich nicht anders zu helfen, als dass er die Vertreter der ersten beiden Stände (Klerus und Adel) aufforderte, sich dem dritten Stand anzuschließen, und zu einer Einigung zu gelangen. De facto erkannte er damit die Nationalversammlung an. All das waren revolutionäre Vorgänge: die alte Ordnung wurde auf den Kopf gestellt!

    In der Pariser Bevölkerung wusste niemand, wie der wankelmütige König zu den revolutionären Abgeordneten stand. Die Angst vor einem Gewaltschlag nahm zu. Als Gerüchte aufkamen, dass der König die Armee einsetzen will, um die Nationalversammlung zu zerschlagen, kam es im gesamten Stadtgebiet zu Aufständen und Plünderungen. Vor allem Waffen werden geplündert. Viele Soldaten und Gardisten desertierten und schlossen sich den Aufständischen an. Am 14. Juli 1789 kam es dann zur Erstürmung des Staatsgefängnis, der Bastille. In der Bastille lagerten große Mengen an Waffen und Munition. Die Militärmacht des Königs war gebrochen. Das war der offizielle Beginn der französchen Revolution. Der Sturm auf die Bastille grub sich in das französche Nationalgedächtnis ein. Der 14. Juli ist heute der französische Nationalfeiertag.

    Der König lenkte schließlich ein: "Mein Volk kann immer auf meine Zuneigung zählen." Die Nationalversammlung beschloss darauf das Ende des Feudalsystems: die Leibeigenschaft wurde abgeschafft, die Grundherren verloren ihre Vorrechte, die Bürger bekamen Zugang zu allen Ämtern, alle Menschen sollten nach gleichen Grundsätzen Steuern bezahlen. Gesetze wurden von nun an von der Nationalversammlung beschlossen, die der König umsetzen sollte. Es wurden die Menschen-und Bürgerrechte verkündet: das Recht auf Freiheit, Eigentum, Sicherheit, Widerstand gegen Unterdrückung, eigene Meinung, Selbstbestimmung und freie Religionsausübung. Diese Rechte orientierten sich an der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Es wurde eine Verfassung ausgearbeitet, die am 3. September 1791 verkündet wurde. Frankreich war nun offiziell eine konstitutionelle Monarchie.

    Der König kooperierte offiziell mit der Nationalversammlung, bat aber heimlich die gekrönten Häupter Europas um Hilfe. Schließlich versuchte er in das Ausland zu fliehen, wurde aber daran gehindert. Das Vertrauen in den König schwand. 1792 wurde der König abgesetzt und verhaftet. Die Monarchie war beendet. Die Republik wurde ausgerufen, mit einer demokratischen Verfassung. Die Regierung an der Macht wurde nun vom Volk gewählt, mit dem Nationalkonvent als Parlament.

    In dem Konvent waren die Jakobiner als radikale Verfechter der Revolution besonders erfolgreich. Einer der mächtigsten Wortführer war dabei Maximilien Robespierre. Er stellte den Antrag, den König als Feind der Republik zum Tode zu verurteilen. Der Konvent beschloss darauf mit knapper Mehrheit, dass der König hingerichtet werden sollte. 1793 wurde Ludwig XVI. mit der Guillotine enthauptet, einer neuen effizienten Tötungsmaschine mit einem Fallbeil, die von Joseph-Ignace Guillotin konstruiert wurde.

    Aber auch die neue Regierung bekam die Wirtschaftskrise nicht in den Griff. Außerhalb von Paris stießen die Verordnungen oft auf Widerstand. Überall kam es zu neuen Aufständen. Die Jakobiner hatten nun Angst, dass die Revolution scheitert. Das Parlament setzte deshalb eine neue Regierung ein: den "Wohlfahrtsausschuss", ein mit uneingeschränkter Regierungsmacht ausgestattetes Notstandsgremium zur Rettung der Republik. Der Wohlfahrtsausschuss bestand aus einer kleinen Gruppe mit 12 Personen, die Frankreich nun diktatorisch regierten. Vorsitzender des Ausschusses wurde Robespierre. Die allgemeinen Grundrechte wurden ausgesetzt. Der Ausschuss legte u.a. die Preise für Lebensmittel fest, führte eine allgemeine Wehrpflicht ein, und sorgte dafür dass die Polizei die Republik schützte. Um die Revolution zu retten war Robespierre jedes Mittel recht. Er ging radikal gegen Leute vor, die er als Feinde der Republik sah. Er baute ein Spitzel- und Denunziantensystem auf, und führte Revolutionsgerichte ein. Hunderttausende Menschen wurden angeklagt, in das Gefängnis geworfen oder zum Tode verurteilt, oft ohne Prozess. Die geringsten Vergehen genügten für eine Anklage. Die Guillotine war im Dauereinsatz. Aufstände wurden mit gnadenloser Brutalität niedergeschlagen. Die Schreckensherrschaft der Jakobiner wurde schließlich der "große Terror" genannt, "die Revolution fraß ihre Kinder".

    Robespierre wurde immer radikaler. Vor dem Konvent erklärte er: "Terror ohne Tugend ist verderblich, doch Tugend ohne Terror ist ohnmächtig.". Im Parlament wuchs der Widerstand. Selbst unter den engsten Vertrauten witterte Robespierre nun Verrat. Als er schließlich ankündigte, eine neue Liste mit Verrätern zu haben, fürchteten die Parlamentsmitglieder um ihr Leben. Der Konvent erklärte Robespierre darauf zum Verbrecher: er wurde verhaftet und zum Tode verurteilt. Robespierre landete nun selbst auf der Guillotine.

    Die Schreckensherrschaft war beendet. Die Revolutionsgerichte wurden abgeschafft, die Jakobiner entmachtet. 1795 wurde eine neue Verfassung verabschiedet. Angeführt wurde die neue Regierung nun von einem fünfköpfigen Direktorium. Aber auch dem Direktorium gelang es nicht, die politische Lage auf Dauer zu stabilisieren. Es kam immer wieder zu neuen Aufständen. Die königstreuen Royalisten drohten die Macht zu übernehmen. Die Widerstände mussten militärisch niedergeschlagen werden. Unter anderem durch Napoleon Bonaparte, der schließlich 1799 durch einen Staatsstreich selbst die Macht ergriff.

    In den zehn Jahren zwischen dem Sturm auf die Bastille und der Machtübernahme durch Napoleon, durchlebte Frankreich nach dem Absolutismus wie im Zeitraffer sämtliche Staatsformen, die für das 19. und 20. Jahrhundert prägend werden sollten: von der konstitutionellen Monarchie, über die demokratische Republik, bis zur Diktatur einer Minderheit, die für sich in Anspruch nahm, den Volkswillen besser als alle anderen zu kennen.


    -----


    Wie reagierten die europäischen Monarchien auf die französische Revolution? Zunächst reagierten sie gar nicht, da sie darin eine Schwächung ihres französischen Konkurrenten sahen. Die gescheiterte Flucht von Ludwig XVI. ließ sie dann aber befürchten, dass die revolutionären Ideen sich ausbreiten. Österreich und Preußen bildeten schließlich eine Koalition gegen Frankreich. Die Koalition forderte Frankreich auf, das Königtum wieder herzustellen, und drohte mit einer militärischen Intervention. Darauf erklärte Frankreich den beiden Staaten präventiv den Krieg. Als dann 1793 Ludwig XVI. hingerichtet wurde, schlossen sich weitere Mächte der Koalition an. Frankreich stand somit mit dem halben Kontinent im Kriegszustand.

    Vor diesem Hintergrund wurde 1796 Napoleon vom Direktorium das Kommando der französischen Italien-Armee übertragen. Napoleon fand die Truppe aber in einem erbärmlichen Zustand: schlecht bewaffnet, unterernährt und seit Monaten ohne Sold. Entsprechend schlecht waren Moral und Disziplin der Truppe. Napoleon gelang es aber rasch, mit verschiedenen Ansprachen die Begeisterung der Armee zu wecken: "Ich will Euch in die fruchtbarsten Ebenen der Welt führen. Reiche Provinzen, große Städte werden in Eure Hände fallen; dort werdet Ihr Ehre, Ruhm und Reichtümer finden."

    Napoleon hatte eine grundlegend neue Militärstrategie: "Es ist mit den Systemen der Kriege wie mit Belagerungen von Festungen. Man muss sein Feuer auf ein und denselben Punkt konzentrieren. Nachdem die Bresche geschlagen und das Gleichgewicht gestört ist, ergibt sich alles Übrige wie von selbst." Damit diese Strategie aber funktionieren konnte, musste man schneller marschieren können als der Feind. Unter Napoleon war dies möglich, weil er anstelle eines großen Tross mehrere kleine und bewegliche Armee-Einheiten gebildet hatte, die jeweils die wichtigsten Waffengattungen Kavallerie, Infanterie und Artillerie enthielten, und die unabhängig voneinander marschieren konnten. Dadurch war Napoleon in der Lage, flexibel auf einzelne Schlachtsituationen zu reagieren.

    In Oberitalien bekämpfte Napoleon eine österreichische Armee, die durch verbündete Truppen verstärkt war. Obwohl die französische Armee zahlenmäßig unterlegen war, war Napoleon mit seiner neuartigen Strategie und seinen Motivationskünsten äußerst erfolgreich. Er zog von Sieg zu Sieg, bis Österreich 1797 einen Waffenstillstand unter französischen Bedingungen zustimmen musste: Österreich musste die österreichischen Niederlande (das heutige Belgien) an Frankreich abtreten, dazu die linksrheinischen deutschen Gebiete (der österreichische Herrscher war auch gleichzeitig Kaiser des Heiligen Römischen Reiches), und diverse Territorien in Oberitalien. Napoleon handelte diese Bedingungen überwiegend selber aus, ohne größere Rücksprache mit dem Direktorium.

    Die Siege hatten Napoleon verändert: er hatte Schlachten gewonnen, Staaten geschaffen und aufgelöst, über das Schicksal von Millionen entschieden und Verträge mit Staatsoberhäuptern ausgehandelt. Er fühlte sich nun berufen, eine große Rolle in der Geschichte zu spielen.

    Mit großem Selbstbewußtsein kehrte Napoleon nach Paris zurück. Dort wurde er von der Bevölkerung begeistert empfangen.


    -----


    Trotz den außenpolitischen Erfolgen unter Napoleon, war das Direktorium nicht mehr in der Lage die Probleme im Inneren zu bewältigen. Der Staatshaushalt stand vor dem Bankrott, die Menschen hungerten, leideten unter einer bestechlichen Verwaltung, es drohte ein Putsch der Royalisten. Deshalb beschloss 1799 ein Mitglied des Direktoriums, Emmanuel Joseph Sieyès, zusammen mit Roger Ducos einen Staatsstreich. Allerdings brauchte er dazu einen General, der das Vorhaben militärisch absicherte. Er verbündete sich deshalb mit Napoleon. Durch eine politische Manipulation stimmten die Abgeordneten des Ältestenrats einem neuen Verfassungsentwurf zu, unter der Führung einer provisorischen Regierung, bestehend aus den drei Konsuln Sieyès, Ducos und Napoleon. Das Direktorium war bei der Bevölkerung derart verhasst, dass niemand wegen dessen Sturz auf die Barrikaden ging.

    Das Triumvirat erwies sich aber schnell als Fassade. Binnen weniger Wochen hatte Napoleon die beiden anderen Konsuln ausgebootet und sie auf das Abstellgleis geschoben. Aus dem parlamentarischen Staatsstreich war ein militärischer geworden. Napoleon schrieb die Verfassung um, und machte sich selbst als erster Konsul zum Staatsoberhaupt. Der 30-jährige Bonaparte war nun Frankreichs mächtigster Mann. Er verkündete: "Die Revolution ist vorbei. Ich bin die Revolution."

    Der Krieg hatte Napoleon an die Macht katapultiert. Nun sollte der Krieg ihm helfen, seine Macht zu sichern. Frankreich war immer noch im Krieg mit Großbritannien und Österreich. 1800 zog er gegen Österreich in eine weitere Schlacht, und siegte erneut: "Meine Macht hängt an meinen Ruhm. Und mein Ruhm an meinen Siegen.". Ein Jahr später schloss er dann mit Österreich, ein weiteres Jahr später mit Großbritannien einen Friedensvertrag.

    Aber auch im Inneren war Napoleon erfolgreich. Er verabschiedete diverse Sozialreformen, zentralisierte die Verwaltung, modernisierte die Justiz, baute die Verkehrsinfrastruktur aus, ordnete die Staatsfinanzen, führte eine Währungsreform durch (die im Kern bis 1914 Bestand hatte), gründete die Banque de France, und führte Volksabstimmungen ein (die allerdings stets in seinem Sinne ausfielen...). Schließlich erließ er das Gesetzbuch "Code civil": Freiheit für jeden, Geichheit vor dem Gesetz, Schutz des Privateigentums, Gewerbefreiheit, Aufhebung des Zunftzwangs, freie Berufswahl, Trennung zwischen Staat und Kirche, Einführung der standesamtlichen Eheschließung. Der Code civil bildet noch heute die Basis des französischen Rechts, und war eine Vorlage für viele europäischen Staaten.

    "Mein Grundsatz ist immer gewesen, dass Karrieren jedem offen stehen, ohne Ansehen der Herkunft." Napoleon glaubte an die Gleichheit. Jeder sollte seinen Fähigkeiten gemäß aufsteigen können. So wie er selbst.

    1804 folgte dann der Höhepunkt seines Aufstiegs: In einer feierlichen Zeremonie in Anwesenheit von Papst Pius VII. wurde Napoleon zum Kaiser der Franzosen gesalbt. Die Krone setzte er sich dabei selbst auf.

    Napoleon krönt seine Frau Josephine zur Kaiserin


    -----


    Das Heilige Römische Reich deutscher Nation war seit dem 30-jährigen Krieg ein Mosaik aus hunderten Staaten unterschiedlicher Größe: Fürstentümer, Grafschaften, Bistümer und freie Reichstädte. Alle waren nur lose zusammengeschlossen, mit dem Kaiser an der Spitze. Die mit Abstand größten und mächtigsten Staaten des Reichs waren Österreich und Preußen. Auf Napoleons außenpolitischen und militärischen Druck hin, beschloss der Reichstag 1803 eine Auflösung von hunderten deutscher Kleinstaaten, deren Gebiete den größeren Fürstentümer zufielen, vor allem an Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt. Auslöser dieser Neuordnung war der Verlust der linksrheinischen deutschen Gebiete an Frankreich, die Fürsten der enteigneten Gebiete sollten dafür entschädigt werden. Bald darauf erhob Napoleon die Herrscher der neuen Fürstentümer zu Königen und Großherzögen. Er drängte dann diese Herrscher zu einem militärischen Bündnis mit Frankreich: dem (später so genannten) Rheinbund. Nicht zu diesem Bündnis gehörten Preußen und Österreich. Damit war es Napoleon gelungen, die deutsche Staatenwelt zu spalten.

    Napoleon hielt sich für unbesiegbar. Nachdem England ihm wieder den Krieg erklärte, hatte er 1805 zunächst Pläne in England einzumarschieren. Als Russland sich mit England und Österreich verbündeten, gab er die Invasionspäne aber auf.

    Mit dem Bündnis im Rücken marschierte nun Österreich in das mit Napoleon verbündete Bayern ein. Napoleon reagierte sofort und beorderte schnell seine Truppen von der Kanalküste in das deutsche Gebiet, bevor die russische Armee Österreich zur Hilfe eilen konnte. In der Schlacht bei Elchingen und kurz darauf in der Schlacht bei Ulm besiegte Napoleon die österreichische Armee. Danach stellte sich die russische Armee Napoleons Truppen entgegen, musste aber in der Schlacht bei Austerlitz ebenfalls eine Niederlage einstecken. Österreich war damit endgültig besiegt. Das seit mehr als 800 Jahren bestehende Heilige Römische Reich deutscher Nation hörte auf zu existieren.

    Ein Jahr später (1806) besiegte Napoleon bei Jena und Auerstedt schließlich das bis dahin neutrale Preußen. Er marschierte in Berlin ein. Napoleon war auf dem Höhepunkt seiner Macht.


    -----


    Parallel zu den Feldzügen auf dem Kontinent rüstete Napoleon seine Flotte auf. Er wollte damit eine Invasion Englands vorbereiten. In der Seeschlacht bei Trafalgar 1805 wurde die Flotte jedoch vom britischen Vizeadmiral Horatio Nelson vernichtend geschlagen. Napoleon versuchte deshalb auf wirtschaftlichem Weg England in die Knie zu zwingen. 1806 verbot Napoleon in seinem Herrschaftsbereich sämtlichen Handel, Verkehr und Nachrichtenaustausch mit Großbritannien.

    Die "Kontinentalsperre" zeigte aber nicht die gewünschte Wirkung. Durch Schmuggel wurde sie immer wieder untergraben. Darüber hinaus hatte Napoleon mit dem Bündnispartner Spanien Probleme. Ein blutiger Guerillakrieg mit Teilen der spanischen Bevölkerung bekam er nicht in den Griff.

    1812 unterlief Russland die Kontinentalsperre gegen Großbritannien, entgegen den Vereinbarungen im Friedensvertrag von 1807. Die Kontinentalsperre ruinierte die russische Wirtschaft. Russland war auf den Export von Getreide und Holz angewiesen. Der Konflikt eskalierte. Trotz eindringlicher Warnungen seiner Berater marschierte Napoleon im Frühjahr in Russland ein. Er hatte dazu die gewaltigste Streitmacht seit Menschengedenken aufgestellt: Franzosen, Italiener, Polen, Deutsche. 600.000 Mann aus allen Ecken und Enden seines Reichs. Die russischen Truppen entzogen sich aber einer Schlacht. Bei ihrem Rückzug vernichteten sie alles, was den Franzosen nützlich sein könnte. Felder wurden in Brand gesteckt, Brücken gesprengt, Wege abgebrochen, Dörfer entvölkert, Städte angezündet. Überall hinterließen sie verbrannte Erde. Als Folge hatte Napoleon große Probleme seine Armee zu ernähren. Viele Soldaten desertierten. In Moskau erwartete Napoleon eine vom russischen Zaren angezündete brennende Stadt. Napoleon musste den Rückzug antreten. Viele Soldaten starben an Krankheit, Hunger oder Kälte im eiskalten russischen Winter. Daneben wurden sie immer wieder von aus dem Hintergrund angreifenden russischen Soldaten zur Strecke gebracht. Von den 600.000 Soldaten kehrten nur noch ca. 30.000 in ihre Heimtländer zurück. Es war ein absolutes Desaster und der Anfang vom Ende der Herrschaft Napoleons.

    Napoleons Feinde witterten nun Morgenluft. Briten, Russen, Preußen, Österreicher und Schweden schlossen sich gegen Napoleon zusammen. 1813 stellten sich die Alliierten bei Leipzig einer von Napoleon neu aufgestellten Armee. Die Völkerschlacht bei Leipzig dauerte drei Tage. Sie endete mit einer vernichtenden Niederlage Napoleons. Napoleon wehrte sich zwar noch in einigen weiteren Scharmützeln. 1814 musste er jedoch seine Abdankung unterzeichnen. Die Siegermächte bestimmten die Mittelmeerinsel Elba als Exil für ihn.

    1815 verließ Napoleon aber Elba, und kehrte nach Frankreich zurück. Er erkannte, dass die französische Bevölkerung mit ihrem von den Siegermächten eingesetzten neuen Herrscher Ludwig XVIII. unzufrieden war. Die Soldaten, die Napoleon aufhalten sollten, liefen zu Napoleon über. Es gelang Napoleon noch einmal eine Armee auszuheben. Bei Waterloo kam es zu einer letzten Schlacht gegen die Alliierten, die Napoleon knapp verlor. Diesmal wurde Napoleon auf die isoliert im Südatlantik weit entfernt gelegenen Insel St. Helena verbannt, wo er 1821 einsam starb.

    Auf dem Wiener Kongress wurden die europäischen Grenzen neu gezogen. Orientierung waren die Grenzen von 1792. Das Heilige Römische Reich wurde aber nicht wieder hergestellt. Es entstanden mehrere unabhängige deutsche Staaten: der Deutsche Bund. Die Königreiche, die unter Napoleon neu entstanden sind, durften weiter bestehen bleiben. Erst 1871 entstand unter der Führung von Preußen wieder ein gesamtdeutsches Kaiserreich, allerdings ohne Österreich.

    In Europa gab es eine Zeit vor Napoleon, und eine Zeit nach Napoleon. Die Machtstatik in Europa hatte sich unter Napoleon grundlegend verändert. Eine neue Zeit brach an.


    -----

    Liste der Persönlichkeiten

    -----

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Lach-Smiley ^^ als Reaktionstyp wieder möglich sein soll. :)

    Einmal editiert, zuletzt von Capote (14. Juli 2025 um 18:35)

  • Otto der Große

    Im Jahr 1806 hörte nach 844 Jahren das Heilige Römische Reich deutscher Nation durch die Eroberung von Napoleon auf zu existieren. Der letzte Kaiser des Reiches war Franz II. Doch wer war der erste Kaiser?

    Als erster deutsche Kaiser gilt Otto I. der Große (912 - 973). Er war einer der bedeutendsten Herrscher des Mittelalters. Den Begriff "deutsch" gab es damals aber noch nicht, er tauchte erst in späteren Jahrhunderten auf.

    Der erste westeuropäische Kaiser nach dem Zerfall des weströmischen Reiches war aber Karl der Große (747 - 814). Karl ließ sich im Jahr 800 von Papst Leo III. zum römischen Kaiser krönen. Damit ging die christlich-römische Reichsidee auf die Franken über. Das Frankenreich gelangte unter Karl zu seiner größten Ausdehnung:

    Bald nach dem Tod von Karl dem Großen teilten die Enkel von Karl das fränkische Reich in drei Teile auf: Westfranken (an Karl dem Kahlen), das Mittelreich (an Lothar I.) und Ostfranken (an Ludwig II.)

    Nach dem Tod von Lothar I. teilten seine drei Söhne das Mittelreich weiter auf: in Lothringen, der Provence und Italien. Als der König von Lothringen (Lothar II., daher der Name Lothringen) starb, teilten sich die Herrscher von Westfranken und Ostfranken Lothringen unter sich auf. Während also das Mittelreich zerfiel, blieben das westfränkische Reich (daraus entstand das spätere Frankreich) und das ostfränkische Reich (daraus entstand das spätere Deutsche Reich) bestehen.

    Otto I. wurde im Jahr 936 zum König in Ostfranken gekrönt. Die große Tat von Otto war 955 der Sieg über die Ungarn, die über Jahrzehnte hinweg immer wieder als marodierende Reiterscharen plündernd und brandschatzend in das ostfränkische Reich einfielen. Durch diesen Sieg konnte Otto das bis dahin zerstrittene Reich einen.

    Otto gelang es, sein Imperium militärisch und politisch so zu vergrößern, dass er sich in der Nachfolge Karl dem Großen 962 zum römischen Kaiser krönen lassen konnte. De facto war die Kaiserkrönung von Otto die Geburtsstunde des späteren "Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation".


    -----


    Das heutige Deutschland bestand im 10. Jahrhundert zu großen Teilen aus unwegsamen Landschaften und tausende Jahre alten Urwälder. Ein Land, noch kaum erschlossen, ohne feste Grenzen, in dem vier Millionen Menschen lebten. Seine Zukunft war noch ungewiss. Noch sprach niemand von einem König der Deutschen. Es war ein Land der Herzöge und der Stämme, Regionen mit eigener Geschichte, eigenen Eliten und eigenen Interessen. Otto war Herzog von Sachsen (in etwa das Gebiet des heutigen Niedersachsen und westlichen Sachsen-Anhalt). Fast alle seiner Untertanen waren Bauern. Meist Unfreie, die gerade genug zum Leben hatten.

    In den Zeiten vor Otto galt das Prinzip der karolingischen Herrschaftsteilung, die jedem Mitglied des Königshauses eine Anwartschaft zuerkannt hatte. In der Regel kam es dadurch beim Tod eines Herrschers zu einer Aufteilung des Erbgebietes. Oft aber stritten sich die Erben um die Macht. Es kam dann zu Kämpfen, in denen sich schließlich der Stärkste durchsetzte. Das Reich wurde dadurch immer wieder geteilt, vereinigt, und wieder neu verteilt. Es waren Zeiten permanenter Umbrüche. Bei Otto änderte sich das aber. Der Vater von Otto, der ostfränkische König Heinrich I., sah seinen zweiten Sohn Otto als alleinigen Erben vor. Er wollte damit nach seinem Tod die Zersplitterung des Ostfrankenreichs und einen Kampf seiner Söhne vermeiden. In der "Hausordnung" von 929 ließ er die alleinige Nachfolge durch Otto schriftlich fixieren. Die Großen des Reichs gaben dafür ihre Zustimmung, auch sie waren an einer Zersplitterung und möglicher Kämpfe der Königssöhne nicht interessiert.

    Als Heinrich 936 starb, zogen die Herzöge und die höchsten Grafen der Stämme dann nach Aachen in die Kaiserpfalz Karl des Großen, um dort Otto zum ostfränkischen König zu wählen und zu krönen. Aber nicht nur Adlige waren zur Krönung gekommen, auch "viel Volk", wie der Chronist Widukind berichtete. In einer Zeit, in der kaum einer lesen, geschweige denn schreiben konnte, nicht einmal der Adel, bedurfte es der großen Gesten und bedeutungsvoller Rituale. "Sie machten ihn nach ihrem Brauch zum König. Danach versprachen sie ihm Rat und Hilfe.", berichtete Widukind. Die Herzöge gelobten ihrem Monarchen Gefolgschaft.

    Dieses Wahlprinzip galt für das deutsche Reich (das bei einer Kaiserkrönung später auch als das Heilige römische Reich bezeichnet wurde) ab Otto dann für fast neun Jahrhunderte. Die Krone war nicht mehr erblich. Die Fürsten bestimmten von nun an wer König der Deutschen wurde. Damit war gewährleistet, dass bei einem Tod des Königs das Reich nicht mehr geteilt wurde. Das führte zu einer dauerhaften Einheit des Reiches, und war die Grundlage für das heutige Deutschland.

    Otto war beeindruckt vom riesigen Reich, das Karl der Große aufgebaut hatte. Er hatte deshalb große Pläne. Aachen war kein zufällig gewählter Ort. Otto wollte mehr sein als ein König neben anderen Königen. Er wollte an die kaiserliche Idee anknüpfen. Möglicherweise aus diesem Grund bestieg der frisch gekrönte König den Karlsthron im Aachener Dom, der Thron auf dem Karl als Kaiser gesessen hatte. Doch bevor Otto den Weg zur Kaiserwürde gehen konnte, musste er sich das eigene Reich Untertan machen. Ein Reich, das zersplittert, unruhig, und voller innerer Spannungen war.

    Im Früh- und Hochmittelalter wurde in der Regel vom Sattel aus regiert. Eine Hauptstadt und einen richtigen Regierungssitz mit zentralen Strukturen gab es im Reich nicht. Die Macht des Königs beruhte auf Vasallentum, Lehenswesen, Treueeid und persönlicher Loyalität. Otto zog deshalb als Reisekönig gut 180 Tage im Jahr mit seinem bis zu 2000-köpfigen Gefolge durch die deutschen Lande. Er sprach dort Recht, und sicherte seine Macht durch Geschenke und Landvergabe. Er schuf damit Ordnung in einer Welt, in der Gewalt oft stärker war als Gesetz. Wenn der König kam, mussten Städte, Dörfer und Klöster für Verköstigung und Unterkunft sorgen. Vor allem die Bauern traf es dabei hart. "Gott segne den König, aber möge er nie wieder kommen" lautete ein weit verbreiteter Spruch.


    -----


    Seit Anfang des 10. Jahrhunderts zogen ungarische Steppenreiter immer wieder plündernd und mordend durch das ostfränkische Reich. Sie ritten dabei mit unglaublicher Geschwindigkeit durch das Land, und verschwanden nach ihren Raubzügen ebenso schnell wieder. Keine Armee schien ihnen gewachsen. Die Reiter nannten sich "Magyaren". Bereits Ottos Vater Heinrich I. hatte zum Schutz hierzu Befestigungen bauen lassen. In diesen Fluchtburgen konnten die Menschen bei einem Angriff der Ungarn sich zurückziehen.

    Im Jahr 954 fielen die Ungarn erneut in das ostfränkische Reich ein. Ihr Ruf eilte ihnen auch diesmal vorraus. "Sie brannten Burgen, Städte und Kirchen nieder, und richteten unter der Bevölkerung ein Blutbad an. Niemanden verschonten sie.", berichtete ein Chronist, "Nur wenn die Erde sie verschlänge oder wenn der Himmel über sie zusammenbräche, vermöchte man sie zu besiegen." Feinde der Menschen und der Christen wurden die Ungarn deshalb genannt. Als ostfränkischer König und tiefgläubiger Christ sah sich Otto nun in der Pflicht als Schutzherr des Reiches.

    Otto schaffte es 955 trotz Streitereien seiner Herzöge untereinander ein riesiges Heer um sich zu sammeln. Schon alleine das war eine große Leistung von ihm. 12.000 Krieger aus Bayern, Franken, Schwaben, Lothringen und Böhmen waren dem Hilferuf ihres Königs gefolgt. Otto setzte alles auf eine Karte, er suchte die Entscheidungsschlacht bei Augsburg auf dem Lechfeld. Gegen König Otto waren die Ungarn noch nie in die Schlacht gezogen. Dennoch waren sie sich ihres Sieges sicher. Für König Otto stand viel auf dem Spiel: seine Krone und seine Vision ein mächtiger Kaiser zu werden.

    Die Reiterscharen der Ungarn waren beweglich und schnell, ihre Pfeilsalven tödlich. Ottos Krieger konnten aber einen Großteil der Pfeile mit Schilden abwehren. Auf Distanz hatten sie aber keine Chance, sie mussten also den ungarischen Reitern näher kommen. Mit geschickten Manövern schafften sie es schließlich die Ungarn einzukesseln, und sie zum Zweikampf zu zwingen. Im Nahkampf waren die Krieger von Otto mit ihren Lanzen und Schwertern dann weit überlegen, die Bögen der Ungarn konnten hier nichts mehr ausrichten. Kaum ein Ungar verließ das Schlachtfeld lebend.

    Schlacht auf dem Lechfeld

    Das Reich atmete auf, Otto wurde zum gefeierten Retter des christlichen Abendlandes. Der überwältigende Sieg schweissten Ottos Krieger aus den zuvor rivalisierenden Herzogtümern zusammen, es entstand ein Zusammengehörigkeitsgefühl und eine Identitätsbildung im ostfränkischen Reich. Einige Historiker bezeichnen deshalb die Schlacht am Lechfeld als die Geburtsstunde der Deutschen. Die Chronisten nannten Otto nun "den Großen".

    Die Grenzen von Ottos Reich waren nun endgültig gesichert. Die Ungarn griffen nie wieder an, sie wurden im Gebiet des heutigen Ungarn sesshaft, und bekannten sich zum Christentum.

    Was wäre gewesen, wenn Otto die Schlacht gegen die Ungarn verloren hätte? Darüber kann natürlich nur spekuliert werden. Historiker vermuten, dass das Reich dann in eine Tributsabhängigkeit von den Ungarn geraten wäre, und dass es wieder in die Organisation der einzelnen Stämme zurückgefallen wäre. Ob die deutschen Herzogtümer sich eigenständig entwickelt hätten? Oder das westfränkische Reich diese einverleibt hätte? Niemand weiß es.


    -----


    Nach dem Sieg über die Ungarn besiegte Otto auch die Slawen, heidnische Stämme zwischen Elbe und Oder. Ein weiterer Sieg, der die Herrschaft von Otto festigte. Doch Otto wollte nun noch mehr: er wollte die Kaiserkrone, genau wie sein Vorbild Karl der Große. Durch eine kluge Hochzeit mit der italienischen Königswitwe Adelheid war er bereits 951 zum König von Italien geworden. Das war ein wichtiger Schritt, denn der Papst krönte bis dahin traditionell nur jemanden zum Kaiser, der bereits König von Italien war (zuvor waren dies nach Karl dem Großem sein Sohn Ludwig und später die Herrscher des Mittelreiches). Der Papst jedoch zögerte aber noch. Im Jahr 961 war es dann schließlich soweit: bedrängt von lokalen Gegnern rief Papst Johannes XII. Otto zu Hilfe. Otto marschierte rasch nach Rom und vertrieb die Feinde des Papstes. Die Gegenleistung: am 2. Februar 962 krönte Papst Johannes XII. in der Peterskirche Otto zum römischen Kaiser.

    Die Kaiserkrönung durch den Papst machte Otto nun zum Schutzherr der Christenheit. Er stand dadurch nicht nur über allen Königen, sondern gewann auch Macht über die Kirche. Ab sofort musste jeder neue Papst vor seiner Weihe dem Kaiser die Treue leisten. So kam es zum hunderte Jahre langen anhaltenden Bund zwischen dem deutschen König und dem römischen Papst.

    Otto hatte erfolgreich die römische Kaiserwürde wiederbelebt. Er war Begründer eines christlichen Reichs, das später einmal das "Heilige Römische Reich deutscher Nation" genannt wurde. Der Begriff "Heilig" wurde ab dem 12. Jahrhundert verwendet, der Zusatz "deutscher Nation" allerdings erst ab dem 15. Jahrhundert.


    -----


    In den Jahren nach seiner Kaiserkrönung gründete der tiefgläubige Christ Otto eine Vielzahl neuer Bistümer. Die Innovation unter ihm: nicht nur weltliche Adlige sollten von nun an in seinem Reich Macht haben. Bischöfe und Äbte wurden unter Otto zu Reichsfürsten, die nun Gebiete im Namen des Königs verwalteten. Ein kluger Schachzug: denn anders als weltliche Fürsten konnten sie keine Dynastien gründen. Die Kirche wurde dadurch unter Otto zur stabilen, loyalen und erbfreien Stütze seiner Macht. Dieses System ging als Reichskirchensystem in die Geschichte ein: Otto ernannte Äbte und Bischöfe selbst, stattete sie mit Immunitäten und Privilegien aus, und band sie damit eng an die Krone. Ein Modell, das das Heilige Römische Reich über Jahrhunderte prägen sollte.

    Otto wollte, dass die Kirche überall im Reich präsent ist. Magdeburg, ein bis dahin unbedeutender Fischerort am östlichen Rand des Reiches, machte Otto zum Erzbistum und zu einer Missionierungszentrale. Von hier aus sollten Missionare unter anderem die besiegten Slawen zum Christentum bekehren. Otto ließ in Magdeburg eine große Kathedrale bauen, aus der später der Magdeburger Dom wurde. Otto machte Magdeburg zu seiner Hauptstadt und regierte nun meist von hier aus sein römisches Reich. Magdeburg war bis zu seiner Zerstörung im 30-jährigen Krieg eine der prächtigsten Städte Deutschlands.

    Das Kaisertum Ottos wurde vom byzantinischen Kaiserreich (dem ehemaligen oströmischen Reich) aber angefochten. Sowohl Otto als auch der byzantinische Kaiser sahen sich als die einzigen legitimen Nachfolger Cäsars. In Süditalien kam es deswegen zu diversen kriegerischen Auseinandersetzungen. Nachdem Otto zu der Einsicht kam, dass dieser Konflikt für keine Partei zu gewinnen war, wollte er schließlich durch einen Ehebund Frieden mit Byzanz schließen: 972 verheiratete er seinen Sohn Otto II. (seinen späteren Nachfolger) mit der hochgebildeten Nichte Theophanu des byzantinischen Kaisers. Diese Hochzeit besiegelte das Bündnis zweier Welten, die sich nun gegenseitig anerkannten.

    Otto starb 973 in Magdeburg. Er wurde im Magdeburger Dom beigesetzt. Der prunkvolle Leichenzug dauerte 30 Tage.


    -----


    Weitere Infos zu Otto:

    • Otto der Große war ein Sachse. Ein erstaunlicher Aufstieg eines Volkes, das von Karl dem Großen unterworfen und zwangschristianisiert wurde. Die Sachsen waren eine norddeutsche westelbische Volksgruppe, die sich im 5. bis 7. Jahrhundert auch nach Britannien ausgebreitet haben, und dort nachhaltige Spuren hinterlassen hatte: Wessex, Essex und Sussex wurden nach den Sachsen benannt.
      Hier eine ausgezeichnete Dokumentation über die Hintergrundgeschichte der Sachsen vom 4. bis 10. Jahrhundert bis zu Otto dem Großen: Dokumentation der frühen Sachsen
    • Otto verwendete in Dokumenten eine spezielle Signatur:
    • Das 10. Jahrhundert ist für Historiker ein "dunkles Jahrhundert", es gibt nur wenige schriftliche Quellen aus dieser Zeit. Der wichtigste Chronist in dieser Zeit war der sächsische Mönch Widukind. Er lebte im Benektinerkloster zu Corvey und wurde 968 beauftragt, die Geschichte der Sachsen aufzuschreiben. Das Werk sollte Ottos Tochter Mathilde, der Äbtissin des Stiftes von Quedlinburg, die Geschichte ihrer Familie erzählen. Der Schwerpunnkt lag dabei auf die Zeit Ottos und seinem Vater Heinrich. Widukind hatte Otto in seinem Leben mehrmals getroffen. Seine Sachsengeschichte begann er mit den Worten: "Herrin Mathilde, wenn du die Taten deines so mächtigen Vaters und deines ruhmreichen Großvaters durch meine Arbeit überliefert lesen wirst, kannst du noch tugendhafter und ruhmreicher werden."
    • Ottos Brüder Thankmar und Heinrich gingen durch das Testament von Heinrich I. leer aus. Vor allem Heinrich fühlte sich durch die alleinige Nachfolge seines Bruders übergangen. Er beanspruchte die Königswürde für sich. Die beiden Brüder planten deshalb nach Ottos Krönung einen Aufstand, der fast in einem Brudermord gipfelte. Heinrich hatte dabei Unterstützung mehrerer mächtiger Adliger, die sich durch Ottos autoritärem Verhalten ihnen gegenüber zu Beginn seiner Regentschaft brüskiert fühlten. Der Aufstand schlug aber fehl. Otto reagierte entschlossen: mit harter Hand, aber auch mit politischem Gespür, schlug er die Aufstände nieder. Die Unterstützer kamen dabei ums Leben oder wurden hingerichtet, Thankmar wurde dabei getötet. Treue Gefolgsleute belohnte Otto jedoch mit Land und Einfluss. Heinrich unterwarf sich schließlich Otto (eine rituelle Geste, bei der er sich vor Otto flach auf den Boden mit ausgestreckten Armen und dem Gesicht nach unten niederwarf), der ihn daraufhin begnadigte. Ein kluger Schachzug, denn Heinrich war Otto von nun an immer treu an seiner Seite, bis zu seinem Tod 955.
    • Otto bestimmte zunächst seinen Sohn Liudolf zu seinem Nachfolger. 946 starb jedoch Ottos Ehefrau Edgith, die Mutter von Liudolf. 951 heiratete Otto erneut: die italienische Königswitwe Adelheid. Mit Adelheid hatte er dann weitere Kinder. Liudolf befürchtete nun seine Stellung als designierter Thronfolger zu verlieren. Er verbündete sich deshalb mit wichtigen Herzögen, und überwarf sich mit seinem Vater. Für Otto war dies eine große Krise seiner Herrschaft, er musste Krieg gegen seinen Sohn führen. Als 954 die Ungarn in das Ostfrankenreich einfielen, paktierte Liudolf mit den Ungarn. Liudolf war der Herzog von Schwaben. Durch reiche Geschenke brachte er die Ungarn dazu Schwaben zu verschonen, und stattdessen das Territorium seines Vaters zu überfallen. Damit machte er sich zum Verräter, seine Verbündeten wendeten sich deshalb von ihm ab. Liudolf musste sich nun seinem Vater unterwerfen. Aber wie schon bei Heinrich begnadigte Otto daraufhin Liudolf. Liudolf starb aber bereits 957 an einem Fieber.
    • Der Nachfolger von Otto I. wurde schließlich sein Sohn Otto II. aus seiner Ehe mit Adelheid. Im Prinzip musste auch Otto II. von den ostfränkischen Fürsten zum König gewählt werden. Dies hatte Otto I. aber bereits vor seinem Tod arrangiert, indem er Otto II. in jungen Jahren zum Mitkönig erhoben hatte. Als Otto I. starb, huldigten die Großen im Reich Otto II., und erkannten ihn damit als neuen König an. In der Praxis wurde zukünftig meist der vom König bestimmte Nachfolger gewählt, was allerdings kein Automatismus war. Als Otto II. 983 starb, übernahmen zunächst seine Witwe Theophanu und die Witwe von Otto I. Adelheid gemeinsam die Regentschaft, bis der Sohn Otto von Otto II. 994 alt genug war, um die Nachfolge seines Vaters als Otto III. anzutreten.
    • Mehrere Frauen in Ottos Leben hatten eine bedeutende Rolle in der Geschichte: seine Mutter Mathilde (die Ehefrau und spätere Witwe von Heinrich I.), seine Tochter Mathilde (die Äbtissin des Stiftes von Quedlinburg, s.o.), seine Schwiegertochter Theophanu. Ganz besonders hervorzuheben ist seine Ehefrau Adelheid. Sie begleitete die Regentschaft aller drei "Ottonen". Durch ihr eigenes Bestreben wurde sie 962 zusammen mit Otto zur Kaiserin gekrönt. Sie nahm aktiv an der Regentschaft von Otto teil. Durch eine kluge Heiratspolitik besetzte sie viele bedeutende Positionen im Reich mit Familienmitgliedern. Auch nach dem Tod von Otto spielte sie (neben Theophanu) eine aktive Rolle in der Regentschaft ihres Sohnes Otto II. Und nach dem Tod Otto II. übernahm sie zusammen mit Theophanu die Regentschaft sogar selber (s.o.). Wegen ihrer Mildtätigkeit wurde sie vom Volk auch über ihren Tod 999 hinaus verehrt, und dafür 1097 von Papst Urban II. heilig gesprochen (Urban II. war nebenbei der Papst, der zum 1. Kreuzzug aufgerufen hatte). Der Gedenktag der heiligen Adelheid ist ihr Todestag, der 16. Dezember. Für ihren Gedenktag gibt es einige Bauernregeln, u.a. "Um Adelheid, da kommt der Schnee, der tut der Wintersaat nicht weh.".

      Kaiserin Adelheid im Meißner Dom, zusammen mit Otto I.

    • Einige hier kennen vielleicht den Roman "Die Siedler von Catan" von Rebecca Gablé. Rebecca Gablé kennt man aber vor allem für ihre historischen Romane. Bei zwei ihrer Romane spielt tatsächlich Otto eine zentrale Rolle: "Das Haupt der Welt" und "Die fremde Königin". Der erste Roman handelt im Zeitraum 929 - 938 (u.a. mit dem Aufstand von Ottos Bruder Heinrich), der zweite im Zeitraum 951 - 962 (im Mittelpunkt u.a. Adelheid, die Rebellion von Liudolf, die Lechfeldschlacht und die Kaiserkrönung). Im Vergleich zu den anderen historischen Romanen von Rebecca Gablé, ist die Handlung noch deutlich enger mit den historischen Fakten verknüpft. Wer die Romane von Rebecca Gablé mag, wird auch an diesen beiden Romanen Gefallen finden.


    -----


    Wie entstand eigentlich das Wort "deutsch"?

    Im Ostfrankenreich lebten unterschiedliche Völker mit zum Teil ähnlichen, aber auch recht unterschiedlichen Sprachen und Dialekte: Sachsen, Franken, Thüringer, Alemannen, Bayern. Deren Sprachen bezeichneten mittelalterliche lateinische Gelehrte in Abgrenzung zur lateinischer Sprache "theodiscus", was "zum Volk gehörig" übersetzt werden kann. "Theodiscus" bedeutete also im wörtlichem Sinn "volkstümlich" oder im übertragenem Sinn "nicht lateinisch". Die Völker die diese Sprachen und Dialekte sprachen, wurden deswegen "Tiutsche" genannt (z.B. von Walther von der Vogelweide).

    Daraus entwickelte sich später das Wort "deutsch" für die Sprache(n), und "Deutsche" die diese Sprache(n) sprachen.

    Während des gesamten Mittelalters gab es im Heiligen Römischen Reich kein einheitliches Sprachgebiet. Der Namenszusatz "deutscher Nation" wurde deswegen erst ab dem 15. Jahrhundert verwendet, auch dadurch, dass ab diesem Zeitraum der Einfluss des Heiligen Römischen Reichs sich allmählich auf die deutschsprachigen Gebiete reduzierte.

    Einen großen Beitrag zu einer gemeinsamen deutschen Sprache hatte dann Martin Luther mit seiner deutschen Bibelübersetzung, die de facto einen Standard für eine einheitliche deutsche Schriftsprache setzte.


    -----


    Hier noch einige Hintergründe zum Heiligen Römischen Reich.

    Das von Otto I. begründete Heilige Römische Reich war ein Wahlkaisertum, der König wurde von den Landesfürsten gewählt. Es bildeten sich mit der Zeit Kurfürsten heraus, die den König wählten. Im Jahr 1356 wurden in der Goldenen Bulle die Kurfürsten dann schriftlich festgelegt: der Erzbischof von Trier, der Erzbischof von Köln, der Erzbischof von Mainz, der König von Böhmen, der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg. Die Goldene Bulle war eine Art Verfassung des Heiligen Römischen Reichs, die im wesentlichen die Modalitäten der Wahl der Könige und Kaiser sehr detailliert regelte. Sie hatte bis zum Ende des Heiligen Römischen Reich 1806 Gültigkeit, und wurde 2013 zum Weltdokumentenerbe erklärt.

    Die Wahlprozedur standardisierte sich im Laufe der Zeit. Gewählt wurde in Frankfurt am Main, die Krönung fand in Aachen statt, und die Kaiserkrönung durch den Papst dann in Rom. Ab dem Spätmittelalter gab es jedoch keinen praktischen Unterschied mehr zwischen König und Kaiser, die Prozedur vereinfachte sich: Wahl und Krönung fand in Frankfurt statt, die Kaiserkrönung übernahm dann ein geistlicher Fürst. Karl V. war der letzte Kaiser der sich vom Papst krönen ließ.

    Deutschland als moderner Nationalstaat im heutigen Sinn gab es im Heiligen Römischen Reich aber zu keinem Zeitpunkt. Insbesondere gab es keine dauerhafte Hauptstadt mit zentralen Strukturen. Im frühen Mittelalter gab es diverse "Pfalzen" als Reisestationen des Königs (bzw. Kaisers), und später dann Residenzstädte. Der König hatte zwar Einfluss auf die einzelnen Fürstentümer (mal mehr, mal weniger), seine Macht war allerdings begrenzt. Im Laufe der Jahrhunderte wanderte die eigentliche Macht immer mehr zu den Landesfürsten über. Das war eine Folge des Wahlprinzips: um gewählt zu werden, musste der Kaiser immer mehr Zugeständnisse machen. Der Machtbereich des Kaisers beschränkte sich deshalb irgendwann im wesentlichen meist auf die eigenen Besitztümer.

    Es gab auch keine zentrale Verwaltung, kein zentrales Gerichts-, Finanz- und Geldwesen, kein Monopol zur Kriegsführung, keine zentrale Friedenssicherung. Erst 1485 wurde eine Art Reichssteuer eingeführt, was dem Kaiser gewisse Möglichkeiten eigenständiger Politik gab. Etwa zu diesem Zeitpunkt bildete sich auch die Institution des Reichstags, eine Art Parlament, neben dem Kaiser bestehend u.a. aus den Kurfürsten, Landesfürsten und Abgeordneten von Städten. Im Reichstag wurden wichtige Themen diskutiert und Beschlüsse gefasst. Der Kaiser hatte dadurch die Möglichkeit, Entscheidungen sich absichern zu lassen. Und die Fürsten hatten die Möglichkeit, Kompromisse auszuhandeln. Zunächst hatte der Reichstag keinen festen Sitz, er wurde in unregelmäßigen Abständen vom Kaiser einberufen und fand in wechselnden Städten statt (z.B. der von Karl V. einberufene Reichstag in Worms 1521, in dem auch Luther vorgeladen war). Nach dem Ende des 30-jährigen Krieg tagte der Reichstag dann immerwährend in Regensburg.

    Ein deutscher Nationalstaat entstand erst 1871 mit der durch Preußen initiierten Gründung des Deutschen Kaiserreichs (mit Hauptstadt Berlin).


    -----

    Liste der Persönlichkeiten

    -----

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Lach-Smiley ^^ als Reaktionstyp wieder möglich sein soll. :)

    Einmal editiert, zuletzt von Capote (6. Oktober 2025 um 08:44)

  • Louis Pasteur

    "Vorhandene Ideen zu überprüfen, das ist die lebende Flamme der Wissenschaft. Im Gegensatz dazu sind fixe Ideen eine Gefahr."
    (Louis Pasteur)



    Louis Pasteur (1822-1895) war ein Chemiker und Physiker, und ein Pionier auf dem Gebiet der Mikrobiologie.

    Eine äußerst bedeutsame Leistung von Pasteur war der Nachweis, dass Krankheiten von Bakterien verursacht werden können. Diese Erkenntnis war der Grundstein für die moderne Hygiene- und Krankheitsbekämpfung, und hatte langfristig einen erheblichen Anstieg der Lebenserwartung in der Bevölkerung zur Folge.

    Pasteur erkannte, dass Mikroorganismen allgegenwärtig sind. Sie befinden sich in der Luft und im Wasser, und sind verantwortlich für Infektionen, Fäulnis- und Gärungsprozesse. Er empfahl Methoden zur Vorbeugung und Bekämpfung von Keimen. Er erkannte die Wichtigkeit der Sterilisation von Wäsche und Verbänden in Krankenhäusern, des Abflammens von Instrumenten und der Reinigung der Hände. Diese Empfehlungen führten zur Verbreitung der modernen Chirurgie.

    Mit den ersten Labor-Impfstoffen zur Vorbeugung gegen Infektionskrankheiten hatte Pasteur Medizingeschichte geschrieben.

    Ihm verdanken wir auch die "Pasteurisierung", mit der durch kurzzeitige Erhitzung von flüssigen Lebensmitteln schädliche Mikroorganismen abgetötet werden, und die Lebensmittel damit haltbarer gemacht werden können.

    Pasteur hätte höchstwahrscheinlich den Nobelpreis erhalten, wenn es diesen zu seinen Lebzeiten bereits gegeben hätte. Stereochemie, Alkoholgärung, Zähmung von Keimen durch Pasteurisierung und Impfungen - all das hätte für einen Nobelpreis in Medizin oder Chemie gereicht. Der erste Nobelpreis wurde aber erst 1901 verliehen.

    In Frankreich feiert man Pasteur auch heute noch wie einen Nationalhelden. Er ist Teil der französischen Geschichte und des nationalen Ruhms. Eigens für ihn wurde 1888 eine Forschungseinrichtung gebaut, das heute noch berühmte und erfolgreiche „Institut Pasteur“, das er bis zu seinem Tod selbst leitete. Als er starb, bekam er ein Staatsbegräbnis und ein eigenes Mausoleum in seinem Institut. Heute gibt es weltweit über 30 Pasteur-Institute, in denen Frankreich biomedizinische Spitzenforschung betreibt.

    -----

    Normalerweise meiden Wölfe Menschen. Doch dieser Wolf war anders. Er kam aus den Wäldern am Fuß des Jura-Massivs im Osten Frankreichs, am 18. Oktober 1831. Der Wolf war furchtlos. Er griff alles an, was ihm begegnete, und biss wahllos Menschen, auch in der kleinen Stadt Arbois. Das Tier hatte Tollwut. Jeder Biss konnte für seine Opfer schreckliche Qualen und einen grausamen Tod bedeuten. Alle wussten das. Das einzige was die Gebissenen jetzt tun konnten, war zum Dorfschmied zu gehen. Dieser brannte die Bisswunden mit glühenden Eisen aus, in der Hoffnung, dass das die Tollwut aufhielt. Ein achtjähriger Junge aus der Nachbarschaft sah dabei zu. Der kleine Louis hörte die Schreie der Opfer. Er wird sie für den Rest seines Lebens nicht mehr vergessen.

    Louis Pasteur kam aus einfachen Verhältnissen. Er wurde als Sohn eines Gerbers am 27. Dezember 1822 geboren. Schon früh zeigte Pasteur Interesse an Wissenschaft und Naturwissenschaften. Er wuchs zu einer Zeit auf, in der weitgehend unklar war, wie Tollwut und andere ansteckende Krankheiten entstehen. Treten sie einfach spontan auf? Durch Zufall? So wie ja auch Lebensmittel oft spontan zu verderben scheinen. Zum Beispiel wie ein Stück Fleisch, das man auf dem Küchentisch liegen lässt, und nach ein paar Tagen plötzlich Maden auftauchen, und keiner weiß von wo die auf einmal herkommen. Diese Beobachtungen mündeten damals in die Theorie der "Urzeugung", die sinngemäß sagte, dass Lebewesen aus unbelebter Materie entstehen konnten. Mit dieser Theorie sollte Pasteur später aufräumen.

    -----


    Seine ersten Sporen und Ruhm verdiente sich Pasteur mit Kristallographie. Dabei half ihm seine genaue Beobachtungsgabe. Er konnte exzellent zeichnen, und hatte einen Blick für entscheidende Details unter dem Mikroskop. Für seine Doktorarbeit in Paris mit Mitte zwanzig Jahren untersuchte er die Kristalle der Salze der Weinsäure. Unterschiedlich geformte Kristalle sind offenbar für unterschiedliche optische Effekte verantwortlich, wenn man sie in Wasser auflöst. Diese Studien über die optische Aktivität von Kristallen führten zu bedeutenden Erkenntnissen in der Chemie.

    Seine Beobachtungsgabe half dem Chemiker auch, als er die Alkoholgärung bei der Weinherstellung untersuchte. Die damals gängige Annahme war, dass es sich dabei um eine rein chemische Reaktion handelt, ohne Beteiligung von Lebewesen. Pasteur kam allerdings zum Schluss, dass es biologische Ursachen für die chemischen Prozesse gibt. Er gehörte damals zu den Forschern, die annahmen, dass es winzige Mikroben in der Flüssigkeit sind, die aus Traubensaft Wein machen. Und dass es wiederum andere Keime sind, die stattdessen Essig entstehen lassen.

    Pasteur fand heraus, dass sich Mikroben überall befinden: in der Luft, im Wasser, auf Gegenständen, auf der Haut, in allen Dingen die uns umgeben. Sie sind auch der Grund, dass Lebensmittel verderben.

    Pasteur suchte immer nach praktischen Anwendungen für seine Grundlagenforschungen. Für die Weinhersteller entwickelte er deshalb ein Verfahren, wie man mit schonender Erhitzung Keime abtötet. Damit machte man den Wein haltbarer und konnte ihn länger lagern. Dieses Vorgehen nannte man später "Pasteurisierung". Damit konnten auch andere Lebensmittel, wie zum Beispiel Milch, haltbarer gemacht werden.

    Weiterhin zeigte er Essigherstellern, wie sie Essig von gleichbleibender Qualität herstellen konnten.

    -----


    Seine Arbeiten an Mikroben führten Pasteur schließlich auch zu ansteckenden Krankheiten. Er sah, wie Bier und Wein tiefgreifende Veränderungen unterliegen, wenn sich Mikroorganismen in diesen Flüssigkeiten angesammelt haben. Er überlegte sich deshalb, ob nicht Ereignisse gleicher Art auch bei Menschen und Tieren vorkommen können. Zum Beispiel bei Seidenraupen. In einer Zeit ohne künstliche Textilfasern war damals die Herstellung von Seide mit Seidenraupen in Frankreich eine wichtige Industrie. Und der kam Pasteur zu Hilfe. Denn an vielen Orten wurden die Seidenraupen krank. Niemand hatte eine Erklärung dafür, und keiner wusste, was dagegen helfen konnte.

    Pasteur erkannte, dass es bestimmte Erreger waren, die diese Krankheit verursachten, und konnte deshalb den Züchtern schließlich bestimmte vorbeugende Gegenmaßnahmen empfehlen. Unter anderem Hygienemaßnahmen, gute Belüftung und die Quarantäne von verdächtigen Raupenchargen. Dies führte zu einer deutlichen Verringerung der Ausbreitung der schädlichen Mikroben. Er konnte den Züchtern auch zeigen, wie man gegen die Erreger widerstandsfähigere Raupen züchten konnte. Und zwar, indem man die weiblichen Falter nach der Eiablage tötete, und sie unter dem Mikroskop auf die Erreger untersuchte. War die Untersuchung positiv, wurden die gelegten Eier vernichtet. Ansonsten wurden die Eier für die Zucht weiterverwendet.

    All diese Maßnahmen führten schließlich zum gewünschten Erfolg.

    Bei den großen Krankheiten im 19. Jahrhundert, wie Typhus, Cholera oder der Pest, fehlte damals größtenteils die Vorstellung, dass diese Krankheiten mit infektiösen Erregern zusammenhängen. Pasteur konnte diesen Zusammenhang jedoch nachweisen, und entwickelte die "Keimtheorie".

    Diese Erkenntnis war eine fundamentale Entdeckung in der Menschheitsgeschichte. Sie führte zur modernen Krankheitsbekämpfung und zum Fokus auf Hygienemaßnahmen, wie zum Beispiel die Versorgung mit sauberem Trinkwasser in den Städten. Die Folge war eine deutliche Verringerung der Ausbreitung dieser Krankheiten. Große Cholera- und Pestepidemien z.B. gehörten nun der Vergangenheit an.

    Der Wissenschaftler arbeitete unermüdlich, obwohl er zu dieser Zeit mit Mitte 40 einen Schlaganfall erlitt, und bleibende Lähmungserscheinungen davontrug. Sein Kopf aber blieb klar. Er war der Überzeugung, dass harte Arbeit, Engagement und Ausdauer essenziell sind, um wissenschaftliche Fortschritte zu erzielen. Sein Lebensmotto war: "Il faut travailler" - "Man muss arbeiten".

    -----

    Pasteur forschte lieber, als dass er lehrte. Mit Anfang 50 ging er als Chemieprofessor in Rente. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, Mittel einzuwerben und in einem eigenem Labor mit Assistenten an der Bekämpfung von Infektionskrankheiten zu arbeiten. Als Wissenschaftler war er inzwischen hoch angesehen und gut vernetzt, auch in Richtung Industrie und Staat. Er hatte ein Talent, Forschung nicht nur durchzuführen, sondern auch öffentlich zu inszenieren.

    Pasteur begann den Milzbrand zu bekämpfen. Milzbrand (auch Anthrax genannt) ist im wesentlichen eine Tierseuche, die unter anderem Schafe und Rinder befällt. Diese Krankheit verläuft für die Tiere meist tödlich, kann aber auch Menschen krank machen. An dieser Krankheit forschten zu dieser Zeit mehrere Wissenschaftler, unter anderem auch Robert Koch. Pasteur erkannte die Leistungen des jungen deutschen Forschers zwar an, aber eher widerwillig. Hintergund dabei war eine Abneigung von Pasteur gegen Deutschland allgemein, vor allem nach dem verlorenen Krieg von Frankreich gegen das deutsche Reich 1871. Er war ein glühender Patriot. Es war der Beginn einer lebenslangen Konkurrenz zwischen den beiden Forschern.

    Pasteur wollte Koch übertrupfen. Er wollte den Milzbrand unschädlich machen, indem er einen Impfstoff gegen den Erreger entwickelte. Es gab zwar schon vorher einen Impfstoff gegen Pocken, aber wie dieser genau funktionierte, wusste damals noch niemand. Pasteur entwickelte eine Theorie. Er glaubte, dass eine abgeschwächte Form des Erregers nicht nur keinen Schaden anrichtet, sondern sogar zu einem Schutz gegen die Infektionskrankheit führt. Diese Überlegung war die entscheidende Idee.

    Pasteur fand heraus, dass man abgeschwächte Milzbrand-Erreger erhält, indem man sie in Kontakt mit Sauerstoff bringt, und längere Zeit an der Luft bei einer bestimmten Temperatur aussetzte. Er führte hierzu genau Buch über seine Versuche im Labor und an Tieren.

    Als er sich von der Wirksamkeit des entwickelten Impfstoffs sicher war, inszenierte Pasteur schließlich einen öffentlichen Versuch. Der Versuch fand 1881 auf dem Bauernhof eines kritischen Tierarztes südlich von Paris statt. Von 50 Schafen wurden 25 mit dem Impfstoff aus dem Pasteurschen Labor behandelt. Zwei Wochen später wurden alle Tiere mit dem Milzbrand-Erreger infiziert. Die Prophezeiung von Pasteur: die geimpften Tiere werden überleben, während die anderen meist sterben. Zwei Tage später fanden sich mehr als 200 Schaulustige ein: Tierärzte, Bauern, Politiker, Beamte und sogar ein Reporter der London Times. Sie wurden Zeugen von Pasteurs Erfolg. Seine Prophezeiung erwies sich weitestgehend als richtig. Es ist zwar eines der geimpften Schafe gestorben, aber laut Obduktion aus anderen Gründen. Bereits im folgendem Jahr wurden in Frankreich mehr als 80.000 Nutztiere mit dem Pasteurschen Impfstoff geimpft. Bald darauf waren es Millionen.

    -----


    Aufgrund seines nachhaltig im Gedächtnis gebliebenen Erlebnis aus seiner Kindheit, wollte Pasteur Menschen vor Tollwut schützen. Jene dramatische, qualvolle und tödliche Krankheit, die damals ein Wolf in seine Heimatstadt Arbois gebracht hatte.

    Entscheidend bei der Entwicklung eines Tollwut-Impfstoffs war bei Pasteur die Annahme, dass der Impfstoff sowohl vorbeugend, als auch therapeutisch wirken könne, wenn man ihn früh genug anwandte. Der Impfstoff sollte auch Menschen retten, die von einem tollwütigen Tier bereits gebissen worden sind, bei denen die Symptome der Krankheit aber noch nicht eingesetzt hatten: Schmerzen, Lähmung, Verwirrtheit, extreme Reaktionen auf Wasser, Licht, Lärm, und schließlich der Tod. All das setzt nämlich erst Wochen nach dem Biss ein.

    Pasteur experimentierte im Labor an verschiedenen Versuchstieren: Hunde, Kaninchen, Meerschweinchen und Affen. Er erkannte dabei, dass Tollwut eine Erkrankung des Nervensystems ist. Die Arbeit zog sich über Jahre. Das lag auch daran, dass Pasteur den Tollwut-Erreger unter dem Mikroskop nicht sehen konnte. Es war nämlich kein Bakterium, sondern ein viel kleineres Virus, wie wir heute wissen. Viren waren erst knapp hundert Jahre später unter einem Elektronenmikroskop sichtbar.

    Im Juli 1885 kam eine Mutter aus dem (damals deutschen) Elsass mit ihrem neunjährigen Sohn zu Pasteur. Joseph Meister war zwei Tage zuvor von einem offenbar tollwütigen Hund über ein Dutzend mal gebissen worden. Pasteur hatte bis dahin zwar eine spezielle Impftherapie entwickelt, diese bislang allerdings nur an Hunden getestet, und das auch erst seit kurzer Zeit. Pasteur wusste also nicht, ob diese Therapie auch bei Menschen wirksam war. Die verzweifelte Mutter bestand aber darauf, dass die Impfung bei ihrem Sohn durchgeführt werden soll. Der kleine Joseph bekam darauf 10 Tage lang täglich eine Spritze aus dem Rückenmark tollwütiger Kaninchen. Die Virulenz des Erregers im Impfstoff war jeden Tag etwas größer, bis hin zum unabgeschwächten Erreger. Nach der letzten Spritze hatte das Kind also definitiv gefährliche Tollwutviren im Körper. Doch der Junge überlebte.

    Ob aber das Kind wirklich infiziert gewesen war, oder auch ohne Impfung überlebt hätte, ließ sich im Nachhinein nicht mehr klären. Denn längst nicht jeder Biss führt zu einer Infektion. Erst die Auswertung vieler Fälle zeigte, dass Pasteurs Impfstoff zweifelsfrei wirksam war. Kurze Zeit später stand der Impfstoff allgemein zur Verfügung, und viele andere wurden damit behandelt. Obwohl Tollwut schon damals eine ziemlich seltene Krankheit war, brachte seine Tollwutimpfung Pasteur Weltruhm, und so viele Spenden, dass er in den Jahren vor seinem Tod ein ganzes Netzwerk von medizinischen Forschungseinrichtungen gründen konnte.

    Die Tollwut ist heutzutage in vielen Ländern besiegt. Deutsch­land gilt seit 2008 als frei von terrestrischer Tollwut (sie kommt hier nur noch in Fledermäusen vor). Entscheidend dabei war, Füchse weit­flächig gegen sie zu impfen: die Überträger der Krankheit wurden durch Köder, die den Wirkstoff enthalten, immunisiert.

    Pasteur entwickelte insgesamt vier ver­schiedene Impfstoffe und wies damit nach, dass man, zumindest im Prinzip, vor beliebigen Infektionskrankheiten durch eine Imp­fung schützen kann.

    Joseph Meister war der erste Mensch, der gegen Tollwut geimpft wurde. Er wurde 64 Jahre alt, hatte sieben Kinder, und war zeitlebens überzeugt, dass Pasteurs Impfung ihm das Leben gerettet hatte.

    -----

    Liste der Persönlichkeiten

    -----

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Lach-Smiley ^^ als Reaktionstyp wieder möglich sein soll. :)

  • Qin Shi Huangdi

    "Weise Menschen schaffen Gesetze, während unwissende Menschen von ihnen kontrolliert werden. Der Würdige ändert die Riten, während der Unwürdige von ihnen gefesselt ist"

    (Berater am Hof von Xianyang, der Hauptstadt des Herzogtums Qin, im 4. Jahrhundert v. Chr.)

    Qin Shi Huangdi (259 v. Chr. - 210 v. Chr.) zählt zu den bedeutendsten Personen der Weltgeschichte, und gilt als der erste Kaiser von China.


    Ausgehend von seinem Königreich Qin eroberte Qin Shi Huangdi sämtliche anderen damals existierenden chinesischen Königreiche. Seine Eroberungen waren vergleichbar mit denen von Alexander dem Großen, hundert Jahre vor ihm. Während aber das eroberte Reich Alexanders nach seinem Tod rasch zerfiel, blieb das von Qin Shi Huangdi eroberte Kaiserreich über 2000 Jahre lang im wesentlichen bestehen. Es gab zwar immer wieder Zeiten in denen das Reich geteilt war, machmal sogar über mehrere hundert Jahre. Die Idee eines geeinten chinesischen Kaiserreichs setzte sich seit Qin Shi Huangdi aber immer wieder durch.

    In den westlichen Kulturkreisen ist Qin Shi Huangdi der bekannteste fernöstliche Herrscher, vor allem durch die riesige Terrakotta-Armee in seinem Mausoleum, die 1974 entdeckt wurde.

    Durch die Überlieferungen von Marco Polo im 13. Jahrhundert ist im Westen noch ein weiterer chinesische Kaiser recht bekannt: Kublai Khan, ein Enkel von Dschingis Khan. Der Mongole Kublai Khan eroberte China, und übernahm den Kaiserthron. Er begründete die Yuan-Dynastie.

    Da die wenigsten von euch chinesisch sprechen dürften, hier eine Übersetzung von Qin Shi Huangdi:

    • Qin ist der Name des Reiches, aus dem Qin Shi Huangdi stammte.
    • Shi bedeutet: "Erster".
    • Huang bedeutet: "erhaben", und ist ein alter Herrschertitel.
    • Di bedeutet: "übernatürlich" oder "Gottheit".

    Zusammen wird dies ins Deutsche meist mit "Erster Gottkaiser von Qin" übersetzt. Oft wird der Titel kompakter mit "Qin Shihuangdi" oder manchmal auch ausführlich getrennt mit "Qin Shi Huang Di" angegeben.

    Der Name "China" leitet sich wahrscheinlich von Qin (gesprochen: "dschin") ab. Diese Bezeichnung wurde im Westen aber erst viel später verwendet. In China selber hieß das Reich lange Zeit "Tian xia" - "Alles unter dem Himmel".

    Der Geburtsname von Qin Shi Huangdi wird meist mit Ying Zheng angegeben. Den Titel "Qin Shi Huangdi" gab sich Ying Zheng erst nach seinen Eroberungen. Ähnlich wie Octavian sich später "Caesar Augustus" ("Der Erhabene Kaiser") nannte.

    -----


    Die chinesische Geschichte lässt sich grob in vier Perioden unterteilen:

    • Prähistorisches China (bis ca. 2000 v. Chr.)
    • Antikes China (ca. 2000 v. Chr. - 221 v. Chr.)
    • Kaiserzeit (221 v. Chr. - 1912)
    • Modernes China (ab 1912)

    Prähistorisches China

    Vor etwa 12.000 Jahren schmolz das Eis der letzten Eiszeit. Die ersten sesshaften Bevölkerungen bildeten sich in den fruchtbaren Gebieten entlang der großen Flüsse, insbesondere des Gelben Flusses (Huang He) im Norden und des Jangtsekiang (Yang Ze) im Süden.

    Große Flüsse in China (das orange markierte Gebiet ist hier bedeutungslos, das Bild stammt aus einer späteren Zeit...)

    Die ersten archäologischen Nachweise für Ackerbau und Viehzucht stammen aus der Zeit um 7000 v. Chr., als in den nördlichen Regionen Hirse und im südlichen Teil Reis angebaut wurden. Daneben wurden Blumenkohl und Sojabohnen gezüchtet, sowie Schafe, Schweine und Geflügel gehalten. Nach und nach bildeten sich erste Dörfer und später dann größere Städte. Nachgewiesen sind mehre komplexe Lebensgemeinschaften mit diversen Kulturtechniken, z.B. die Herstellung von Keramik, die Produktion von Seide oder ab etwa 3000 v. Chr. die Verarbeitung von Bronze.

    Antikes China

    Das Wissen über die frühe Geschichte Chinas wird getragen von schriftlichen Überlieferungen, einem Wechselspiel zwischen Mythos und Realität (ähnlich wie die frühe griechische Geschichte), und archäologischen Funden. Ab ca. 2000 v. Chr. werden in der chinesischen Geschichtsschreibung die ersten herrschenden Persönlicheiten namentlich genannt. Die Ursprünge der chinesischen Schrift (das älteste Schriftsystem, das heute noch in Gebrauch ist) lassen sich bis zur Shang-Dynastie (ca. 1600–1050 v. Chr.) zurückverfolgen, alles Wissen davor basiert zwangsläufig auf mündliche Überlieferungen und archäologischen Funden. Die Shang-Dynastie ist die erste gesicherte Dynastie in der chinesischen Geschichte, und zeigt bereits eine fortschrittliche Gesellschaft mit komplexen sozialen Strukturen, einer stark entwickelten Bronzeverarbeitung und einer hierarchischen Gesellschaftsordnung, mit einem regierenden König und Beratern an der Spitze.

    Gebiet der Shang-Dynastie

    Die nachfolgende Zhou-Dynastie (ca. 1050 v.Chr. - 256 v. Chr.) bildete eine Schlüsselperiode in der chinesischen Geschichte. Zunächst eroberten die einfallenden Krieger der Zhou die Vorherrschaft in der Region der Shang-Dynastie. Seine Könige nannten sich "Söhne des Himmels" und strebten an, über "Alles unter einem Himmel" zu gebieten, also die gesamte zivilisierte Menschheit. Doch das gelang ihnen, wenn überhaupt, nur für kurze Zeit. Denn die Könige der Zhou setzten Verwandte, Verbündete, örtliche Machthaber und besiegte Konkurrenen als Statthalter über ihre Provinzen ein, die dann recht selbstständig agierten.

    Gebiet der Zhou-Dynastie

    Nach und nach bildeten die Vasallen viele unabhängige Kleinstaaten, die einander erbittert befehdeten. Die Könige der Zhou hatten nicht mehr die Macht, diese in Schach zu halten, obwohl sie formal noch dem König unterstanden. In den nachfolgenden Jahrhunderten nahm die Zahl der vielen Staaten in einer Ära fortwährender Kriege durch Unterwerfungen und Zusammenschlüsse dann von mehr als 170 Staaten auf nur noch wenige Staaten ab:

    Zhou-Staaten

    Schließlich blieben noch sieben Königreiche übrig. Qin war das westlichste der sieben Königreiche, und das größte. Die anderen sechs Reiche: Zhao, Wei, Han, Chu, Yan, Qi. Unter diesen Königreichen entbrannte ein erbitterter Machtkampf. Jeder dieser Reiche beanspruchte die Vorherrschaft, und wollte die anderen unterwerfen. Man nannte sie deshalb die "Streitenden Reiche".

    Streitende Reiche

    Für die Streitenden Reiche war Krieg der Normalzustand. Jeder Herrscher setzte alle Ressourcen, alle talentierten Männer, und jede Idee und Technik ein, um das Reich kampfkräftiger zu machen. Am Ende setzte sich das Königreich Qin durch. Sein Eroberer: der erste Kaiser der chinesischen Geschichte, Qin Shi Huangdi.

    Bemerkung am Rande: Das dieses Jahr neu in Essen erschienene Spiel Tianxia spielt in der Zeit der Streitenden Reiche. Der Spielplan in diesem Spiel bildet (grob) diese sieben Königreiche ab.

    Kaiserzeit

    Hier nur kurz eine Aufzählung der bedeutendsten Dynastien:

    • Qin Dynastie (221 v. Chr. - 206 v. Chr.)
    • Han Dynastie (202 v. Chr. - 220 n. Chr.)
    • Tang Dynastie (618 - 907)
    • Song Dynastie (960 - 1279)
    • Ming Dynastie (1368 - 1644)
    • Qing Dynastie (1644 - 1912)

    Knapp die Hälfte der über 2000 Jahre währenden Existenz war das chinesische Kaiserreich in mehrere Herrschaftsgebiete zersplittert, vor allem im Zeitraum 220 - 1280.

    Obwohl über die Seidenstraße bereits vor über 2000 Jahren Handel mit Europa stattfand (bereits die Römer handelten mit China), verlief die Geschichte Chinas bis zur Neuzeit völlig getrennt von der europäischen Geschichte. In Deutschland wird die chinesische Geschichte im Geschichtsunterricht bislang kaum behandelt

    -----

    Die meisten Informationen über Qin Shi Huangdi stammen vom Geschichtsschreiber Sima Qian aus dem späten 2. Jahrhundert v. Chr. der nachflogenden Han-Dynastie. Nach der Chronik von Sima Qian wurde Ying Zheng im Nachbarkönigreich Zhao geboren. Zum Zeitpunkt seiner Geburt diente sein Vater Yiren in Zhao als Geisel im Rahmen eines Friedenvertrags zwischen den Königreichen Qin und Zhao. Yiren war einer der Enkel des Herrschers von Qin, Zhaoxiang (325 v. Chr. - 251 v. Chr.). Die Mutter von Ying Zheng, Zhao Shi, war einst die Konkubine des wohlhabenden Händlers Lü Buwei. Lü Buwei erkannte die Chance seines Lebens, und freundete sich mit Yiren an. Der Prinz fand Gefallen an der schönen Konkubine des Händlers, worauf dieser sie ihm dann überließ. Yiren heiratete Zhao Shi, und bald darauf kam Ying Zheng zur Welt.

    Eigentlich war Yiren in der Thronfolge nicht vorgesehenen. Sein Status als Geisel in Zhao zeigte, dass der Hof von Qin ihn für entbehrlich hielt. Die Thronfolge war aber kompliziert. Im Falle des Todes von Zhaoxiang wäre der Thron zunächst auf seinen Sohn Anguo übergegangen, Yirens Vater. Yiren hatte allerdings über 20 Geschwister. Lü Buwei erinnerte aber seinen Freund daran, dass die Hauptfrau von Anguo, Prinzessin Huayang, kinderlos war, so dass alle Enkel von Zhaoxiang offiziell den gleichen Anspruch in der Thronfolge hatten, und dass Huayang das Recht hatte, im Falle des Todes von Anguo einen Erben zu ernennen.

    Lü Buwei heckte einen Plan aus, wie er Huayang beeinflussen könnte, Yiren die Thronnachfolge zu sichern. Dazu reiste Lü Buwei nach Qin und begann sich bei Huayang einzuschmeicheln. Er überhäufte sie mit Geschenken, und erzählte ihr Geschichten über die Zuneigung, die Yiren ihr entgegenbrachte. All das führte schließlich zum Erfolg: Huayang adoptierte Yiren als ihren eigenen Sohn. Damit lag Yiren in der Thronfolge auf einmal an zweiter Stelle.

    Im Jahr 251 v. Chr. starb Zhaoxiang nach einer 57-jährigen Herrschaft. Sein Sohn Anguo war nun neuer König von Qin. Aber nur drei Tage nach seiner Inthronisation starb Anguo plötzlich. Der Verdacht liegt nahe, dass der intrigante Lü Buwei hier seine Finger im Spiel hatte. Neuer König war nun der Thronerbe Yiren, mit dem nun offiziellen Königsnamen Zhuangxiang. Zhuangxiang ernannte Lü Buwei zu seinem Kanzler und Berater, und erhob ihn in den Adelsstand. Wenige Jahre später starb aber auch Zhuangxiang, so dass Ying Zheng im Alter von 13 Jahren durch eine merkwürdige Kette von Todesfällen dreier aufeinanderfolgender Könige innerhalb weniger Jahren den Königsthron bestieg. Lü Buwei war nun am Gipfel seiner Macht: er war der Kanzler eines minderjährigen Königs. Obwohl es keine Hinweise auf einen unnatürlichen Tod von Zhuangxiang gibt, liegt deshalb auch hier der Verdacht nahe, dass Lü Buwei wieder seine Finger im Spiel hatte. Da König Zheng noch zu jung und unerfahren war um selber zu regieren, übernahm bis zu seiner Volljährigkeit Lü Buwei die Regentschaft an der Seite von Zhengs Mutter Zhao, die er wieder zu seiner Konkubine machte.

    In der chinesischen Geschichtsschreibung wird behauptet, dass nicht Zhuangxiang der Vater von Ying Zheng war, sondern Lü Buwei.

    Verwicklungen, Intrigen, Mord und Liebe: ein Drehbuchautor für Seifenopern hätte sich diese Hintergrundgeschichte der Thronbesteigung von Ying Zheng nicht dramatischer ausdenken können.

    -----

    Bis Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. nannten sich die Herrscher von Qin noch nicht "Wang" ("König"), sondern "Gong" ("Herzog"). Herzog Xiao (Regierungszeit 361 v. Chr. - 338 v. Chr.) hatte aus Qin einen totalen Staat geformt. Hunderte von peniblen Gesetzen regelten das korrekte Verhalten der Untertanen. Bei Vergehen wurden drakonische Strafen festgelegt, aber auch Belohnungen für Wohlverhalten (siehe hierzu auch das einleitende Zitat zu Beginn). Alle Untertanen wurden in Gruppen von jeweils fünf Familien eingeteilt, in denen jeder für das Verhalten der anderen Familien mitverantwortlich war. Wer einen Schuldigen aus der Gruppe nicht anzeigte, wurde genauso bestraft wie der Schuldige. Wer dagegen einen Schuldigen benannte, der wurde belohnt. Durch diese Art erzwungener Selbstüberwachung hatte der Staat die Kontrolle bis in das kleinste Dorf. Dieses System wurde auch beim Militär eingeführt. Auch hier gab es Fünfergruppen. Jeder Soldat war nicht nur für sich, sondern auch für die anderen vier Kameraden verantwortlich. Floh zum Beispiel einer aus der Fünfergruppe vor dem Feind, wurden alle aus der Gruppe hingerichtet. Der Nachfolger von Xiao nannte sich dann erstmalig "Wang" - "König".

    Mitte des dritten Jahrhunderts v. Chr. wurde durch den Bau eines neuen Kanals in Qin ein innovatives Bewässerungssystem errichtet, mit dem hohe Einnahmeüberschüsse erwirtschaftet wurden. Das war ein ganz entscheidender Schritt. Qin wurde dadurch zum produktivsten und reichsten Gebiet in ganz China und war damit in der Lage, sein Heer stark zu vergrößern und mit den besten Waffen auszustatten.

    In dieser Zeit bestieg Ying Zheng den Königsthron von Qin. Einige Zeit nach der Thronbesteigung begann sich Lü Buwei vor dem heranwachsenden und selbstbewusst auftretenden Herrscher zu fürchten. Aus Angst vor dessen Zorn trennte er sich von der Mutter des Königs, und führte sie einem Adligen als neuen Liebhaber zu. Im Jahr 238 v. Chr. wurde König Zheng volljährig und damit offizieller Herrscher in Qin. Kurz darauf vermutete er eine Verschwörung des Liebhabers seiner Mutter gegen ihn, und ließ ihn hinrichten. Ein Jahr später wurde Lü Buwei als angeblicher Mitwisser der Verschwörung entlassen und ins Exil geschickt, wo er dann Selbstmord beging. Als neuen Kanzler und obersten Berater ernannte der König nun Li Si, einem ehemaligen Beamten aus dem Nachbarreich Chu, der Zheng bereits in dessen Jugendzeit begleitete, und für den Rest des Lebens von Ying Zheng ein kompetenter und einflussreicher Berater von ihm war.

    Ausgestattet mit dem nun größten und schlagkräftigsten Heer aller Streitenden Reiche, und unterstützt von den Ratschlägen von Li Si, begann Zheng schließlich ab 230 v. Chr. einen großen Feldzug gegen die anderen Reiche. "Wenn das Reich Qin 100.000 Soldaten zugleich über die Grenze führt", berichtete ein schockierter Zeitgenosse, "gleicht das einem Staudamm, der plötzlich bricht". Ein Reich nach dem anderen fällt an Qin. 221 v. Chr. musste schließlich das letzte Reich sich geschlagen geben.

    Einen Großteil der Grundlagen seines Erfolgs hatten zwar die Vorgänger von Zheng gelegt. Doch letztendlich war er es, dem es gelang, in weniger als einem Jahrzehnt die anderen sechs rivalisierenden Streitenden Reiche zu unterwerfen. Er beendete damit einen 200-jährigen Konflikt, und brachte den von Kriegen zerissenen Reichen Frieden.

    Zheng wollte nun nicht mehr länger "König" sein, wie seine Vorfahren und Rivalen. Er legte sich einen neuen Titel zu: "Qin Shi Huangdi" - "Erster Gottkaiser von Qin".

    -----

    Von Qin Shi Huangdi sind mehrere Attentatsversuche auf ihn überliefert. Hier das bekannteste Attentat:

    Als das Königreich Zhao von der Qin-Armee erobert wurde, befürchtete der Kronprinz des benachbarten Yan-Reichs, dass sein Land als nächstes an der Reihe sein würde. Der verzweifelte Prinz beschloss deshalb, den talentierten Schwertkämpfer Jing Ke anzuheuern, der in einer Selbstmordmission Ying Zheng töten sollte. Das Vorgehen war sorgfältig geplant. Um eine Audienz mit dem König Zheng zu erreichen, begab sich Jing Ke mit dem abgeschlagenen Kopf eines abtrünnigen Qin-Generals an den Hof von Qin. Dieser General hatte im Königreich Yan Zuflucht gesucht, war jedoch bereit, sich im Namen einer höheren Sache zu opfern. Mit dem Kopf des unglücklichen Generals und einer Karte der Grenzregion zu Yan, durch die die Armeen von Qin einfallen könnten, wurde Jing Ke die Audienz schließlich gewährt, und er wurde eingeladen, seine Geschenke dem König zu überreichen. Bei der Übergabe der Geschenke stand Jing Ke unmittelbar vor Ying Zheng. Als Zheng den Kartenbehälter öffnete, war er überrascht, in der Karte einen versteckten Dolch zu finden. Vorbereitet auf diesen Moment, packte Ke den König mit einer Hand an seinem Ärmel, griff mit der anderen Hand nach dem Dolch, und wollte ihm damit in die Brust stechen. Zheng konnte sich jedoch losreißen, und versuchte, vom Angreifer verfolgt, sein Schwert zu ziehen. Das Schwert verhakte sich aber. Da es den Palastdienern verboten war, Waffen im Thronsaal zu tragen, standen alle hilflos da, bis ein Arzt geistesgegenwärtig seinen Medizinkoffer nach Jing Ke warf. Er traf damit Jing Ke, und dem König gelang es, sein Schwert aus der Verhakung zu lösen, und Jing Ke zu töten.

    Nach diesem gescheiterten Attentat, griff Ying Zheng erbost nun auch das Yan-Reich an, und eroberte es letztendlich. In der Han-Dynastie wurde Jing Ke als Held mystifiziert, und auch im heutigen China wird er noch verehrt (warum auch immer...).

    -----

    Nachdem Qin Shi Huangdi ein Großreich errichtet hatte, stand er nun vor der großen Herausforderung, es auch regieren. Zunächst schaffte er in den eroberten Gebieten das Feudalsystem ab, und teilte das Reich in 36 Kommandaturen ein, verwaltet von Beamten, die vom Kaiser eingesetzt und besoldet wurden, und jederzeit von ihm wieder abberufen werden konnten. Die führenden Adelsfamilien der besiegten Königreiche wurden nach Xianyang umgesiedelt. Dort hatte der Kaiser sie vereint unter Kontrolle.

    Um Einheit und Frieden in seinem Reich zu gewährleisten, ergriff Qin Shi Huangdi weitere Maßnahmen. Dazu gehörten die Standardisierung von Maßen und Gewichten, sowie die Einführung einer einheitlichen Qin-Währung im gesamten Reich: runde Gold- und Bronzemünzen, mit einem quadratischen Loch in der Mitte, damit man sie auf Schnüren abgezählt reihen konnte (äußerst nützlich!). Diese Maßnahmen erleichterten den Handel und die Steuererhebung ungemein. Für die Friedensicherung wurden die Waffen der besiegten Reiche beschlagnahmt, eingeschmolzen, und zu Glocken und anderen Gegenständen gegossen, darunter große Bronzestatuen, die dann in Xianyang als Siegesdenkmäler errichtet wurden.

    Die wirkungsvollste und nachhaltigste Reform war aber die Standardisierung der chinesischen Schrift. Die Völker der besiegten Reiche hatten alle unterschiedliche Sprachen und unterschiedliche Schriftzeichen. Der Kanzler Li Si leitete ein Projekt zur Festlegung eines einheitlichen Satzes chinesischer Schriftzeichen für das ganze Reich. Diese Zeichen wurden zwar in den verschiedenen Gebieten des Reiches unterschiedlich gesprochen, der geschriebene Text war jedoch identisch. Dadurch war es möglich, dass trotz unterschiedlicher Sprachen, staatliche Proklamationen im gesamten Reich gelesen und verstanden werden konnten. Diese vereinhaltliche Zeichenschrift diente somit als überregionales Medium der Verständigung, und war ganz wesentlich für ein politisch vereintes China mit (auch heute noch) unterschiedlichen Sprachen. Mit einem Lautschrift-Alphabet (wie in Europa) wäre das sehr wahrscheinlich nicht möglich gewesen!

    Weiter veranlasste der Kaiser einen einheitlichen Gesetzeskatalog für das Reich. Die Gesetze wichen in den einzelnen Regionen nun nicht mehr nach ortsüblichen Brauch voneinder ab. Die Gesetze waren umfassend und streng. Sie regelten sämtliche Aspekte des täglichen Lebens. Verstöße wurden hart bestraft. Bei Kapitalverbrechen gab es je nach Schwere des Verbrechens unterschiedliche Hinrichtungsarten, darunter Enthauptung, Durchschneiden an der Hüfte oder Vierteilen durch Pferde. Bei weniger schweren Vergehen wurden Geldstrafen verhängt, anstelle den bis dahin üblichen Verstümmelungen (z.B. Abschlagen von Nase, Ohren, Hände oder Geschlechtsteil). Einer der häufigsten Strafen waren aber Zwangsarbeiten in Infrastrukturprojekten in den neu eroberten Gebieten, darunter der Bau eines Straßennetzes, das die wichtigsten Knotenpunkte im Reich verband, mit der Hauptstadt Xianyang im Zentrum.

    Das bekannteste Infrastrukturprojekt war die Erweiterung der chinesischen Mauer an der Nord- und Westgrenze des Reiches. Die ersten Teile dieser Mauer wurden bereits im 7. Jahrhundert v. Chr. unter der Herrschaft der Zhou-Dynastie zum Schutz vor einfallenden Völkern aus der eurasischen Steppe errichtet. Qin Shi Huangdi ließ Teile der Mauer ersetzen, andere erweitern und Anbauten hinzufügen, die die Abschnitte der Mauer miteinander verbanden. Die große chinesische Mauer, die wir heute kennen, sind allerdings Abschnitte, die erst viel später im 16. Jahrhundert unter der Ming-Dynastie erbaut wurden.

    -----

    In der chinesischen Geschichte gab es mehrere Denkschulen, die Staat und Gesellschaft über mehr als 2000 Jahre geformt haben, darunter z.B. Taoismus, Mohismus oder Buddhismus. Die bekannteste Denkschule war aber der Konfuzianismus. Konfuzius (chinesischer Name: Kong Qiu) war ein chinesischer Philosoph der von 551 - 479 v. Chr. lebte. Er entwickelte ein Modell für ein geordnetes und respektvolles Zusammenleben der Menschen, insbesondere für eine moralisch unanfechtbare und fürsorgliche Herrschaft. "Was du selbst nicht wünschst, das füge auch keinem anderen zu" lautete einer seiner wichtigsten Lehrsätze. Für Konfuzius war die Basis der Tugend die Ehrfurcht der Kinder gegenüber den Eltern. Vor allem während der Han-Dynastie galt der Konfuzianismus als Prinzip allen staatlichen Handelns, das China bis in die Gegenwart hinein prägte.

    Im Qin-Reich galt dagegen die Denkschule des Legalismus ("Gesetzesschule"), der im Gegensatz zum Konfuzianismus nicht auf Moral und Einsicht vertraut, sondern auf die Wirkung drakonischer Gesetze. Im Legalismus gilt die Annahme, dass der Mensch von Natur aus schlecht sei, und nur durch strenge Gesetze und Überwachung daran gehindert werden könne, schlechte Taten zu begehen. Ordnung, insbesondere im Wirtschaftsleben durch einheitliche Maße und Gewichte, war im Legalismus ein hohes Ziel, ebenso die Nützlichkeit des Menschen. Bauern und Soldaten galten daher wichtiger als Beamte, die nur Vollzugsinstrumente seien, um die Gesellschaft unter Kontrolle zu halten. Auch der Legalismus prägte die chinesische Gesellschaft in entscheidender Weise bis heute.

    -----

    Sie waren das letzte Aufgebot des mächtigsten Mannes der Welt. Mehr als 8000 Soldaten in streng geschlossener Formation: Infanterie mit geschliffenen Hieb- und Stichwaffen. Armbrustschützen, deren Geschosse auch harte Ziele durschschlagen. Panzerreiter mit Pferden sowie Fahrer mehrspänniger Streitwagen. Geführt werden die Einheiten von Generälen, Offizieren und Unteroffizieren aus allen Teilen des Reiches. Eine furchterregende Streitmacht. Das besondere aber: sie sind nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Ton gebrannt. Und: sie bewachen einen Toten.

    In der Geschichte gab es viele Herrscher, für die ein aufwendiges Grabdenkmal errichtet wurden. Die Pharaonen bauten hierfür Pyramiden. Lenin und Mao liegen einbalsamiert in ihren Mausoleen. Aber nur einer hatte sich so extrem umfangreich auf den Tod vorbereitet wie Qin Shi Huangdi. Und die größten Geheimnisse seines Grabs sind noch gar nicht gelüftet. Noch heute versetzen sie Menschen in Angst: Chinas Terrakotta-Krieger, die Armee des toten Kaisers, die den Eingang zu seiner Grabkammer bewachen.

    1974 stießen Bauern beim Wassergraben auf die ersten Bruchstücke. An einem Ort, wo sich die alte Kaiserhauptstadt Xianyang befand, unmittelbar in der Nähe der heutigen Stadt Xi'an. Der Zufallsfund wurde zur archäologischen Weltsensation. Hier, am Ausgangspunkt der historischen Seidenstraße, befindet sich heute eines der bedeutendsten Museen der Erde. In diesem Museum kann man den bislang ausgegrabenen Teil der Terrakotta-Armee besichtigen. Wie die Pyramiden und die chinesische Mauer zählt man die Terracotta-Krieger heute zu den Weltwundern der Geschichte. Die lebensgroßen Figuren sind eine gigantische Grabbeigabe. Nirgendwo sonst sieht man Menschen von damals so wie hier. Die Skulpturen sind reich an Details. Tausende Krieger wurden bislang ausgegraben und restauriert, jedes Gesicht unterscheidet sich dabei von den anderen, jeder mit einem anderen Gesichtsausdruck, bis ins kleinste Detail sind sie perfekt modelliert. Man kann ihre Nationalität und ihr Alter erkennen. Die Ausstattung der Soldaten und ihre hochwertigen Waffen, sowie die professionelle Herstellung der Tonkrieger, lassen Rückschlüsse auf das damalige Niveau von Kultur und Technik zu: China gehörte damals zu den fortschrittlichsten Nationen ihrer Zeit!

    Es wurde herausgefunden, dass die Oberflächen der gefundenen Schwerter der Soldaten mit Chrom, in einer Dicke von nur einem hundertstel Millimeter überzogen worden sind, um Korrosion zu verhindern. Diese Schwerter sind heute noch genauso scharf, wie vor über 2000 Jahren. Dies setzte eine hoch entwickelte Technik voraus. Weiter wurden Rüstungen entwickelt, die aus vielen kleinen Eisenteilen zusammengenäht wurden. Diese passten sich an dem Körper an, und die Soldaten konnten sich leicht damit bewegen.

     

    Der Aufmarsch der tönernen Krieger ist aber im Verhältnis nur ein kleiner Teil einer gigantischen Anlage. Das gesamte Areal des Mausoleums umfasst ein Gebiet von über 50 Quadratkilometern, in etwa die Fläche von Manhattan. Der Überlieferung zufolge ist in dem Mausoleum die gesamte gewohnte Umgebung des Kaisers nachgebildet, ein unterirdisches Reich, das sein irdisches Reich fortsetzen sollte: seine Paläste, Opfertempel, umgebende Parks mit Flusslandschaften, Zoos, daneben Mägde, Diener, Stallburschen, bewachende Krieger, Beamte, bis hin zu Akrobaten, Jongleure und Musiker, die für die Unterhaltung des Kaisers im Jenseits sorgen sollten, ihm Gesellschaft leisten, und seine enorme Macht unterstreichen sollten. Die Gruben der Terrakotta-Armee liegen etwa eineinhalb Kilometer östlich des Kaisergrabs. Bis heute ist nur etwa ein Viertel der gesamten Anlage freigelegt worden. Bis zur eigentlichen Grabkammer ist man noch nicht vorgedrungen. Die Archäologen sind hier äußerst vorsichtig. Die Gefahr, irgendetwas dabei zu zerstören ist sehr hoch. Einer der Hauptproblematiken ist die Konservierung der Fundstücke. Gefährdet sind hier vor allem Seide, Papier und Dokumente, die leicht oxidieren, wenn sie freigelegt werden. Im Gegensatz etwa zu den Ausgrabungen in Pompeji, wartet man noch ab, bis moderne Methoden entwickelt sind, die einen Zerfall verhindern, oder zumindest stark verzögern. Bis dahin wird voraussichtlich aber noch viel Zeit vergehen.

    Unterstützt werden die Archäologen hierbei unter anderem auch von der Fakultät für Chemie und Pharmazie der deutschen Ludwig-Maximilan-Universität in München. Als Beispiel: Ursprünglich waren die Terrakotta-Krieger bunt bemalt. Anfangs ist die Farbe bei den Ausgrabungen in Kontakt mit der frischen Luft und unter Lichteinfall innerhalb von Minuten abgeblättert. Inzwischen können die Farben mit chemischen Methoden und aufwendiger moderner Technik jedoch erhalten werden: die deutsche Fakultät entwickelte dazu unter anderem ein Elektronenstrahlhärtung-Verfahren, mit dem die Farben dauerhaft beständig bleiben.


    Da Qin Shi Huangdi bereits mit 13 Jahren König wurde, hatte er über 30 Jahre Zeit, diese Grabanlage zu bauen. Mit seinen Eroberungen wurde das Reich immer größer, und das Mausoleum immer gewaltiger, und nahm schließlich gigantische Ausmaße an. Nach der Vereinigung der Königreiche wurden angeblich 700.000 Männer zur Arbeit an der Baustelle zwangsverpflichtet. Das alles hing mit dem Charakter des Herrschers zusammen: seine Fixierung auf das Leben nach seinem Tod.

    Der allmächtige Kaiser war von dem Wunsch besessen, unsterblich zu werden. Seine gesamte Kaiserzeit war er auf der Suche nach dem Elixier des Lebens. Man hatte ihm berichtet, dass es irgendwo draußen auf dem Meer die sagenhaften Inseln der Unsterblichkeit geben soll. Er stattete daher Expeditionen aus, um diese Inseln zu finden, auf denen angeblich dieses Elixier zu finden war. Nachdem die Suche nach diesen Inseln aber ohne Erfolg war, beauftragte er seine Alchemisten nach Mitteln zu forschen, die das Leben verlängern sollten. Die Alchemisten empfahlen ihm schließlich unter anderem Pillen mit Quecksilber, die er dann vermutlich auch regelmäßig einnahm. Mit Quecksilber wurden wahrscheinlich deshalb auch die Flusslandschaften im Areal des Mausoleums modelliert, welche in den historischen Quellen beschrieben wurden. Damals war man tatsächlich von der positiven Wirkung von Quecksilber überzeugt. Noch im 19. Jahrhundert wurde in Europa in der Medizin Quecksilber als Medikament eingesetzt. Heute weiß man, dass Quecksilber sich im Körper als Gift ansammelt, und langfristig zum Tod führt. Man vermutet, dass dies letztlich auch die Todesursache bei Qin Shi Huangdi war. Der Kaiser starb 210 v. Chr. im Alter von 49 Jahren.

    Für den Tod hatte er aber mit einer der umfangreichsten Grabstätte in der Geschichte der Menschheit vorgesorgt. Mithalten konnten hier nur noch ägyptische Pharaonen mit ihren Pyramiden. In gewisser Weise ist er dadurch tatsächlich unsterblich geworden.

    -----

    Hier noch ein paar (wenige) Infos zur weiteren chinesischen Geschichte:

    • Die Qin-Dynastie währte nur kurz. Nach dem Tod von Qin Shi Huangdi brachen überall im Reich Aufstände aus. Das Reich versank in einen Bürgerkrieg, in dessen Folgen 206 v. Chr. der letzte Qin-Herrscher getötet wurde. In den Rebellionen setzte sich letztlich Liu Bang durch, der Begründer der Han-Dynastie. 202 v. Chr. übernahm Liu Bang den Kaiserthron. Er ließ dabei aber den Verwaltungsapparat und die errichteten Infrastrukturen der Qin-Dynastie weiterbestehen, und hielt an der Mehrzahl ihrer Gesetze und Verordnungen fest.
    • Der oben bereits erwähnte Geschichtsschreiber der Han-Dynastie, Sima Qian, gilt als der Begründer der chinesischen Geschichtsschreibung. Sima Qian vefasste das "Shiji", ein Überblick über mehr als zweitausend Jahre der damaligen chinesischen Geschichte. Dieses Geschichtswerk ist die Hauptquelle der antiken Geschichte Chinas, dessen Wirkung mit dem Alten Testament der Bibel verglichen wird. Im Shiji wird Qin Shi Huangdi als grausamer und tyrannischer Despot beschrieben, der u.a. Kritiker hinrichten, und kritische Bücher verbrennen ließ, vor allem solche mit konfuzianischem Inhalt. Laut mehreren Historikern darf man allerdings dieser Bewertung und dem genauen Wahrheitsgehalt dieser Beschreibungen nicht allzu großen Wert beimessen. Sima Qian war Anhänger des Konfuzianismus, und die meisten Dynastien hatten über die Vorgängerdynastie tendenziell eher schlechtes berichtet. Man könne dies also durchaus als Propaganda sehen, um den eigenen Herrscher in hellerem Licht erscheinen zu lassen. Allerdings konnten die Funde im Areal des Mausoleums von Qin Shi Huangdi bislang vieles von dem Bericht von Qian bestätigen.
    • Während um 1000 n. Chr. in Europa tiefstes Mittelalter herrschte, war das chinesische Kaiserreich in dieser Zeit während der Song-Dynastie das fortschrittlichste Land der Welt. Es gab dort bereits Explosionswaffen und Flammenwerfer, eine Stahlindustrie, Papiergeld und den Buchdruck mit beweglichen Lettern, hunderte Jahre vor Gutenberg. Pestizide verhalfen den Bauern zu nie dagewesenen Ernteerträgen. China produzierte damals jährlich etwa 100.000 Tonnen Roheisen. Diese Menge erreichte England erst um 1800. Angetrieben wurde dieser Fortschritt von einer hochgebildeten Beamtenelite, den Mandarinen. Sie wurden in einer Reihe rigoroser Prüfungen aus den begabtesten Männern des Reiches auserwählt. Die Mandarine waren Wissenschaftler, Ingenieure, Bürokraten oder Diplomaten. Unter ihnen war China nicht nur das modernste, sondern auch das reichste Land der Welt, technisch war es anderen Ländern um Jahrhunderte voraus. In Kaifeng, der Hauptstadt des chinesischen Reichs während der Song-Dynastie, lebten in dieser Zeit ca. 1 Million Menschen.
    • Das 2000-jährige Kaiserreich sah sich selbst als größtes und charismatischstes Land der Erde, das allein durch seine Herrlichkeit die natürliche Führung in der Welt innehaben müsse. Seine Nachbarn beherrschte es dabei nicht durch imperialen Zwang (wie später viele europäische Mächte), sondern durch ein Tributsystem, bei dem Vertreter der Nachbarstaaten dem chinesischem Herrscher Luxusgüter wie Gold oder Ginseng liefern mussten. Das Tributsystem ist aber tatsächlich nicht als klassischer Ausbeutungs-Imperialismus zu verstehen. Es war zwar ein Machtverhältnis, aber es folgte eher konfuzianischen Ideen von Ausgleich und Bindung, weil die kleineren Staaten meist Geschenke im Gegenwert erhielten. Den unterschiedlichen Kaiserdynastien ist es damit gelungen, die Vorherrschaft in Südost- und Nordostasien (mit Ausnahme Japans) über viele Jahrhunderte zu sichern.


    -----

    Hätte man um das Jahr 1430 einen neutralen, weltkundigen Beobachter gefragt, welche Kultur schon bald die Welt dominieren würde, er hätte Chinas globale Vorherrschaft vorhergesagt. Fast 100 Jahre vor Christof Kolumbus entsendete Kaiser Yongle aus der Ming-Dynastie einen gewaltigen Verband von Schiffen über die Meere, der größer und mächtiger war als alle Flotten Europas zusammen. Mit bis zu 120 Metern langen Neunmastern, die 30-mal größer waren als später die "Santa Maria" (das Flaggschiff von Kolumbus), und Hunderten von Begleitbooten segelte der kaiserliche Admiral Zheng He von Chinas Südküste bis Indien, Arabien und Afrika, möglicherweise sogar bis nach Australien, um Schätze einzutauschen, aber vor allem die Macht des Kaisers zu demonstrieren. Einen historischen Wimpernschlag lang stand das Tor zur Weltherrschaft offen.

    Expeditionen des Zheng He 1405 - 1433

    1424 starb jedoch Kaiser Yongle. Seine schwächeren Nachfolger hatten deutlich weniger Interesse an der Seefahrt. Über die Gründe kann nur spekuliert werden. Einer der Gründe könnte sein, dass Yongle seine Residenz von Nanjing nach Beijing (Peking) verlegen, und dort die Verbotene Stadt errichten ließ. Eine Region, die näher an den Steppen Innerasiens liegt, wo er sich mit Reitervölkern harte Kämpfe liefern musste. Die vorsichtigen Nachfolger des Kaisers sahen nun Chinas Heil in der Defensive und der Abgrenzung des Reiches nach außen. Ausländische Einflüsse sahen sie als schädlich an. 1433 setzten kaiserliche Beamte am Hofe schließlich den kaiserlichen Beschluss durch, auf weitere Expeditionen zu verzichten. Dieser Beschluss eröffnete Europa erst die Chance, über die Grenzen der Alten Welt nach Osten hinauszugreifen. Portugiesen, Spanier, Holländer und Engländer hätten in späteren Jahrhunderten niemals so leicht nach den Reichtümern des Osten greifen können, wenn sie auf ein intaktes chinesisches Seereich gestoßen wären. Historiker gehen davon aus, dass China dann höchstwahrscheinlich noch vor Kolumbus Amerika entdeckt hätte.

    -----

    Liste der Persönlichkeiten

    -----

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Lach-Smiley ^^ als Reaktionstyp wieder möglich sein soll. :)

  • Ramses der Große

    Ramses II. der Große (um 1303 - 1213 v. Chr.) war einer der bedeutendsten Pharaonen des alten Ägyptens, und ist heute neben Tutanchamun der bekannteste ägyptische Pharao.

    Mumienkopf von Ramses II.

    Gesichtskonstruktion von Ramses II.


    Die Regierungszeit von Ramses II. (1279 bis 1213 v. Chr.) gilt als das Goldene Zeitalter Ägyptens. Durch sein diplomatisches Handeln gelang es ihm, einen fast 50-jährigen Frieden mit seinen Nachbarvölkern zu halten, darunter auch mit dem damals mächtigen Hethiter-Reich (in etwa im Gebiet der heutigen Türkei). Er war der erste Mensch in der Geschichte, der einen Friedensvertrag aufsetzte. Insgesamt 66 Jahre führte Ramses das Land. Damit ist er bis heute eines der am längsten amtierenden Staatsoberhäupter der Geschichte.

    Der Name Ramses heißt übersetzt "[Der Sonnengott] Ra hat ihn geboren", also "Sohn des Gottes Ra". Kein anderer Pharao war so umtriebig wie Ramses II. Er ließ mehr Tempel, Obelisken und Statuen errichten als jeder andere Herrscher Ägyptens vor oder nach ihm. In den Tempelanlagen und Monumenten ließ er seine politischen und diplomatischen Leistungen in umfangreichen Inschriften und Darstellungen meißeln. Sein bekannntestes Bauwerk ist der Tempel von Abu Simbel, seit 1979 UNESCO-Weltkulturerbe. Als 1959 der Bau des Assuan-Staudamms drohte, die gesamte Tempelanlage von Abu Simbel unter Wassermassen zu begraben, wurde das Bauwerk Stein für Stein abgetragen und etwa 60 Meter weiter oben an eine andere Stelle der Klippe verlegt.

    Tempel von Abu Simbel

    Die großen Mengen an Denkmäler, Bilder und Inschriften von Ramses II., die nach seinem Tod bis in die letzten Winkel des Pharaonenreiches zu finden waren, trugen entscheidend zu seiner Bekanntheit bei - bis heute noch. Er hatte auf die späteren Pharaonen einen solch starken Eindruck hinterlassen, dass im 12. Jahrhundert v. Chr. gleich neun Pharaonen hintereinander sich ebenfalls Ramses nannten (Ramses III. - Ramses XI.).

    Nach mehreren Umbettungen landete die Mumie von Ramses II. im Ägyptischen Museum von Kairo. Dort stellte der französische Arzt Maurice Becaille in den 1970er-Jahren den beginnenden Verfall der Überreste Ramses II. fest. Man beschloss, die Mumie zu Expertinnen und Experten nach Paris zu transportieren. Aufgrund des damals geltenden Rechts war jedoch die Ausreise Ramses II. nur möglich, wenn dieser über einen gültigen Pass verfügt (Bürokratie!). Und so wurde ihm, über 3000 Jahre nach seinem Tod, ein solcher ausgestellt. Bei dem auf Social Media geteilten Ausweis handelt es sich jedoch um eine künstlerische Darstellung. Das Originaldokument ist öffentlich nicht zugänglich.

    Bild auf Social Media: Pass von Ramses II.


    -----


    "Soldaten, von der Spitze dieser Pyramiden blicken 40 Jahrhunderte auf euch herab!"
    (Napoleon 1798 bei seinem Ägypten-Feldzug)

    Die ägyptische Hochkultur war eine der bedeutendsten Zivilisationen der Antike, und mit einer Dauer von über 3000 Jahren mit Abstand die langlebigste.

    Die alte ägyptische Geschichte wird üblicherweise in folgende Epochen unterteilt:

    • Frühgeschichte: ca. 5000 - ca. 2900 v. Chr.
    • Archaische Zeit: ca. 2900 - ca. 2590 v. Chr (1./2. Dynastie)
    • Altes Reich: ca. 2590 - ca. 2120 v. Chr. (3. - 8. Dynastie)
    • Erste Zwischenzeit: ca. 2120 - ca. 1980 v. Chr. (9. - 11. Dynastie)
    • Mittleres Reich: ca. 1980 - ca. 1760 v. Chr. (11./12. Dynastie)
    • Zweite Zwischenzeit: ca. 1760 - 1539 v. Chr. (13. - 17. Dynastie)
    • Neues Reich: 1539 - 1070 v. Chr. (18. - 20. Dynastie)
    • Dritte Zwischenzeit: 1070 - 664 v. Chr. (21. - 25. Dynastie)
    • Spätzeit: 664 - 335 v. Chr. (26. - 31. Dynastie)
    • Griechisch-Römische Zeit: 332 v. Chr. - 395 n. Chr. (i.w. unter Fremdeinfluss)

    Die Zeitangaben variieren in den Quellen, zum Teil um über 100 Jahre. Andere Quellen setzen das Alte und das Mittlere Reich deutlich früher an. Die einzelnen herrschenden Pharaonen und deren Reihenfolge gelten zwar überwiegend als gesichert, nicht aber die konkreten Regierungsjahre. Erst ab dem Neuen Reich gibt es präzisere und im wesentlichen einheitliche Zeitangaben. Der Übergang vom Alten Reich zur ersten Zwischenzeit ist fließend, oft wird das Ende des Alten Reichs nur bis zur 6. Dynastie eingeordnet. Die bedeutendsten Dynastien waren die 3. und 4. Dynastie im Alten Reich, die 12. Dynastie im Mittleren Reich, und die 18. und 19. Dynastie im Neuen Reich.

    In der Jungsteinzeit, etwa um 6000 v. Chr., wurde die nordafrikanische Savanne mit ihren Oasen, die heutige Sahara, immer unwirtlicher und trockener. Jäger und Viehzüchter, die dort lebten, kehrten ihrer Heimat den Rücken, und siedelten sich am Nil an. Nach und nach begann dort der Ackerbau. Die Bauern lernten dabei die jährlichen Nilüberschwemmungen zu nutzen. Ab dem 5. Jahrtausend v. Chr. sind dann mehrere jungsteinzeitliche Siedlungszentren nachweisbar, die neben Keramik und Alltagsgegenständen auch erste Kunstwerke herstellten.

    Es gibt zwei sehr unterschiedliche Zonen am Nil: Im Nildelta im Norden mit seinen zahlreichen Flussarmen und Verzweigungen gibt es relativ viel fruchtbares Land, weiter südlich reichen Wüste und Fels dagegen bis fast an den Strom selbst. Diese Trennung in Unter- und Oberägypten gab es seit Urzeiten. Im grüneren Delta lebten vorwiegend Bauern, von Palästina aus hatten sich dort Getreideanbau und auch Viehzucht verbreitet. Die Oberägypter dagegen ernährten sich ursprünglich eher als Jäger und Sammler, erst später lernten sie auch dort Getreide anzubauen. Erst nach langer Rivalität, bis hin zu Kriegen, kamen die beiden Landeshälften etwa um 3000 v. Chr. zusammen. In dieser Zeit entwickelte sich auch die Hieroglyphenschrift. Seitdem gelten die einzelnen Pharaonen überwiegend als gesichert hinterlegt. Die meisten Pharaonen sind mit einer eigenen "Kartusche" schriftlich hinterlegt.

    Als einer der Gründer des Alten Reichs gilt Pharao Djoser (aus der 3. Dynastie), unter dem Memphis (in Unterägypten) Hauptstadt wurde. Das Alte Reich war die große Zeit des Pyramidenbaus. Die meisten Pharaonen dieser Epoche ließen sich für das Leben im Jenseits in der Gegend um Memphis Pyramiden bauen. Die erste Stufenpyramide ließ Djoser unter dem Baumeister Imhotep in Sakkara errichten. Die größten, bekanntesten und am besten erhaltenen Pyramiden liegen aber in Giseh, in der Nähe der heutigen Stadt Kairo. Diese Pyramiden wurden in der 4. Dynastie von den Pharaonen Cheops (größte Pyramide), Chephren und Mykerinos erbaut. Außer den Pyramiden ist von diesen drei Herrschern allerdings nur wenig bekannt. Die Cheops-Pyramide war mit einer ursprünglichen Höhe von 146 Metern über 4000(!) Jahre lang das höchste Bauwerk der Welt (zum Vergleich: der Kölner Dom hat eine Höhe von 157 Meter und wurde erst 1880 vollendet). Auch heute noch weiß man nicht genau, wie die Ägypter mit relativ einfachen Werkzeugen und Hilfsmitteln in der Lage waren, diese zu errichten.

    Bemerkung am Rande: Das Spiel Men-Nefer (ägyptischer Name für den griechischen Namen Memphis) spielt in der Zeit des Alten Reichs. Obwohl ein klassisches Eurogame, ist es thematisch hervorragend umgesetzt. In der Spielanleitung kann man viele historische Hintergründe aus dieser Zeit nachlesen.

    Die Zwischenzeiten zeichneten sich dadurch aus, dass es keine Pharaonen gab, die in ganz Ägypten herrschten. In der ersten Zwischenzeit zerfiel das Reich in diverse Fürstengebiete, in denen die Pharaonen kaum noch Macht hatten (und von einigen Historikern deshalb auch nicht mehr als Pharaonen bezeichnet werden). Teilweise gab es mehrere Pharaonen (bzw. Könige) gleichzeitig. Es gibt Hinweise, dass eine größere Dürrekatastrophe (vermutlich während der Herrschaft von Pharao Pepi II.) der Auslöser des Machtzerfalls war, wahrscheinlich als Folge einer globalen Klimakatastrophe. Der Wasserstand des Nils in dieser Zeit sank stark, es gab zu wenig Wasser um die Felder zu bewässern, Ernten fielen aus. Nach einigen Jahrzehnten stabilisierte sich das Klima wieder. Aber erst nach über hundert Jahren konnte sich schließlich Pharao Mentuhotep II. von Oberägypten aus wieder in ganz Ägypten durchsetzen. Er begründete das Mittlere Reich.

    Im Mittleren Reich führten politische und wirtschaftliche Stabilität zu einer kulturellen Blüte des Pharaonenreichs. Vor allem die 12. Dynastie erwies sich als eine der dauerhaftesten und stabilsten, die das alte Ägypten je beherrschte. Pharao Sesostris I. war dabei der bedeutendste Herrscher. In Eroberungszügen stärkte er den Einfluss des Nilreichs auf den Vorderen Orient und stieß mit seinen Truppen südlich bis zum zweiten Katarakt (Stromschnellen) des Nils vor. Er ließ zahlreiche Bauwerke errichten, u.a. die "Weiße Kapelle" in Karnak. In dieser Zeit entstanden auch einige bedeutende literarische Werke (1000 Jahre vor Homer!). Die bekannteste Erzählung ist die Lebensgeschichte des Hofbeamten Sinuhe, was als Meisterwerk der ägyptischen Literatur angesehen wird. Noch bei den Geschichtsschreibern der Antike, bei Griechen und Römern, galt Sesostris I. als der ägyptische Pharao schlechthin.

    Während der zweiten Zwischenzeit herrschten in Unterägypten die "Hyksos" ("Herrscher der Fremdländer"), Einwanderer aus Kleinasien und Palästina. In dieser Zeit musste sich die einheimische Dynastie bis nach Theben in Oberägypten zurückziehen.

    In der zweiten Zwischenzeit hatte Ägypten zwei Machtbereiche: im Norden regierten die Hyksos, im Süden oberägyptische Pharaonen.


    -----


    "Ägypten enthält mehr wunderbare Dinge als alle andere Länder"
    (Herodot, griechischer Historiker, um 430 v. Chr.)

    Das Neue Reich war die Blütezeit des alten Ägyptens. In dieser Zeit war Ägypten auf dem Zenit der Macht, Ägypten wurde hier zur Weltmacht. Die großen Pyramiden waren bis dahin bereits über 1000 Jahre alt!

    Der erste Pharao des Neuen Reichs war Ahmose I., der die Hyksos besiegte und vertrieb. Die heute bekanntesten Pharaonen dieser Epoche waren Hatschepsut, Thutmosis III., Echnaton, und vor allem Tutanchamun und Ramses II. Die meisten Pharaonen des Neuen Reiches wurden im legendären Tal der Könige bestattet, welches sich auf der Westseite des Nils bei Theben befindet. Theben war unter den meisten Pharaonen dieser Epoche die Hauptstadt des Reiches.

    Hatschepsut (aus der 18. Dynastie) war die wohl mächtigste Frau, die je am Nil gelebt hat, und eine der wenigen Frauen als Pharao. Zwar übernahm nach dem Tod eines Monarchen hin und wieder eine Herrschergattin zeitweise die Staatsgeschäfte, meist aber nur vorübergehend. Auch bei Hatschepsut war das zunächst der Fall. Als Thutmosis II. 1479 v. Chr. starb, bestieg sein Sohn Thutmosis III. als Nachfoger den Thron. Da aber Thutmosis III. mit sieben Jahren noch zu jung war, um zu regieren, übernahm Hatschepsut als "Große Königliche Gemahlin" von Thutmosis II. die Regierungsgeschäfte. Bereits zu Lebzeiten ihres Gatten hatte sie sich als willensstarke und machtbewusste Person gezeigt. Von kleinauf hatte sie gelernt, wie man Macht darstellt: in Statuen, in Inschriften, in Prozessionen. In Inschriften ließ sie sich nicht nur als Regentin erwähnen, sondern auch, dass sie von Geburt göttlich legitimiert sei. Durch strategisches und geschicktes Vorgehen hatte sie sich schnell eine so starke Autorität verschafft, dass sie sich nach wenigen Jahren selbst zum Pharao krönen ließ. Die Regierungszeit von Hatschepsut zählt zu den Glanzzeiten der ägyptischen Geschichte. Der Handel blühte, unter ihr hatte Ägypten einen wirtschaftlichen Aufschwung, Wohlstand, und eine langjährige Friedenszeit.

    Thutmosis III. blieb zwar offiziell Mitregent von Hatschepsut, fügte sich aber ihrer Herrschaft. Wahrscheinlich kam ihm das sogar entgegen, er konnte sich dadurch ganz seinen Interessen widmen: dem Reisen und vor allem der Armee. In Memphis, dem damaligen Militärzentrum Ägyptens, machte er eine mehrjährige Militärausbildung. Erst als Hatschepsut um 1458 v. Chr. starb, übernahm Thutmosis III. den Thron, über 20 Jahre nach seiner Krönung.

    Unter der Herrschaft von Thutmosis III. stieg Ägypten dann zur Weltmacht auf. Die Jahre in der Armee machten ihn zu einem erfahrenen Feldherren. In vielen großen Feldzügen unterwarf er Palästina und Syrien, und speziell die wichtigen phönizischen Seestädte an der Mittelmeerküste. Er schaffte damit eine Pufferzone gegen Angriffe des Königreichs Mitanni in Nordmesopotamien. Der bedeutendste Sieg dabei war in Megiddo im nördlichen Palästina über eine Koalition syrischer und aramäischer Fürsten. Daneben expandierte er Ägypten auch nach Süden in Nubien bis zum 4. Katarakt des Nils hinaus. Unter Thutmosis III. gelangte das alte Ägypten zu seiner größten Ausdehnung.


    Echnaton (ebenfalls aus der 18. Dynastie, Regierungszeit 1353 - 1336 v. Chr.), der ursprünglich Amenhotep IV. hieß, hatte als "Ketzerpharao" Geschichte geschrieben. Im Bruch mit den traditionellen Göttern Ägyptens erklärte er den Sonnengott Aton als Weiterentwicklung des Gottes Ra zum obersten und einzigen Gott. Er machte seine Gattin Nofretete zur Mitregentin. Nofretete kennt man heute hauptsächlich durch die weltberühmte Büste von ihr:

    Büste von Nofretete

    Die Büste wurde vom Bildhauer Thutmosis gefertigt, der erste namentlich bekannte Künstler Ägyptens. Echnaton beauftragte die Künstler Ägyptens, Aton mit neuen und einprägsamen Werken zu preisen. Sie sollten die Schönheit der Natur rühmen, die Aton mit dem Sonnenaufgang jeden Tag aufs Neue schaffe. Mit Folgen: noch nie zuvor waren angefertigte Bilder so bewegt und bewegend, niemals zuvor hatten Bildhauer so lebensechte Gesichtszüge dargestellt.

    Außenplitisch blieb Echnaton passiv. Das nutzten die Hethiter: sie fielen während seiner Regierungszeit in Syrien ein, ohne größere Gegenmaßnahmen von Echnaton. Nachfolgende Pharaonen setzten alles daran, die Erinnerung an den Aton-Kult auszuöschen - in den Herrscherlisten wurden Echnaton und seine direkten Nachfolger (u.a. Tutanchamun) entfernt.

    Tutanchamun war (sehr wahrscheinlich) ein Sohn von Echnaton und einer seiner Nebenfrauen (also nicht Nofretete). Er war ein ziemlich unbedeutender Pharao, der zudem im Alter von etwa 19 Jahren sehr jung starb. Ursprünglich hieß er Tutanchaton. Durch seine Abkehr von Aton, und der Wiederzuwendung zu den traditionellen Göttern, nannte er sich dann um. Seine große Bekanntheit heute erlangte Tutanchamun dadurch, dass sein Grab im Tal der Könige nicht von Grabräubern geplündert wurde. Als einziges Pharaonengrab des Neuen Reichs. Das lag zum einen an seiner unbedeutenden Person, aber auch daran, dass seine Grabkammer an einer recht versteckten Stelle im Tal der Könige platziert wurde, vor allem aber daran, dass sein Name in den Herrscherlisten nicht auftauchte, er dadurch schnell in Vergessenheit geriet, und Grabräuber deshalb das Grab nicht suchten. Entdeckt wurde sein Grab schließlich 1922 vom britischen Archäologen Howard Carter: es war das mit Abstand reichste Königsgrab, das Archäologen jemals in Ägypten entdecken sollten, ein unermesslicher Grabschatz - eine Sensation.

    Totenmaske von Tutanchamun


    -----


    "Ein König, der die Götter honoriert."
    (Lehrbücher zu den umfangreichen Tempelbauten von Ramses II. und der göttlichen Legitimation seiner Herrschaft)

    Ramses II. (aus der 19. Dynastie) war der Sohn von Sethos I. und dessen "Großer Königlicher Gemahlin" Tuja. Aus seiner Kindheit und Jugend ist wenig bekannt. Es wird vermutet, dass er etwa zwölf Jahre alt war, als sein Vater zum Pharao gekrönt wurde. Hinterlegt ist aber, dass man ihn bereits als Kind im Kriegshandwerk unterrichtet hatte. An der Seite seines Vaters zog er als Bogenschütze auf einem Streitwagen gegen die Nachbarvölker. Wahrscheinlich wurde er in den letzten Lebensjahren seines Vaters von diesem zum Prinz- oder Mitregenten eingesetzt. Als 1279 v. Chr. sein Vater Sethos I. starb, wurde Ramses II. als sein Nachfolger zum neuen Pharao gekrönt.

    Ägypten und das Reich der Hethiter waren die Großmächte dieser Zeit, ähnlich wie die Römer und Karthager 1000 Jahre später. Der Streit um die Kontrolle der bedeutenden Häfenstädte an der Levanteküste führte schließlich zu einem jahrelangen Konflikt bzw. Krieg zwischen Ägypten und dem Hethiterreich. 1274 v. Chr. erfolgte der berühmteste Feldzug in Ramses Zeit als Pharao. Unter seinem Kommando marschierten über 20.000 Krieger, flankiert von 2000 Streitwagen, durch den Gazastreifen gegen die Hethiter. Es war das wohl größte Heer, das ein Pharao je aufgestellt hat. In Kadesch, etwa 140 Kilometer nördlich von Damaskus, kam es dann zur größten Streitwagenschlacht in der Geschichte. Die Hethiter unter Großkönig Muwattalli II. hatten ähnlich viele Streitwagen, waren insgesamt aber fast doppelt so stark. Trotzdem war sich Ramses seines Sieges sicher. Fast wäre es jedoch zur Katastrophe für ihn gekommen: er fiel auf Spione herein, die ihm erzählten, die Hethiter wären noch weit vom Lager seiner Streitkräfte entfernt. In Wirklichkeit lagen sie im Hinterhalt auf der Lauer. Erst im letzten Moment traf Verstärkung für die Ägypter ein, und die Schlacht endete ohne Sieger. Für den Pharao war aber eine Dokumentierung eines Patts keine Option: er wies seine Bilderhauer an, in ganz Ägypten Tempelinschriften zu meißeln, die seinen Sieg verkündeten. "Ich bezwang alle Fremdländer, ich allein, als mich meine Truppen und Wagenkämpfer verlassen hatten", diktierte er seinen Schreibern. Nur dank einer hethitischen Inschrift kam später die Wahrheit ans Licht. Propaganda und Alternative Fakten waren also bereits damals ein übliches Vorgehen.

    Ramses war aber nicht nur ein Meister der Selbstdarstellung. Er schaffte es 16 Jahre später auch, mit den Hethitern den ersten überlieferten Friedensvertrag der Weltgeschichte auszuhandeln. Da der Krieg für beide Reiche exorbitante Summen kostete, und keine der beiden Seiten sich entscheidend durchsetzen konnte, kam es schließlich zu einer Einigung über eine Einstellung der Feindseligkeiten. Die einst verfeindeten Gegner versprachen, sich künftig niemals mehr anzugreifen und besiegelten sogar einen Beistandspakt. Sie einigten sich auf eine Grenze zwischen Syrien im Norden, und Palästina im Süden. Eine Kopie des Vertrags liegt heute im UN-Hauptgebäude in New York. Es waren aber nicht bloß schöne Worte, beide Seiten nahmen ihr Anliegen durchaus ernst. Wie ernst, das zeigte sieben Jahre nach der Unterzeichnung ein beispielloser Schritt: Ramses erhielt nach diplomatischen Verhandlungen eine Tochter des hethitischen Großkönigs Hattuschili III. als weitere Ehefrau. Sie wurde zum Abschied mit kostbarem Öl gesalbt und von einer hethitischen Ehrenwache an den Nil begleitet.

    Dank des Bündnisses konnte Ägypten sich nun auf den kulturellen und wirtschaftlichen Aufschwung konzentrieren, und Ramses sich ganz seinen Superbauten widmen. Wohl kein anderer Pharao ließ so viele Bauwerke aus dem Nichts stampfen. Eine neue Hauptstadt gehörte auch dazu: "Pi-Ramesse" ("Haus des Ramses") im Norden von Ägypten im östlichen Nildelta. Zudem ließ er sich im Westen von Theben, nahe der heutigen Stadt Luxor, einen gigantischen Grabpalast erbauen: das Ramesseum. Der Palast beherbergte eine Bibliothek mit mehr als 10.000 Papyrusrollen. Dort ließ er sich auch als gigantische Steinstatue verewigen, 1000 Tonnen schwer und 17 Meter hoch.

    Zu Ramses berühmtesten Werken zählen die Tempel von Karnak, Luxor und vor allem den in den Fels gehauene Bau in Abu Simbel. 300 Kilometer südlich des heitigen Assuan, also an der äußersten Südgrenze des Pharaonenreichs, prangte nun unübersehbar sein Bild. Die Fassade des größeren Tempels zeigte gleich vier kolossale Sitzfiguren des Herrschers nebeneinander, eine aus dem Berg gemeißelte Macht- und Propagandaschau ersten Ranges (siehe Bild oben). Der Tempel sollte für alle Ewigkeit zum Symbol der Größe von Ramses und Ägypten werden. Abu Simbel war über 3000 Jahre später das Vorbild für das 1941 erstellte Mount Rushmore National Memorial in den USA.


    Ramses II. hatte während seines Lebens mindestens neun Ehefrauen und rund 100 Kinder, die er zumeist überlebte. In den letzten Jahren seines rund 90-jährigen Lebens litt Ramses an Rheuma, Rückenproblemen und Arteriosklerose. Außerdem quälte ihn ein eitriger Abszess im Unterkiefer. Das jedenfalls ermittelten französische und ägyptische Wissenschaftler, als sie im Jahr 1976 die Mumie des legendären Herrschers in Paris untersuchten.

    Man kann sich die Frage stellen: Wenn bereits das Grab eines so unbedeutenden Pharaos wie Tutanchamun so reichhaltig ausgestattet wurde (alleine der Innensarg von Tutanchamun war aus purem Gold!), welche Schätze wurden dann Ramses II. beim Gang ins Totenreich mitgegeben? Man mag es sich fast nicht vorstellen. Wir werden es aber vermutlich nie erfahren.


    -----


    "Der Herr sprach zu Mose: Und jetzt geh! Ich sende dich zum Pharao. Führe mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten heraus!"
    (Exodus 3, 10)

    Es gibt Spekulationen, dass Ramses II. der namenlose Pharao des biblischen Exodus im Alten Testament war (sofern der Exodus als zentrales Ereignis so tatsächlich stattfand - außer der Bibel gibt es dafür keine belastbaren Belege). Der Exodus berichtet vom Auszug von 600.000 Israeliten aus Ägypten. Ramses könnte der Mann sein, der sich mit Israel gemessen hatte. Konkrete archäologische Funde, die diese Theorie belegen würden, gibt es bislang zwar nicht, aber zumindest einige vage Hinweise. Der Ausbau von Pi-Ramesse zur neuen Hauptstadt von Ramses benötigte große Mengen an Arbeitern. Es ist vorstellbar, dass hierzu vor allem Fremdlinge wie etwa die Israeliten zwangsverpflichtet wurden, was zum Entschluss der Israeliten zur Auswanderung geführt haben könnte. Dann: der erstgeborene Sohn von Ramses starb bereits in jungen Jahren, und die Bibel berichtet, dass eine der zehn Plagen, die dem Pharao von den Israeliten angedroht wurden, lautetete, dass alle Erstgeborene in Ägypten sterben sollten. Des weiteren bezeichnete der Nachfolger von Ramses, sein Sohn Merenptah, Israel als ein umherziehendes Volk (zumindest kann man die Hieroglyphen so deuten), und die Bibel berichtet, dass die Israeliten nach ihrem Auszug aus Ägypten 40 Jahre lang durch die Wildnis wanderten. Das alles sind jedoch nur vage Hinweise.

    Eine ganz andere Theorie z.B. lautet, dass die Israeliten Teile der Hyksos sein könnten, die von Ahmose I. vertrieben wurden, und dass Ahmose der in der Bibel genannte Pharao wäre. Für diese Theorie gibt es aber keinerlei Belege, Historiker halten sie auch als wenig plausibel.

    Als wahrscheinlichstes Szenario gilt unter Historikern, dass es kein zentrales Exodus-Ereignis gegeben hat, sondern mehrere Auswanderungsbewegungen über einen längeren Zeitraum hinweg, und dass es sich bei den in der Bibel genannten Schilderungen vermutlich um eine Zusammenfassung von mehreren überlieferten Legenden aus unterschiedlichen Zeiten handelt. Das wäre dann eine Erklärung, dass in der Bibel kein konkreter Pharao benannt wird, und auch, dass es keine außerbiblische Erwähnung eines Exodus gibt. Möglich wäre allerdings, dass unter Ramses II. tatsächlich eine größere Auswanderungswelle stattfand. Das alles bleibt aber weiterhin nur Spekulation.


    --—


    "O Isis und Osiris, welche Wonne! Die düstre Nacht verscheucht der Glanz der Sonne“
    Aus: "Die Zauberflöte" (Wolfgang Amadeus Mozart)

    Die Götterwelt im alten Ägypten war äußerst vielseitig, und hatte eine zentrale Bedeutung. Die Pharaonen legitimierten ihre Herrschaft als Söhne des obersten Gottes. Das machte den Pharao de facto unangreifbar und schützte ihn z.B. vor einem Putsch (wie es z.B. bei den Römern oft der Fall war). Nur der Pharao konnte zu den Göttern direkt in Kontakt treten, er war also der Mittler zwischen ihnen und den Menschen. Der Pharao hatte dafür zu sorgen, dass die kosmische Ordnung der Götter und die irdische Gerechtigkeit ("Maat") eingehalten wurden. Mit dem Tod wurde der Pharao selbst zu einem Gott.

    Der Zweck von Tempeln war es, die Götter auf die Erde zu bringen, also irdische Wohnungen für die Götter bereitzustellen. Im Zentrum eines Tempels wurde im Allerheiligsten das Gottesbild in Form einer Statue aufgestellt, aufbewahrt in einem Schrein, zu dem nur die höchstrangigen Priester Zutritt hatten. Die Schreine mit dem Gottesbild wurden in regelmäßigen Abständen dem einfachen Volk auf einer Barke in Form einer Prozession präsentiert. Diese seltenen Gelegenheiten, dem Gott nahe zu sein, wurden von der einfachen Bevölkerung, die in Massen an solchen Veranstaltungen teilnahm, begeistert begrüßt.

    Insgesamt sind rund 1500 Götter namentlich bekannt. Die Bedeutungen und die Hierarchie untereinander veränderten sich im Laufe der Zeit aber immer wieder, so dass es keine einheitliche Beschreibungen der Götter gibt. Oft gab es für einen bestimmten Zweck mehrere Götter, resultierend aus dem Umstand, dass es lokal unterschiedliche Götter gab, die sich dann in andere Regionen ausbreiteten. Neben den staatlichen Göttern, gab es auch eine Vielzahl an Göttern des einfaches Volks, z.B. Teweret (Schutzgott der schwangeren Frauen) oder Bes (Schutzgott während der Nacht).

    Hier eine knappe Auflistung der wichtigsten Götter und ihre Bedeutungen:

    Ra

    Ra bzw. Re (eine einheitliche Bezeichnung gibt es nicht) war der Sonnengott, und im Alten Reich der oberste Gott.

    Osiris

    Ursprünglich ein Fruchtbarkeitsgott, wurde während des Alten Reiches dann aber zum Herrscher des Totenreichs. Er wurde zum Sinnbild des ewigen Lebens, ein zentrales Streben in der altägyptischen Glaubenswelt.

    Isis

    Die Schwester und Gemahlin des Osiris. Isis wurde auch noch lange nach dem Untergang des Pharaonenreichs verehrt. Einige Historiker sehen in ihr gar das Vorbild der biblischen Maria.

    Amun

    Anfangs ein eher unbedeutender lokaler Gott in Theben. Zunächst Gott der Fruchtbarkeit, entwickelte sich dann zum Schöpfungsgott, und wurde im Mittleren und Neuen Reich zum obersten Gott. Amun verschmolz mit der Zeit mit Ra und wurde zum Universalgott Amun-Ra (bzw. Amun-Re).

    Ptah

    Ursprünglich ein Lokalgott in Memphis und einer der ältesten Götter im alten Ägypten. In Memphis war er der oberste Schöpfungsgott, im übrigen Ägypten hatte er aber nicht ganz die zentrale Bedeutung wie Amun und Ra.

    Aton

    Steht für die "Sonnenscheibe" und war eine Erscheinungsform von Ra. Unter der Herrschaft Echnatons stieg Aton kurzfristig zum einzigen Gott auf, und hatte unter ihm in Form des allgegenwärtigen (Sonnen-)Lichts eine eher abstrakte Bedeutung. Viele Historiker sehen hier den Ursprung des Monotheismus. Möglicherweise wurden die Israeliten in Ägypten und speziell der biblische Moses als Religionsstifter von der Lichtreligion inspiriert, das ist aber reine Spekulation und nicht belegt. Es gibt aber eine Stelle im Alten Testament, die darauf hindeuten könnte: "Herr, mein Gott, du bist herrlich, Licht ist dein Kleid, und erneuerst die Gestalt der Erde", heißt es im 104. Psalm. Fast die gleichen Worte hatte Echnaton in seinem Sonnengesang, einer Hymne an Aton, gewählt. Unter Tutanchamun (der ursprünglich Tutanchaton hieß) kehrte Amun aber als oberster Gott wieder zurück.

    Thot

    Gott des Mondes, der Magie, der Wissenschaft, der Schreiber und der Weisheit. Galt auch als der Erfinder der Hieroglyphen.

    Horus

    Falkenköpfiger Gott und Sohn des Osiris, verkörpert vom Pharao.

    Anubis

    Zuständig für die Einbalsamierung und Herr der Nekropolen. Er wird meist als schwarzer Schakal dargestellt oder als Mischwesen mit Hundekopf und menschlichem Körper.

    Über Osiris gab es bei den Ägyptern folgende Erzählung: Osiris war der letzte Gott, der in seinem irdischen Leben über die Menschen herrschte. Er wurde dann von seinem Bruder Seth aus Neid und Machtgier ermordet, in Stücke zerissen, und die Leichenteile entlang des Nils verstreut. Isis, seine Schwester und Gemahlin, sammelte die Körperteile ein, schaffte es diese wieder zusammenzufügen, und den Gatten wiederzubeleben. Sie empfing dann von ihm einen Sohn - Horus, der seinen Vater schließlich rächte. Dieser Mythos war äußerst populär. Vier große Prozessionen vollzogen die Stationen des Leidensweges nach, und wenn am Ende der Erste Priester des Gottes verkündete, dass Osiris wirklich und wahrhaftig wieder auferstanden war, fielen die Menschen einander voll Freude in die Arme.

    Osiris, im Jenseits wiedergeboren, wurde zum König der Unterwelt, und zum Totenrichter. Jeder Ägypter wollte wie Osiris sein: sterben, um dann im Jenseits wiedergeboren zu werden. Damit das aber möglich war, musste zunächst das Herz des Verstorbenen von Osiris und seinen 42 Totenrichtern auf die Waage der Gerechtigkeit gelegt werden - und es dann für zu leicht befunden werden ("das Herz musste leichter als eine Feder sein"). Die Waage durfte also nicht ausschlagen. Dafür musste man dem göttlichen Willen gemäß der "Maat" gelebt haben, d.h. gerecht gehandelt haben: durch moralisch einwandfreies Verhalten, gute anstelle schlechte Taten, Wahrheit statt Lüge, Barmherzigkeit statt Grausamkeit.


    -----


    "Was in Stein gemeißelt ist, bleibt für die Ewigkeit"
    (Ägyptische Weisheit)

    Kaum eine frühe Hochkultur hat so viele Schriftzeugnisse hinterlassen wie die der ägyptischen Pharaonen. Als Schrift wurden dabei Hieroglyphen verwendet. Das meiste Wissen über das Alte Ägypten stammt von diesen in Stein gemeißelten Hieroglyphen. Die Hieroglyphenschrift tauchte erstmals um etwa 3300 v. Chr. auf. Anfangs nutzten Verwaltungsbeamte und Händler das Schreibsystem, später kam sie vor allem für religiöse, zeremonielle und literarische Texte zum Einsatz. Wohl auch deshalb nannten die Ägypter selbst ihre Schrift "Gottesworte", die griechische Bezeichnung Hieroglyphen bedeutet ebenfalls "heilige Zeichen". Die Hieroglyphenschrift war nicht einfach. Nur langjährig ausgebildete Schreiber beherrschten dieses Schrift. Etwa 750 unterschiedliche Hieroglyphen verwendete ein altägyptischer Schreiber.

    Nach dem Untergang des Pharaonenreichs löste in Ägypten die griechische und später die koptische Schrift die Hieroglyphenschrift ab. 1400 Jahre lang konnte dann niemand mehr diese Schrift entziffern, die Kenntnisse darüber wurden schlicht vergessen. Erst ein Zufallsfund brachte den entscheidenden Durchbruch für die Entschlüsselung: der Stein von Rosette. Der Stein wurde 1799 von einem französischen Soldaten während des Ägypten-Feldzugs von Napoleon in der oberägyptischen Stadt Rosette entdeckt. Es handelte sich dabei um ein Fragment einer Stele eines Dekrets des Pharaos Ptolemäus V. aus der Griechisch-Römischen Zeit, und enthielt drei Versionen desselben Textes: oben Hieroglyphen, in der Mitte Demotisch (die ägyptische Alltagsschrift in der griechisch-römischen Zeit), und unten Altgriechisch. Der obere Teil mit den Hieroglyphen war aber unvollständig:

     

    Stein von Rosette

    Mehrere Forscher versuchten, die Hieroglyphen im Rosette-Stein anhand des Altgriechischen Textes zu verstehen, und entwickelten erste rudimentäre Theorien für die Hieroglyphenschrift. Aber erst der Franzose Jean-François Champollion gelang der entscheidende Durchbruch. Zu jener Zeit war die demotische Schrift ebenfalls noch unentziffert. Champollion hatte aber einen großen Vorteil gegenüber früheren Forschern: bereits als Jugendlicher hatte er acht alte Sprachen erlernt, darunter das Koptische. Diese Sprache wurde nur noch in der ägyptisch-christlichen Liturgie verwendet. Doch man wusste, dass sie mit dem Altägyptischen verwandt war. Champollion gelangte dadurch schließlich zur entscheidenden Erkenntnis, dass die Hieroglyphen keine reine Bilderschrift war (wovon man damals überwiegend ausging), sondern eine Mischung aus Bilder und Laute, und entwickelte eine erste ausführliche Theorie, wie die Hieroglyphen zu verstehen sind.

    Heute weiß man, dass die meisten Zeichen tatsächlich für Laute stehen: einige für einen, andere wiederum für mehrere Konsonanten. Vokale werden oft nicht, oder nicht eindeutig geschrieben (deswegen weiß man nicht, ob der Sonnengott "Ra" oder "Re" gesprochen wird - aktuell geht man von "Ra" aus). Daneben gibt es – stumme – Deutzeichen, durch die man gleichlautende Wörter unterscheiden konnte, sowie einige Bildzeichen, die tatsächlich ein ganzes Wort bedeuten können, oft im übertragenen Sinn in Form eines Bilderrätsels. Diese unterschiedlichen Bedeutungen sind offensichtlich historisch gewachsen, und machen die Hieroglyphenschrift überaus komplex. Oft ergibt sich die genaue Bedeutung nur aus dem Gesamtkontext.

    Als Beispiel für die Lautzeichen (neben den Bild- und Deutzeichen) hier ein Auszug der wichtigsten Lautzeichen aus dem Mittleren Reich:

    Und hier die Kartusche von Ptolemäus V., der im Rosetta-Stein erwähnt wird:

    Inzwischen gibt es für die Hieroglyphen spezielle Übersetzungswerkzeuge, zum Teil auch maschinelle. Zunehmend wird dabei auch KI verwendet, vor allem in Forschungsprojekten.

    Neben der Hieroglyphenschrift, die hauptsächlich in Stein gemeißelt wurde, entwickelte sich parallel eine Art Schreibschrift für den Alltagsgebrauch, die hieratische Schrift. Sie war eine vereinfachte Form der Hieroglyphenschrift und wurde in der Verwaltung, in Briefen und alltäglichen Dingen wie z.B. Rechnungen verwendet, aber auch für literarische Werke, bevorzugt auf Papyrus und Wachstafeln. Um 650 v. Chr. wurde diese durch die noch weiter reduzierte demotische Schrift ersetzt.

    Heutige Schätzungen gehen davon aus, dass im alten Ägypten maximal ein Prozent der Bevölkerung lesen konnte, und noch weniger schreiben. Das alte Ägypten muss man sich also als ein Land vorstellen, in dem vor allem die Wände der Tempelgebäude über und über mit Hieroglyphen bedeckt waren, aber fast niemand diese lesen konnte.


    -----


    "Alles wird gut, am Ende wird gut, und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende."
    (altägyptischen Perspektive auf Schicksal und Ordnung ("Maat"))

    Hier noch einige ägyptische Splitter:

    • Die Ägypter nannten ihre Herrscher eigentlich nicht "Pharao". Der Begriff geht auf das Wort "Per-aa" ("Großes Haus") zurück, das im Mittleren Reich entstand, und als Bezeichnung für die königliche Residenz verwendet wurde. Als (geschlechtsneutraler) Titel wurde er dann von Hatschepsut verwendet, wahrscheinlich um nach außen hin zu verschleiern, dass es sich bei ihr um eine Frau handelt (auf einigen Bildern sieht man sie auch mit königlichem Bart). Ihr Thronnachfolger Thutmosis III. verwendete dann diesen Titel erstmals offiziell. Später war diese Titulierung aber nicht die Regel, und nur selten Teil des offiziellen Protokolls. Die Griechen übernahmen diesen Titel dann als "Pharaon". Daraus wurde irgendwann "Pharao", und wird heute als allgemeine Bezeichnung für die altägyptischen Herrscher verwendet.
    • Die Pharaonen hatten meist bis zu fünf Namen bzw. Titel, die jeweils eine bestimmte Funktion bzw. Bedeutung hatten:
      • Horusname: Der eigentliche Königname, der nach der Thronbesteigung verwendet wurde (z.B. "Starker Stier mit vollkommenen Wiedergeburten"). Er wird durch einen Falken vor der Katusche gekennzeichnet - daher die Bezeichnung "Horusname".
      • Nebtiname: Beiname, oft eine Art Regierungsagenda (z.B. "Beschützer Ägyptens und Bezwinger der Fremdländer").
      • Goldname: Die Bedeutung dieses Namens ist bis heute nur unzureichend geklärt, und war wahrscheinlich im Laufe der Zeit unterschiedlich. Meist enthielt er weitere Informationen (z.B. "reich an Siegen").
      • Thronname: Der formelle Thronname, der u.a. als Legitimation des Königtums fungiert (z.B. "Erwählter des Ra und Herrscher der Maat"). Mit diesem Namen wurde der Pharao meist offiziell angesprochen.
      • Eigenname (Geburtsname): Der Name, der bereits bei der Geburt gegeben wird, und nicht erst bei einer Thronbesteigung. Der Eigenname ist der Name, der heute üblicherweise verwendet wird (z.B. "Tutanchamun" - "Lebendes Abbild des Amun").
    • Die Pharaonen hatten in aller Regel mehrere Ehefrauen. An oberster Stelle stand dabei die Hauptfrau ("Große Königliche Gemahlin"), die wichtigste Ehefrau des Pharaos. Meist war sie die Mutter des Thronerben. Sie hatte statusmäßig Vorrang vor den anderen Ehefrauen (Nebenfrauen), und stand häufig in politischer Nähe zum Königshaus. Die Nebenfrauen konnten ebenfalls offizielle Kinder mit dem Pharao haben, diese hatten aber nicht immer Einfluss auf die primäre Thronfolge. Der Hauptzweck der mehreren Ehefrauen war es, die dynastische Stabilität zu sichern. Oft dienten sie auch, um Allianzen mit benachbarten Adelshäusern zu sichern. Nicht unüblich war es, dass ein Pharao eine eigene Schwester oder (meist) Halbschwester geheiratet hat, manchmal auch eine seiner Töchter. Neben dynastischen Gründen war u.a. die Erhaltung von "reinem Blut" ein Mitgrund. Diese Form von Inzest hatte eine Häufung von genetischen Defekten zur Folge. Bei Tutanchamun wurde zum Beispiel eine Gaumenspalte und ein Klumpfuß bei der Untersuchung seiner Mumie festgestellt.
    • Streitwagen waren in der Bronzezeit eine der ersten High Tech Militärgeräte. Sie wurden vermutlich in Mesopotemien um ca. 2000 v. Chr. in der hauptsächlich verwendeten Form entwickelt, und wurden von diversen Völkern in Mesopotamien eingesetzt (Sumerer, Akkadier, Babylonier, Mitannier, Assyrer), in ägäischen Regionen (Kreta, mykenische Griechen), anatolische Gebiete (u.a. Hethiter), und später dann vor allem im Neuen Reich von den Ägyptern. Die Streitwagen kamen wahrscheinlich über die Hyksos zu den Ägyptern, und wurden dann von ihnen weiterentwickelt. Die Streitwagen waren zumeist leicht gebaut, wurden meist von zwei Pferden gezogen und in der Regel von zwei Personen besetzt (Pferdelenker und Bogenschütze). Ihre besonderen Vorteile waren Mobilität und hohes Tempo. Schnelle An- und Absetzmanöver brachten Überraschungseffekte und brachen feindliche Linien. Die Bogenschützen auf den Wagen konnten Angriffe aus sicherer Höhe machen und hatten durch die Bewegung eine größere Reichweite. Zudem erzielten sie eine starke psychologische Wirkung. Der Nachteil: Streitwagen konnten nur auf ebenem Gelände eingesetzt werden. Von einem hethitischen König ist berichtet, dass er ausschließlich auf ebenem Gelände in die Schlacht zog, und sich ansonsten bei Angriffen auf langwieriges Aushungern beschränkte. Durch spätere militärische Entwicklungen verloren die Streitwagen dann gegen Ende der Bronzezeit (ca. 1000 v. Chr.) nach und nach ihre Bedeutung.



      Darstellung von Ramses II. auf einem Streitwagen, abgebildet im Tempel von Abu Simbel


    -----

    Liste der Persönlichkeiten

    -----

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Lach-Smiley ^^ als Reaktionstyp wieder möglich sein soll. :)

  • Anzeige
  • Friedrich Schiller

    "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt."
    (Friedrich Schiller, aus: "Über die ästhetische Erziehung des Menschen")


    Friedrich Schiller (1759 - 1805) gilt neben Johann Wolfgang von Goethe als der bedeutenste deutsche Dichter. Schiller war aber auch ein Universalgelehrter. Er war nicht nur Dramatiker und Lyriker, sondern auch Mediziner, Historiker und Philosoph, zugleich aber auch ein Praktiker, unter anderem als Herausgeber von Zeitschriften. Obwohl Schiller seit über 200 Jahren verstorben ist, wird er immer noch gelesen, einige seiner Stücke sind bekanntlich auch Schullektüre.

    Zu den bekanntesten Werken von Schiller zählen (u.a.) die Dramen "Die Räuber", "Kabale und Liebe", "Don Karlos", "Wallenstein", "Maria Stuart", "Die Jungfrau von Orleans" und "Wilhelm Tell", sowie das Gedicht "An die Freude" und die Balladen "Die Bürgschaft", "Der Handschuh" und vor allem "Das Lied von der Glocke". Daneben hatte er auch noch einige epische und historische Werke, und viele philosophische Schriften verfasst, unter anderem "Über die ästhetische Erziehung des Menschen".

    Schiller ist nach wie vor aktuell. Das ist für sich schon erstaunlich. Besonders in einer so kurzlebigen Zeit wie der unseren, in der man sich kaum noch an die großen Buch-Veröffentlichungen von vor zwei Jahren erinnern kann (sofern man in der heutigen Zeit überhaupt noch Interesse an Büchern hat...). Die oft komplexen Fragen, die Schiller in seinen theoretischen Texten diskutiert, und die Themen, die er in seinen literarischen Werken behandelt, beschäftigen uns auch heute noch. Oft geht es bei ihm um den Konflikt zwischen Herz und Verstand, den Widerspruch zwischen Pflicht und subjektiver Neigung, den Zusammenhang von Ordnung und Freiheit, aber auch Freiheit an sich, selbstbestimmt leben zu wollen. Als junger Mensch hatte Schiller viel Unterdrückung erlebt. Das hatte ihn stark geprägt. In vielen seiner Stücke ist Ungerechtigkeit ein zentrales Thema, z.B. "Die Räuber", "Kabale und Liebe", "Maria Stuart", "Die Jungfrau von Orleans" oder "Wilhelm Tell". Diese Stücke funktionieren auch deshalb noch heute auf der Theaterbühne, weil sie unseren Gerechtigkeitssinn ansprechen.

    Die Popularität von Schiller rührt auch daher, dass er ein öffentlicher und äußerst mitteilsamer Mensch war. Über 2000 Briefe von ihm sind noch erhalten geblieben. Er war keiner, der in einer stillen Ecke saß und seine Seele von innen betrachtete. Er war ein Mensch der Rhetorik und des öffentlichen Wirkens. Alle Menschen, die ihm nahe kamen, verwickelte er in seine eigenen Obsessionen, er holte seine Zeitgenossen in sein Inneres. Auch heute noch geht es vielen so, die sich näher mit ihm befassen. Sie sind damit aber in guter Gesellschaft. Nachdem Goethe Schiller näher kennengelernt hatte, notierte er: "Heute datiere ich eine neue Epoche in meinem Leben.".

    Die Zeit von ca. 1780 bis 1805 wird als Weimarer Klassik beschrieben. Es war die Zeit, in der sich literarische Größen wie Christoph Martin Wieland, Johann Gottfried Herder, Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Schiller, und später auch Heinrich von Kleist, in der beschaulichen Stadt Weimar auftauchen. Alle lernten sich dort gegenseitig kennen. Dies war kein reiner Zufall. Einer der Gründe dafür waren bestimmte politische Entwicklungen. Karl August, der Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, war sehr kunstaffin. Er hatte Wieland als Kunsterzieher gehabt, und unter anderem dafür gesorgt, dass Goethe nach Weimar gekommen ist. Auch Herder kam in dieser Zeit nach Weimar, und Goethe holte schließlich Schiller nach Weimar. Die wechselseitige Anregung war enorm. Es entstand eine kulturelle Verdichtung, ein Laboratorium an Ideen, die Literatur wurde auf ein neues Niveau gebracht. Schiller war dabei der Jüngste in diesem Kreis. Vor allem Schiller und Goethe inspirierten sich gegenseitig.


    Weimarer Musenhof


    -----


    "Fest gemauert in der Erden, steht die Form, aus Lehm gebrannt.
    Heute muß die Glocke werden. Frisch Gesellen, seid zur Hand.
    Von der Stirne heiß, rinnen muß der Schweiß,
    Soll das Werk den Meister loben, doch der Segen kommt von oben."
    (Beginn von "Das Lied der Glocke")

    Schiller wurde 1759 als Sohn eines württembergischen Offiziers und Arzt in Marbach geboren. Schon früh wurde seine Begabung erkannt, und wurde dementsprechend gefördert. 1773 begann er in jungen Jahren auf der Karlsschule in Stuttgart, einer Militärakademie, ein Studium der Rechtswissenschaften, wechselte aber nach drei Jahren zur Medizin, und schloss das Studium 1780 mit einer Promotion ab.

    Bereits während seines Studiums verfasste Schiller Gedichte und Theaterstücke. 1776 begann er die Arbeit zum Stück "Die Räuber", das er nach seinem Studium 1781 vollendete.

    Auf der Militärakademie herrschte strenger Drill und Ordnung. Schiller litt schwer darunter. Diese Erfahrung prägte massiv seine Vorstellung von Autorität und Staat. Er hatte viel über Rechts- und Staatsfragen nachgedacht, über Macht und Autorität. Dies hatte großen Einfluss auf die Entstehung des Freiheitsdramas "Die Räuber".

    "Die Räuber" handelt vom Bruderpaar Karl und Franz, Söhne des Grafen Maximilian von Moor. Der Erstgeborene Karl ist vorgesehener Erbe des Grafen. Durch eine Intrige des neidischen und missgünstigen Franz, bringt dieser den Vater dazu, Karl zu enterben. Karl schließt sich daraufhin enttäuscht und desilussioniert einer Räuberbande an, und wird zu ihrem Hauptmann. Während dessen wirbt Franz um Amalie, der Verlobten von Karl - erfolglos. Amalie hält trotz dem kriminellen Abtreiben weiterhin an Karl fest. Nach einer Reihe von Untaten und Ereignissen der Räuberbande beschließt Karl, seine Familie wieder aufzusuchen. Er erfährt dort von der Intrige seines Bruders und will ihn stellen. Die Geschichte endet tragisch: Franz begeht aus Angst vor der Rache von Karls Räuberbande Selbstmord, der alte Vater stirbt vor Entsetzen über Karls schlimme Taten als Räuber, Karl ist durch einen Eid an die Räuberbande gebunden, kann deswegen nicht zu Amalie zurückkehren, tötet sie daraufhin auf deren Bitte, sieht die Ausweglosigkeit seiner Situation, und liefert sich schließlich selbst der Justiz aus.

    In dem Drama geht es um Freiheit, um Sturm und Drang, um Aufbegehren gegen die Machtstrukturen, um Angriff auf die Ordnung, am Schluss aber wieder um die Rückkehr zur Ordnung. Das Fazit am Ende: Freiheit dürfe nicht in Willkür kippen, sie muss ihre Grenzen haben. Der Mensch muss wieder in die Schranken verwiesen werden, und wenn er aus der Ordnung ausbricht, dann kostet das seinen Preis. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch weitere Stücke von Schiller: nach dem Durchgang von Freiheitsphänomenen endet die Handlung mit einer Wiederherstellung der Ordnung, oft auch der alten Ordnung. Trotz Freiheitsstreben erkannte Schiller die Ordnung letztlich an. Auch das war eine Folge seiner Prägung durch die Militärakademie. Ordnung und Regeln waren im gesamten Leben von Schiller ein zentrales Thema.

    Das Stück wurde 1782 in Mannheim uraufgeführt. Das Publikum brach in Begeisterungsstürme aus, vor allem das junge Publikum. Vieles in diesem Stück ging direkt in Psyche der jungen Leute, es traf den Nerv der Zeit der Aufklärung, der Rebellion gegenüber den Autoritäten. Es entfachte eine Aufbruchstimmung, eine Aufforderung sich zu erheben. Eine starke Wirkung hatte auch die ungewohnte emotionale Umgangssprache, die eine leidenschaftliche Intensität erzeugte. Ein Zeitzeuge berichtete: "Das Theater glich einem Irrenhaus, rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Tür. Es war eine allgemeine Auflösung wie ein Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht."

    In Frankreich wurde "Die Räuber" als Freiheitskampf gegen die Tyrannei verstanden. Schiller wurde dafür 1792 während der französischen Revolution die französische Ehrenbürgerschaft verliehen.

    Über "Die Räuber" gibt es folgenden Witz. Im von den Deutschen besetzten Paris 1941 sitzt ein französischer Mann in einer U-Bahn und liest. Ein Deutscher steigt ein und bellt "Heil Hitler!". Der Franzose antwortet "Bonjour!". Der Deutsche schaut auf das Buch des Franzosen und sagt: "Ach, Sie lesen also unseren deutschen Dichter Schiller, und können nicht deutsch grüßen?". Darauf der Franzose: "Schiller ist kein deutscher Dichter. Er ist ein internationaler Dichter. Er hat den Italienern 'Fiesco' geschenkt, den Franzosen 'Die Jungfrau von Orleans', den Polen den 'Demetrios', den Tschechen 'Wallenstein', den Schweizern 'Wilhelm Tell', den Engländern 'Maria Stuart', und den Spaniern 'Don Karlos'.". Der Deutsche wirft ein: "Aber Schiller ist ein deutscher Dichter. Was hat er für die Deutschen geschrieben?". Darauf der Franzose: "Ah, richtig. Für die Deutschen hat er 'Die Räuber' geschrieben.".


    -----


    "Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet!
    Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang."
    (Aus "Das Lied der Glocke")

    Nach der Beendigung des Medizinstudiums, wurde Schiller als Regimentsarzt in der württembergischen Armee übernommen. Der Herzog war über Die Räuber alles andere als begeistert, nach den ersten Aufführungen wurde Schiller vom Herzog die Schriftstellerei verboten. Schiller floh darauf 1782 zunächst nach Mannheim, und später weiter in den thüringischen Ort Bauerbach. Als Militärarzt hatte er damit offiziell Fahnenflucht begangen, und konnte deswegen nicht mehr nach Württemberg zurückkehren. In Bauerbach verliebte er sich unglücklich in die Tochter des Hauses, und vollendete 1783 schließlich die Liebestragödie "Kabale und Liebe".

    In "Kabale und Liebe" geht es um den leidenschaftlichen, impulsiven und egozentrischen Adelssohn Ferdinand von Walter, der die tugendhafte und kluge bürgerliche Louise Miller liebt. Aber sowohl der Vater von Ferdinand, der Präsident von Walter, die rechte Hand des Herzogs, als auch der Vater von Louise, der Musiker Miller, sind aufgrund der Standesunterschiede gegen diese Beziehung. Der Präsident hat andere Pläne: er möchte, dass Ferdinand die Mätresse des Herzogs, Lady Emily Milford, heiratet. Er hofft, dadurch seinen Einfluss bei Hofe zu vergrößern. Ferdinand lehnt die Heirat aber ab, er möchte Louise heiraten. Als sein Vater darauf die Eltern von Louise verhaften lassen will, droht Ferdinand die korrupten Machenschaften seines Vaters im Hof auffliegen zu lassen. Um sich dennoch durchzusetzen, initiiert der Präsident eine heimtückische Intrige ("Kabale"): Unter Androhung der Todesstrafe für ihren Vater, wird Louise gezwungen, einen fingierten Liebesbrief an den Hofmarschall von Kalb zu schreiben, und muss einen Eid ablegen, diesen Brief als ein von ihr aus freiem Entschluss verfasstes Schriftstück auszugeben. Diesen Brief lässt der Präsident dann Ferdinand zuspielen. Er hofft, dass Ferdinand dadurch von Louise ablässt, und der Ehe mit Lady Milford zustimmt. Ferdinand konfrontiert Louise mit dem Brief. Durch den erzwungenen Eid bestätigt sie den Inhalt. Die Situation spitzt sich zu, und die Tragödie nimmt ihren Lauf: blind vor Wut und Verzweiflung vergiftet Ferdinand sich und Louise. Im Sterben offenbart Louise Ferdinand die Intrige, und vergibt ihm. Der Präsident ist erschüttert, was er mit seiner Intrige angerichtet hat, und stellt sich dem Gericht.

    "Kabale und Liebe" war die Antwort von Schiller auf "Romeo und Julia" von Shakespeare. In dem Stück flossen einige negative Erfahrungen von Schiller ein. Vor allem die Willkürherrschaft des württembergischen Herzogs, deren Zeuge und Opfer er wurde. Dann die Intrigen: ein am württembergischen Hof amtierenden Minister hatte mittels gefälschter Briefe seinen Rivalen zu Fall gebracht und sich das alleinige Vertrauen des Fürsten verschafft. Schiller griff auch das unter dem Adel verbreitete Mätressenwesen auf: eine Mätresse des württembergischen Herzogs, die der Herzog dann später geheiratet hatte, war vermutlich das Vorbild der Lady Milford.

    "Schrecklich ist die Welt, die die Liebe zweier Menschen unmöglich macht."
    (Marcel Reich-Ranicki zu "Kabale und Liebe")


    -----


    "Wo rohe Kräfte sinnlos walten, da kann kein Gebild gestalten,
    wenn sich die Völker selbst befrein, da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn."
    (Aus "Das Lied der Glocke")

    1783 trat Schiller in Mannheim eine Stelle eines Theaterdichters an. Wegen einer längeren Krankheit wurde 1785 der Vertrag allerdings nicht mehr verlängert, was Schillers ohnehin schon prekäre finanzielle Lage noch verschärfte, und er beinahe im Schuldenturm landete. Ein Gönner (Christian Gottfried Körner), der Schiller vor allem wegen Kabale und Liebe verehrte (er war selbst unstandesgemäß liiert), half ihm aber aus der misslichen Notlage. In diesem Jahr entstand eines der berühmtesten Gedichte von ihm, die Ode "An die Freude", berühmt auch durch die spätere Vertonung in Beethovens 9. Sinfonie ("Freude schöner Götterfunken...").

    1787 vollendete Schiller dann "Don Karlos". Die Hauptfigur in diesem komplexen Drama ist der idealistische und sensible Don Karlos, der Kronprinz des herrischen König Philipp II. von Spanien im 16. Jahrhundert, der mit harter Hand und mit Hilfe der katholischen Inquisition streng autokratisch regiert. Die Beziehungsstruktur der handelnden Personen ist kompliziert. Philipp ist in zweiter Ehe mit der jungen Elisabeth von Valois verheiratet, der ehemaligen Verlobten von Don Karlos. Karlos erfährt, dass Philipp Prinzessin von Eboli, eine Hofdame von Elisabeth, zu seiner Mätresse machen möchte. Eboli ist aber in Karlos verliebt, der wiederum jedoch noch immer Elisabeth liebt, die sich zwischen zwei Stühlen befindet, und Karlos Werben zurückweist. Dieses Wirrwarr an Beziehungsgeflecht führt zu allerlei Verstrickungen und Intrigen, in die auch der Marquis von Posa, ein Jugendfreund von Don Karlos und Abgeordneter aus den spanischen niederländischen Provinzen, hineingezogen wird. Darüber hinaus verfolgt Posa eigene freiheitspolitische Ziele in den Niederlanden, in die er wiederum Karlos mit hineinzieht, was zu weiteren Verwicklungen, und letztlich zur Katastrophe führt. Das tragische Ende der Geschichte: der unglückliche Marquis von Posa opfert sich selbst, und Philipp wiederum opfert seinen Sohn an die Inquisition ("Ich habe das meinige getan, tun Sie das ihrige."). Die Ordnung ist wieder hergestellt, mit einem tieftraurigen und einsamen Philipp.

    In diesem Stück werden sehr viele Themen behandelt: Autorität vs. Freiheit, Religion und Zensur, Liebe vs. Pflicht, Freiheit des Denkens, Aufklärung, sowie Verrat, Intrigen und Machtspiele. Auch hier flossen wieder die Erfahrungen aus der Miltärakademie in Schillers Ausbildung mit ein. Und wie schon bei "Die Räuber" und "Kabale und Liebe" geht es auch hier wieder um einen Generationenkonflikt zwischen Vater und Sohn, junge Männer, die gegen die Autorität aufbegehren, die durch die Väter verkörpert werden. Die Handlung von Don Karlos mit all ihren Verwicklungen und Intrigen ist sehr anspruchsvoll, hoch spannend, und macht das Drama zu einem Meisterwerk Schillers.

    Schiller war aber zunächst nicht sonderlich glücklich mit Don Karlos, an dem er über drei Jahre lang geschrieben hatte. Er bemerkte einmal: "Dieser elende Karlos, er wird immer länger. Hätte ich nur nicht damit begonnen... Mich ekelt vor dem Karlos." Später hatte er das aber zurückgenommen, und realisierte, dass er mit Don Karlos ein großes Werk geschrieben hatte.

    "Ein deutsches Stück, das für mich am nächsten an Shakespeare herankommt."
    (Elke Heidenreich über "Don Karlos")


    -----


    "Das ist's ja, was den Menschen zieret, und dazu ward ihm der Verstand,
    Dass er im innern Herzen spüret, was er erschafft mit seiner Hand."
    (Aus "Das Lied der Glocke")

    In der zweiten Hälfte der 1780er-Jahre entstanden bei Schiller einige epische Werke. Schiller sah sich aber nicht als Roman-Autor. Seine epischen Stücke waren zwar recht erfolgreich (u.a. der Fortsetzungsroman "Der Geisterseher" in seiner Zeitschrift "Thalia"), er hatte sie aber vor allem aus finanziellen Gründen geschrieben, teilweise sogar mit Verachtung ("schlecht, ich kann nicht helfen... sündlicher Zeitaufwand diese Schmiererei"). Schiller sah sich in erster Linie als Künstler. Romane waren für ihn zu nah an der Realität, sie hatten für ihn zu wenig Regeln, zu wenig Formalisierungsmöglichkeiten. Kunst war für Schiller eine formende Tätigkeit, Romane hatten für ihn zu wenig Form, zu wenig Gestaltungsmöglichkeiten. Er hatte deswegen auch keine Komödien geschrieben, auch sie waren für ihn zu nah an der Realität.

    1787 lernte Schiller Charlotte von Lengenfeld kennen, seine spätere Frau. Zwei Jahre später nahm er eine Professur als Historiker in Jena an. Seine finanzielle Situation wurde dadurch besser, er konnte dadurch ein weiteres Jahr später Charlotte heiraten. Die Nachricht, dass der berühmte Autor der Räuber seine Lehrtätigkeit in Jena aufnehmen sollte, löste Begeisterungsstürme unter den jungen Studenten aus. Der Andrang zu seiner Antrittsvorlesung "Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?" sprengte die Kapazität des Hörsaals, so dass Schiller kurzfristig in den größten Saal der Universität wechseln musste. Es entstanden seine historischen Werke "Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung" und "Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs".

    Als Philosoph verfasste Schiller in dieser Zeit viele philosophische Schriften. Dabei war er stark von Immanuel Kant beeinflusst. Er versuchte offene Fragen von Kant zu formulieren und Stellung dazu zu nehmen. Im Gegensatz zu Kant vertrat er das Ideal einer Moral, das Pflicht und subjektive Neigung zu verbinden suchte. Diese Möglichkeit sah er im Bereich des Ästhetischen, also der sinnlichen Wahrnehmung, speziell der Kunst. Das Zusammenspiel von rationalen und sinnlichen Elementen bewertete Schiller dabei anders als Kant. Zu den bekanntesten Schriften von Schiller zählt "Über die ästhetische Erziehung des Menschen". Diese enthält Ideen zur Wirkung von Kunst auf Moral und Freiheit, und speziell die Verbindung von Verstand und Gefühl. Moral war für Schiller zwar sehr wichtig, die Kunst sollte aber nicht nur der Moral dienen, sondern auf spielerische Weise die Fähigkeiten erhöhen, souverän mit sich selbst umzugehen.

    Eine zentrale Stelle in dieser Schrift: "Der Mensch spielt nur da, wo er in der vollen Bedeutung des Wortes Mensch ist. Und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." Der vollkommene Mensch ist für Schiller also ein Homo Ludens. Spielen ist für Schiller der Mehrwert des menschlichen Lebens, der über die Notwendigkeit des Überlebens hinausgeht. Der Begriff des Spiels ist bei ihm aber recht weit gefasst. Darunter fällt für ihn vor allem auch die Kunst, aber auch die Religion. Durch den menschlichen Geist entstehe eine neue Dimension, in der man mehr als nur zweckdienlich ist. Diese neue Dimension ist für Schiller das Spiel. Seine Spielleidenschaft ist für ihn also etwas zutiefst humanes.

    Das Spiel ist für Schiller auch ein Paradebeispiel für den Zusammenhang von Freiheit und Regeln. Wer spielt, begibt sich in ein Regelsystem. Man kann nur mitspielen, wenn man die Regeln anerkennt. Im Spiel selber ist man dann aber frei. Die Leidenschaften die man dort entfalten kann, sich darin verwickeln zu lassen, ist für Schiller das Sinnbild des ganzen Menschen. Durch Regeln ist der Mensch im Denken und Fühlen ganz dabei. Für Schiller ergeben sich die vollen Freiheiten erst durch Regeln, sie geben Orientierung und einen Rahmen, in dem man etwas gestalten kann. Nur durch Regeln kann der Mensch ganz Mensch sein.

    "Jetzt schließe ich meine philosophische Bude."
    (Schiller an Goethe, nachdem er sich mehrere Jahre ausführlich mit der Philosophie von Kant beschäftigt hatte.)


    Bemerkung am Rande:

    Für die Diskrepanz zwischen Verstand und Gefühl liefert inzwischen auch die Hirnforschung eine Erklärung. Das menschliche Gehirn ist in zwei Hälften (Hemisphären) getrennt: die linke Gehirnhälfte und die rechte Gehirnhälfte. Diese beiden Hemisphären funktionieren ziemlich unterschiedlich, und kommunizieren miteinander durch den Gehirnbalken (Corpus callosum), der die beiden Hälften miteinander verbindet. In der linken Gehirnhälfte ist u.a. das Sprachzentrum verortet (Fähigkeit abstrakte Gedanken in Wörter und Sätze abzubilden), das Ich-Bewusstsein (Abgrenzung nach außen), das logische und rationale Denken (Erkennen von Zusammenhängen, Ursache und Wirkung), die Fähigkeit zur Abstrahierung und Zahlenverständnis, das Zeitempfinden (Einordnung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft). Das Denken in der linken Gehirnhälfte findet oft in Form von Sprache statt. Emotionen in Form von Wut, Neid, Aggression, Eifersucht, Scham, entstehen in der linken Hirnhälfte. Die rechte Gehirnhälfte ist der Sitz des sozialen Empfindens: Empathie (Mitgefühl anderen Menschen gegenüber), Diplomatie (Suche nach Ausgleich), Verarbeitung von Gesichtsausdrücken und Tonfall anderer Menschen. Aber auch die räumliche Vorstellung findet überwiegend in der rechten Hirnhälfte statt. Denken in der rechten Gehirnhälfte findet meist in Form von Bildern, und im hier und jetzt statt. Emotionen in Form von Gefühlen, Sympathie, Bedürfnis nach Harmonie und innerer Frieden, entstehen in der rechten Hirnhälfte. Dadurch, dass die beiden Gehirnhälften völlig unterschiedlich agieren, aber trotzdem miteinander kommunizieren, entsteht die Diskrepanz zwischen Verstand (linke Hirnhälfte) und Gefühl (rechte Hirnhälfte), die Schiller zu verbinden versuchte.

    Persönliche Anmerkung:

    Wegen der Trennung des Gehirns in zwei Hälften, ist bei einem Schlaganfall (bei dem dem Teile des Gehirns beschädigt werden oder auch ganz absterben) in aller Regel nur eine Gehirnhälfte betroffen. Die amerikanische Hirnforscherin Jill Taylor, die selbst einen Schlaganfall erlitt, beschreibt in ihrem Buch "Mit einem Schlag" (deutscher Titel) ausführlich ihre persönliche Erfahrung, was geschieht, wenn die linke Gehirnhälfte ausfällt. Sehr empfehlenswert.


    -----


    "Die Leidenschaft flieht, die Liebe muss bleiben,
    Die Blume verblüht, die Frucht muss treiben."
    (Aus "Das Lied der Glocke")

    Anfang der 1790er-Jahre kamen sich Schiller und Goethe näher. Goethe sah zunächst im zehn Jahre jüngeren Schiller aber eher einen lästigen Konkurrenten. Für Schiller wiederum wirkte Goethe unnahbar und arrogant ("... eine stolze Prüde, der man ein Kind machen muß, um sie vor der Welt zu demütigen"). Was die beiden Rivalen später dann verband, war der intensive Austausch von Gedanken und Empfindungen. Ab 1794 führte Schiller mit Goethe regelmäßigen Briefwechsel. Es entstand eine feste Verbindung zwischen den beiden, auch wenn sie beide gegensätzliche Naturen aufwiesen. Goethe und Schiller waren sich dieser Komplementarität bewusst, und schätzten genau das. Die Allianz führte zu einem Wettstreit, der bei beiden gegenseitig Ideen aktivierte.

    Als Folge verfasste Schiller in der zweiten Hälfte der 1790er Jahre eine große Zahl von Balladen und Gedichte. Es waren die Jahre seiner lyrischen Phase. Es entstanden u.a. das Gedicht "Der Spaziergang", und die Balladen "Der Taucher", "Der Handschuh", "Der Ring des Polykrates", "Die Bürgschaft" und vor allem "Das Lied von der Glocke". Auch bei Goethe entstanden zu dieser Zeit viele Balladen, die beiden tauschten sich hierzu regelmäßig aus.

    1799 zog Schiller mit seiner Familie schließlich nach Weimar, der Wohnort von Goethe (was für Historiker allerdings schlecht war, es gab nur noch wenig Briefwechsel zwischen diesen beiden...). In seinen letzten Lebensjahren verfasste Schiller dort in sehr kurzen Abständen seine späten Dramen. Fast im Jahrestakt entstanden u.a. die "Wallenstein"-Trilogie (1799), "Maria Stuart" (1800), "Die Jungfrau von Orleans" (1801), und als eines seiner letzten vollendeten Dramen "Wilhelm Tell" (1804).


    -----


    "Kochend wie aus Ofens Rachen, glühn die Lüfte, Balken krachen,
    Pfosten stürzen, Fenster klirren, Kinder jammern, Mütter irren,
    Alles rennet, rettet, flüchtet, taghell ist die Nacht gelichtet."
    (Aus "Das Lied der Glocke")

    Die Wallenstein-Trilogie entstand durch Schillers intensive Beschäftigung mit dem Dreißigjährigen Krieg. Der Feldherr Albrecht von Wallenstein war ein Nutznießer des Dreißigjährigen Kriegs, und gehörte zu den Personen, die den Krieg deshalb am Leben erhielten, weil der Krieg sie ernährte. Die Trilogie gilt als das umfangreichste literarische Werk Schillers. Sie besteht aus den Teilen "Wallensteins Lager", "Die Piccolomini" und "Wallensteins Tod". Schiller beschreibt darin die letzten Lebensmonate von Wallenstein. Die Handlung ist fiktiv, orientiert sich aber an den realen Ereignissen, und spielt in der böhmischen Stadt Pilsen im Winter 1633/1634, wo sich Wallenstein in dieser Zeit mit seinen Truppen aufhält.

    Der erste Teil der Trilogie ist eher ein Vorspiel. Die Hauptpersonen werden in diesem Ein-Akter zwar oft erwähnt, treten aber noch nicht auf, insbesondere auch Wallenstein noch nicht. Die Handlung spielt in einem Soldatenlager. Gezeigt wird der Alltag dort: Würfelspiel, fliegende Händler, Betrügereien, Feiern, Frauen, Tanz. Die einfachen Soldaten sind begeistert von ihrem Oberbefehlshaber. Sie loben den Krieg, der ihnen ein besseres und aufregenderes Leben als in Friedenszeiten bietet. Auch Männer von niederem Stand können in der Armee aufsteigen. Ein Bauer beklagt hingegen, dass die Truppen ihn ausnähmen. Ein Mönch kritisiert das gottlose Leben der Soldaten, und beschuldigt sie, das Land verwüstet zu haben.

    Im zweiten Teil beginnt dann die Haupthandlung. Sie wechselt zu den Führern der kaiserlichen Armee, mit dem Oberbefehlshaber Wallenstein an der Spitze. Wallenstein liegt mit Kaiser Ferdinand II. im Streit. Der Kaiser will die Macht von Wallenstein begrenzen, er möchte einen Teil der Armee nach den spanischen Niederlanden abziehen. Wallenstein möchte sich deshalb Optionen verschaffen, er führt geheime Verhandlungen mit den Schweden, den Gegnern von Ferdinand. Um sich die Gefolgschaft seiner Truppenführer zu sichern, lässt er von Ihnen ein Dokument unterzeichnen, in dem sie die bedingungslose Treue zu Wallenstein schwören. Dabei kommt Wallenstein entgegen, dass die meisten Führer ihn mehr schätzen als den höher gestellten Kaiser. Was Wallenstein nicht weiß: sein Vertrauter Octavio Piccolomini ist ein Spion des Kaisers, und hat die Vollmacht, Wallenstein als Oberbefehlshaber abzulösen. Diese Vollmacht will Octavio aber erst nutzen, wenn Wallenstein sich öffentlich gegen den Kaiser stellt.

    Im dritten Teil wird der Unterhändler von Wallenstein auf dem Weg zu den Schweden von kaisertreuen Soldaten abgefangen. Die geheimen Machenschaften von Wallenstein sind nun aufgedeckt, und Wallenstein ist gezwungen in die Offensive gehen ("Wenn man sich zum Handeln entschlossen hat, hat man nicht mehr die Möglichkeit zu wählen."). Beeinflusst von seinem engen Vertrauten Illo und seinem Schwager, den Grafen Terzky, und letztlich entscheidend auch von der Schwester seiner Gattin, der Ehefrau von Terzky, trifft Wallenstein die fatale Entscheidung, sich vom Kaiser endgültig abzuwenden, und ein Bündnis mit den Schweden einzugehen. Octavio Piccolomini schreitet daraufhin zur Tat. Durch die Vollmacht des Kaisers gelingt es ihm nach und nach, fast alle wichtigen Führer aus Wallensteins Armee zur Abkehr von Wallenstein zu bewegen, unter anderem auch den Truppenführer Buttler. Es kommt nun zur finalen Tragödie. Der Geliebte von Wallensteins Tochter Thekla, Max Piccolomini, der Sohn von Octavio Piccolomini und begeisteter Anhänger Wallensteins, wird von Wallenstein verstoßen, und kommt selbstmörderisch in einer Schlacht gegen die Schweden ums Leben. Thekla reist zu seiner Grabstätte und nimmt sich dort ebenfalls das Leben. Buttler und zwei Schergen ermorden in einer Nacht Illo und den Grafen Terzky, und anschließend Wallenstein selbst. Die entscheidende Person hinter Wallenstein, die Gräfin Terzky, vergiftet sich darauf. Octavio Piccolomini wird zum Dank für seine Treue vom Kaiser in den Fürstenstand erhoben.

    "Die Räuber", "Kabale und Liebe" und "Don Karlos" gehören zu den Frühwerken von Schiller. In diesen Dramen geht es um junge Menschen, die ihren Platz im Leben suchen. In den Spätdramen geht es meist um ältere, um staatstragende Personen, um Personen in Machtpositionen: Wallenstein, Maria Stuart, Wilhelm Tell. Nach Marquis Posa und Don Karlos setzte Schiller nun Wallenstein auf die Bühne. Das war eine ganz andere Hausnummer. Bei Wallenstein geht es um Macht. Um pure Macht. Im ersten Teil, in dem Wallenstein noch gar nicht auftaucht, beschreibt Schiller die Effekte der Macht, das Wirken der bloßen Existenz von Wallenstein. Als Wallenstein schließlich im zweiten Teil erscheint, taucht er bereits als Ruine auf. Das Stück beschreibt im Kern das langsame Sterben von Wallenstein. Noch in der Implosion von Wallenstein, reißt er ein ganzes Menschenfeld mit in den Tod. Bei Wallenstein wurde Schiller fast schon zum Zyniker. Er, der eigentlich ein umgänglicher und freundschaftlicher Mensch war.

    "Wallenstein ist die Tragödie des allzu menschlichen Unmenschen."
    (Marcel Reich-Ranicki)


    -----


    "Was Feuers Wut ihm auch geraubt, ein süßer Trost ist ihm geblieben,
    Er zählt die Häupter seiner Lieben, und sieh! Ihm fehlt kein teures Haupt!"
    (Aus "Das Lied der Glocke")

    Nach Wallenstein wurde Schiller wieder versöhnlicher und volkstümlicher. Wilhelm Tell ist das letzte vollendete, und das wohl bekannteste Drama von Schiller. Das Stück lehnt sich an die reale Geschichte des legendären Schweizer Freiheitskämpfer Wilhelm Tell an. Im wesentlichen werden darin zwei Handlungsstränge erzählt. Der erste Erzählstrang handelt von Wilhelm Tell selbst. Nach einigen einführenden Szenen, in denen Tell unter anderem einen vor der Obrigkeit fliehenden Untertan zur Flucht verhilft, kommt es schließlich zum dramatischen Höhepunkt. Der tyrannische und sadistische Landvogt in Altdorf Hermann Gessler, ein Vertreter von Habsburg, stellt auf einer Stange seinen Hut auf dem Marktplatz auf. Alle Bürger sollen diesen Hut ehrfurchtsvoll grüßen. Wilhelm Tell unterlässt dies jedoch. Zur Strafe wird er von Gessler dazu gezwungen, zur Rettung seines Lebens und das seines Sohnes, mit seiner Armbrust einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schießen. Dies gelingt ihm auch. Als er von Gessler gefragt wird, warum er einen zweiten Pfeil im Köcher hat, antwortet ihm Tell, dass er diesen Pfeil auf Gessler geschossen hätte, wenn er mit dem ersten Pfeil seinen Sohn getroffen hätte. Darauf lässt Gessler Tell festnehmen. Tell kann jedoch entkommen und beschließt, dem sadistischen Treiben des Vogtes ein Ende zu setzen. Er lauert Gessler auf ("Durch diese hohle Gasse muss er kommen"), und erschießt ihn letztlich mit seiner Armbrust. Die Bevölkerung feiert ihn, er gibt damit das Signal eines Aufstands.

    Im zweiten Handlungsstrang wollen mehrere Bewohner aus Uri, Schwyz und Unterwalden der Willkür der Habsburger Gewaltherrschaft entgegentreten. Sie treffen sich zum Schwur auf der Bergwiese Rütli, und begründen damit die Eidgenossenschaft. Sie beschließen die Vertreibung der habsburgischen Besatzungsmacht. Berta von Bruneck hat Sympathie mit den Eidgenossen. Als der alteingessene Adlige Ulrich von Rudenz während einer Hofjagd ihr seine Liebe gesteht, fordert sie ihn auf, sich von den Habsburgern abzuwenden, und sich dem Widerstand anzuschließen. Ausgelöst durch das Signal von Tell starten die Eidgenossen schließlich mit Unterstützung von Rudenz den Aufstand. Die Burgen der habsburgischen Vögte werden zerstört und die Bewohner darin verjagt. Am Ende versöhnt sich Ulrich von Rudenz mit seinem Volk, und schenkt ihnen die Freiheit: "Und frei erklär ich alle meine Knechte.".

    Schiller schrieb dieses Stück unter dem Einfluss der französischen Revolution, der dort verkündeten Menschenrechte, speziell dem Recht auf Widerstand, und dem beginnenden Machtstreben von Napoleon. Zunächst war Schiller von der französischen Revolution begeistert. Mit der Terrorherrschaft der Jakobiner ist seine Begeisterung jedoch in Entsetzen umgeschlagen. Die Jakobiner wollten gewaltsam das Ideal eines neuen Menschen erzwingen. Mit Wilhelm Tell wollte Schiller aufzeigen, dass man keinen neuen Menschen erschaffen muss, um sich von einer tyrannischen Herrschaft zu befreien, und dass es keine Supermoral auf Kosten anderer Menschen benötigt. Der eidgenössische Freiheitskampf war für Schiller ein Beispiel einer für ihn gelungenen Revolution. Wilhelm Tell ist letztlich ein unpolitischer Mensch, der jedoch eine enorme politische Wirkung entfaltet.

    Das Drama wurde noch im selben Jahr der Fertigstellung noch zu Lebzeiten von Schiller im Weimarer Hoftheater unter der Regie von Goethe, der damalige Intendant des Theaters, uraufgeführt.

    "Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt."
    (Aus "Wilhelm Tell")


    -----


    "Da werden Weiber zu Hyänen, und treiben mit Entsetzen Scherz,
    noch zuckend, mit des Panthers Zähnen, zerreißen sie des Feindes Herz."
    (Aus "Das Lied der Glocke")

    In den Jahren vor Willhelm Tell hatte Schiller noch weitere Dramen geschrieben, darunter auch das sehr bekannte Stück "Maria Stuart", das bis heute in vielen Schulen auf dem Stundenplan steht. Für diejenige, die das Stück nicht (mehr) kennen, zunächst ein paar kurze Hintergründe zur realen Geschichte von Maria Stuart. Maria Stuart war im 16. Jahrhundert die Königin von Schottland. Nach der Ermordung ihres Gattens Lord Darnley, an der ihr eine Mittäterschaft angelastet wurde, geriet sie innenpolitisch unter Druck, und musste als Folge zugunsten ihres Sohnes Jakob abdanken. Sie floh darauf ins Exil nach England, in das die Tante zweiten Grades von ihr, Elisabeth I. regierte. Dort lebte sie knapp 20 Jahre lang in einem fortwährenden Konflikt mit Elisabeth, der unter anderem auf einen gemeinsamen Anspruch auf den englischen Königsthron begründet war. Nachdem Maria Stuart verdächtigt worden war, an einem geplanten Attentat auf die englische Königin beteiligt gewesen zu sein, wurde sie wegen Hochverrats hingerichtet.

    Basierend auf dem historischen Hintergrund schrieb Schiller das fiktive Stück "Maria Stuart". Maria Stuart hatte Schiller direkt nach der Fertigstellung von Wallenstein verfasst. Ähnlich wie bei Wallenstein beschreibt er darin eine Person in ihren letzten Lebenstagen. Im Gegensatz zu Wallenstein handelt es sich bei ihr jedoch um eine Frau, die keine Macht mehr hat. Diejenige, die die Macht über sie besitzt, ist Elisabeth, ihre Gegenspielerin.

    Nun zur Handlung. Maria befindet sich im Gefängnis, sie ist wegen einer Verschwörung angeklagt. Es kommt zu einem Schuldspruch, doch es ist offensichtlich, dass dieser hauptsächlich auf Elisabeths Wille hin zustande kommt. Elisabeth befindet sich nun in einem Zwiespalt. Sie möchte den Tod von Maria, weil diese Erbansprüche auf ihren Thron hat. Das aber gestaltet sich als schwierig. Maria Stuart ist eine gekrönte Königin, die man nicht ohne innen- und außenpolitischen Schaden exekutieren lassen kann. Sie zögert deshalb, das Todesurteil zu unterzeichnen, und möchte stattdessen Maria im Gefängnis umbringen lassen, was aber nicht gelingt. Ein Anhänger von Maria will Maria zur Flucht verhelfen, was sie aber ablehnt. Im dramatischen Höhepunkt kommt es zu einem Gespräch zwischen Elisabeth und Maria. In diesem Gespräch ist Maria zunächst demütig, im weiteren Verlauf ist sie aber Elisabeth argumentativ überlegen. Es kommt zu gegenseitigen Vorwürfen, und schließlich zu beidseitigen Beschimpfungen. Marias Schicksal ist damit besiegelt, Elisabeth setzt ihre Unterschrift auf das Urteil. Sie bereut später aber diese Entscheidung, vor allem als sie erfährt, dass der Hauptbelastungszeuge im Prozess gegen Maria, zugegeben hat, eine Falschaussage gemacht zu haben. Zu spät - das Urteil ist bereits vollstreckt. Sie lässt den Verantwortlichen dafür einkerkern, ihren Berater, der sie zum Todesurteil gedrängt hatte, schickt sie in die Verbannung, ein anderer flieht vor ihr nach Frankreich, derjenige, den sie nun zu ihrem engsten Berater machen möchte, lehnt aus Enttäuschung über sie aber ab. Elisabeth bleibt alleine zurück.

    Das Drama thematisiert Macht, Loyalität, Moral, Gerechtigkeit und die Zerbrechlichkeit menschlicher Entscheidungen. Maria und Elisabeth stehen symbolisch für weibliche Macht in einer patriarchal geprägten Welt der frühen Neuzeit. Maria auf der einen Seite, ehemalige Königin von Schottland, leidenschaftlich, doch politisch berechnend, und bereit ihr Leben zu riskieren. Auf der anderen Seite Elisabeth, Königin von England, kühl, ihre Weiblichkeit verleugnend, vorsichtig, von politischen Notwendigkeiten getrieben, die auch harte Maßnahmen in Betracht zieht, um ihren Thron zu sichern.

    Die Entstehung des Stücks geschah unter dem Einfluss von Shakespeare, gepaart mit Schillers Interesse an Macht, Legitimität, Rechtsstaatlichkeit und Geschichte. Er wollte die Komplexität politischer Entscheidungen aufzeigen, und die Frage stellen, wie weit Mächtige gehen dürfen oder müssen. Dabei schwang auch seine Kritik an der Willkür der Mächtigen mit. Schiller präsentierte in diesem Stück vielschichtige Charaktere, die weder eindeutig heldenhaft noch gänzlich bösartig sind. Maria ist in ihrer Stellung frei, de facto jedoch gefangen, Schiller stellt sie als moralische Siegerin dar. Elisabeth ist frei in ihren politischen Zielen, aber abhängig vom Willen des Volkes, den Anforderungen des Königtums und den Rollenerwartungen, die an sie als weibliche Monarchin gestellt werden.

    In der historischen Realität gab es nie eine persönliche Begegnung von Elisabeth I. mit Maria Stuart.

    "Ermorden lassen kann sie mich, nicht richten!"
    (Aus "Maria Stuart")


    -----


    "Und wie der Klang im Ohr vergehet, der mächtig tönend ihr erschallt,
    So lehre sie, dass nichts bestehet, dass alles irdische verhallt."
    (Erste Verse des Endes von "Das Lied der Glocke")

    1799 vollendete Schiller "Das Lied von der Glocke". Das herausstechende Merkmal in dieser Ballade ist, dass sich Verse zur Entstehung einer Glocke ("Arbeitsstrophen"), mit Versen zu Lebensepisoden ("Betrachtungsstrophen") abwechseln: Geburt, Jugend, erste Liebe, Heirat, Erntefest, Kirchgang, Begräbnisse, Feuerkatastrophen. In den "Arbeitsstrophen" zeigt Schiller, dass er sich intensiv mit dem Handwerk der Glockengießerei beschäftigt hatte. Die große Bekanntheit der Ballade ist jedoch in den "Betrachtungsstrophen" begründet. Sie enthalten viele Lebensweisheiten, und gehen oft direkt in das Innere der Seele. Viele dieser Verse sind als geflügelte Worte in die deutsche Alltagssprache eingegangen.

    Hier weitere ausgesuchte Verse:

    • Denn mit der Freude Feierklange, begrüßt sie das geliebte Kind,
      Auf seines Lebens erstem Gange, den es in Schlafes Arm beginnt.
    • Die Jahre fliehen pfeilgeschwind, vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe,
      Er stürmt ins Leben wild hinaus, durchmisst die Welt am Wanderstabe.
    • Der Mann muß hinaus in's feindliche Leben, muß wirken und streben,
      und pflanzen und schaffen, erlisten, erraffen.
    • Dem dunkeln Schoß der heilgen Erde, vertrauen wir der Hände Tat,
      Vertraut der Sämann seine Saat, und hofft, dass sie entkeimen werde.
    • Ach! Die Gattin ist's, die teure, Ach! es ist's die treue Mutter,
      Die der schwarze Fürst der Schatten, wegführt aus dem Arm des Gatten.

    Lange Jahre zählte das Lied der Glocke zum deutschen Bildungskanon, in früheren Jahren lernten Schüler diese Ballade auswendig (natürlich selten freiwillig...). Meine Mutter kann noch heute Teile der Glocke auswendig aufsagen.

    Schiller war sein ganzes Leben lang kränklich. 1784 erkrankte er an Malaria (zu dieser Zeit waren große Teile des Landes noch Sumpfgebiete). Die Ausfallzeit, die er dadurch hatte, war ein Grund, dass sein Vertrag als Theaterdichter in Mannheim nicht verlängert wurde. 1791 erkrankte er dann schwer an (vermutlich) Tuberkulose, er rang mit dem Tod. Von dieser Krankheit erholte er sich nie wieder vollständig. Schiller betrachtete die körperliche Einschränkung aber als Herausforderung etwas zu gestalten, und zwar mit seinem Geist. Er zog daraus seine Willensstärke und seine schöpferische Kraft. Im Bewusstsein seiner Endlichkeit folgte in dichtem Abstand ein Meisterwerk nach dem anderen. In den letzten Lebensjahren ging es ihm körperlich immer schlechter. Umso erstaunlicher war seine hohe Produktivität. Manche sagen, dass sein Körper nur noch durch seinen Geist zusammengehalten wurde.

    Schiller starb 1805. Nach seinem Tod wurde seine Leiche obduziert. Im Protokoll stand: "Die Lunge ist brandig, breiartig und desorganisiert, das Herz ohne Muskelsubstanz, die Gallenblase und die Milz unnatürlich vergrößert, die Nieren in ihrer Substanz aufgelöst und völlig verwachsen". Der Leibarzt des Weimarer Herzogs fügte dem Obduktionsbefund hinzu: "Bei diesen Umständen muss man sich wundern, wie der arme Mann so lange leben hat können."

    Goethe war tief erschüttert über Schillers Tod: "Ich dachte mich selbst zu verlieren, und verliere nun einen Freund, und in demselben die Hälfte meines Daseins."


    -----

    Liste der Persönlichkeiten

    -----

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Lach-Smiley ^^ als Reaktionstyp wieder möglich sein soll. :)

  • Nikola Tesla

    "Ich weiß es nicht. Fragen sie Nikola Tesla."
    (Albert Einstein auf die Frage, wie es sich anfühlt, ein Genie zu sein)



    Nikola Tesla (1856 - 1943) war eine der schillerndsten Figuren der Technikgeschichte. Er meldete zahlreiche wegweisende Patente an und trug entscheidend dazu bei, den Wechselstrom als Standard durchzusetzen. Seine Ideen revolutionierten die Energieversorgung. Er inspirierte Generationen von Forscherinnen und Forschern. Er wurde als "Magier der Elektrizität" berühmt, manche seiner technischen Visionen überschritten dabei die Grenzen zum Fantastischen.

    Tesla entwickelte das heute als Zweiphasenwechselstrom bezeichnete System zur elektrischen Energieübertragung. Eine seiner bedeutendsten Erfindungen ist ein auf Wechselstrom basierender Elektromotor: ein Induktionsmotor mit einem rotierenden Magnetfeld, die erste Zweiphasen-Drehstrom-Synchronmaschine. Bis dahin kannte man lediglich auf Gleichstrom basierende Elektromotoren, die jedoch hohe mechanische Reibungsverluste hatten. Teslas Induktionsmotor war dagegen reibungsfrei, und damit eine der ersten effizienten Methoden, elektrische Energie in mechanische Energie umzuwandeln.


    Teslas Wechselstrom-Elektromotor

    Die Grundidee:

    • Vier Spulen (Wicklungen), jeweils um 90 Grad versetzt, gewickelt um einen beschichteten Ring.
    • Zwei getrennte Wechselströme werden von gegenüberliegende Seiten in die Spulen eingespeist.
    • Die beiden Ströme sind phasenverschoben.
    • Durch elektromagnetische Induktion entsteht dadurch ein rotierendes elektrisches Feld.

    Der Industriemagnat George Westinghouse kaufte ihm dieses und weitere Wechselstrom-Patente ab. Im sogenannten „Stromkrieg“ zwischen Thomas Edison, der den Gleichstrom zum Standard machen wollte, und Westinghouse, der auf Wechselstrom setzte, spielte Tesla dann eine entscheidende Rolle. Sein Induktionsmotor trug maßgeblich zur Akzeptanz von Wechselstrom bei.

    Unsere heutige alltägliche Stromversorgung basiert letztlich zu großen Teilen auf Teslas Patenten. Auch die Geschichte des Funks ist undenkbar ohne Teslas Erkenntnisse zur drahtlosen Energieübertragung. Teslas Schwerpunkt war zwar die Elektrotechnik, er arbeitete aber auch in anderen Bereichen, unter anderem beschäftigte er sich mit Röntgenstrahlen, Radar, Beleuchtung und Robotik.

    Zu Ehren Teslas wurde die physikalische Einheit der magnetischen Flussdichte nach ihm benannt. Ein Tesla definiert die Stärke eines Magnetfelds:

    • 1 Tesla = 1 T = 1 N / A m .

    Den Namen Tesla setzt man heute aber vor allem mit dem Elektroautohersteller Tesla und seinem umstrittenen CEO Elon Musk in Verbindung. Nikola Tesla ist der Namenspatron des kalifornischen Unternehmens. Der Name wurde mit Bedacht gewählt. Von Nikola Tesla stammt die Ur-Version eines Elektromotors auf Wechselstrombasis, und wie kaum ein Zweiter steht Tesla für Pioniergeist und Innovation. Die Namenswahl stammte allerdings nicht von Musk. Nikola Tesla ist zwar das große Vorbild von Elon Musk, Musk ist allerdings erst ein Jahr nach der Gründung in das Unternehmen als Investor eingestiegen. Musk spielte aber eine entscheidende Rolle bei der weiteren Entwicklung des Unternehmens, sein Einfluss half maßgeblich bei der breiten Markenbildung rund um den Namen Tesla.

    Das obige Einstein-Zitat ist übrigens nicht eindeutig belegt. Es ist aber recht weit verbreitet...


    -----


    "Was der eine Mensch Gott nennt, nennt ein anderer die Gesetze der Physik."
    (Nikola Tesla)

    Das Phänomen der Elektrizität faszinierte Menschen schon immer. Die erste Konfrontation mit Elektrizität waren Blitze während eines Gewitters. Allerdings erkannnte man noch nicht, dass diese Blitze ein elektrischer Effekt war. Heute weiß man, dass Blitze Entladungen elektrischer Spannungen sind, die während eines Gewitters zwischen Wolken und der Erde entstehen. Aber schon früh wurde begonnen, Elektrizität gezielt zu erzeugen. Bereits in der Antike rieben die Griechen Bernstein, das sie Elektron nannten (davon stammt der Name Elektrizität), um kleine Entladungen auszulösen. Später wurde andere Materialien verwendet (u.a. Glas), um durch Reiben daran Elektrizität zu erzeugen, und bestimmte Effekte damit zu erzielen. Einen konkreten Nutzen hatte die so erzeugte Elektrizität damals zwar noch nicht, aber die Effekte wurden oft als Attraktionen vorgeführt. Von Elisabeth I. ist z.B. überliefert, dass sie darüber staunte, wie dadurch Federn angehoben werden konnte.


    Ab dem 18. Jahrhundert begann schließlich die systematische Beschäftigung mit der Elektrizität, es folgte ein Wechselspiel zwischen Erkenntnissen und Erfindungen. Hier die bedeutensten Meilensteine bis zur Zeit Teslas (einige Entdeckungen und Erfindungen wurden in etwa zeitgleich von mehreren Personen gemacht, es sind dann die jeweils bekanntesten und/oder bedeutendsten Personen genannt):

    • Ca. 1705 entwickelte Francis Hauksbee einen elektrostatischen Generator, mit dem nach dem Prinzip der Reibungselektrizität eine recht hohe elektrische Spannung erzeugt werden konnte. Mit diesem Generator begann er dann gezielt spektakuläre elektrische Effekte zu erzeugen, die er dann vor einem staunendem Publikum vorführte. Ohne es zu wissen, hatte er mit diesem Generator die elektrische Revolution in Gang gesetzt.
    • Mit dem elektrostatischen Generator konnte Elektrizität nun zwar einfach erzeugt, aber noch nicht gespeichert werden. Dies gelang schließlich 1746 Pieter van Musschenbroek mit der Erfindung der "Leidener Flasche", dem ersten kommerziell nutzbaren Kondensator zur Speicherung statischer Elektrizität.
    • Um 1750 erkannte Benjamin Franklin (der spätere Mitverfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung), dass Blitze aus Elektrizität bestehen. Er führte erste Blitzableiter-Experimente durch, und gilt damit als Erfinder des Blitzableiters.
    • Um 1785 beschrieb Charles-Augustin de Coulomb mit Hilfe einer Drehwaage die Kraft zwischen elektrischen Ladungen: das "Coulombsches Gesetz", die Grundlage der Elektrostatik.
    • Mit Hilfe von Chemikalien erfand um 1800 Alessandro Volta die "Voltasche Säule", mit der ein kontinuierlicher Stromfluss erzeugt werden konnte: die erste Batterie. Im Unterschied zur Leidener Flasche erfolgte mit dieser Batterie die Entladung einer gespeicherten elektrischen Spannung nicht auf einmal, sondern kontinuierlich, wie ein fließender Fluss. Dies war die Erfindung des elektrischen Stroms. Mit Voltas Batterie war Strom nun nutzbar. Ein neues Zeitalter der Elektrizität begann. Ihm zu Ehren wurde das Maß der elektrischen Spannung später "Volt" genannt.
    • Mit Hilfe von Voltas Batterien entwickelte um 1802 Humphry Davy das erste elektrische Licht: die "Lichtbogen-Lampe". Da zu dieser Zeit allerdings noch keine leistungsfähigen elektrische Generatoren verfügbar waren, und der Abbrand der Kohlestäbe nur einen kurzen Betrieb im Bereich weniger Minuten erlaubte, blieb die Lichtbogenlampe in den folgenden Jahrzehnten noch ohne wesentliche praktische Bedeutung.
    • 1820 erkannte Hans Christian Ørsted, dass fließender elektrischer Strom Magnetismus erzeugt, was man später Elektromagnetismus nannte. André-Marie Ampère stellte dann Regeln für den Zusammenhang zwischen Elektrizität und Magnetismus her. Diese Entdeckung war das Startsignal einer ganzen Reihe von neuen Erfindungen im Umkreis der Elektrizität.
    • In Folge dieser Entdeckung konnte Michael Faraday in den 1820er-Jahren durch Nutzung des Elektromagnetismus und einem fixen Magneten mechanische Bewegung erzeugen, die "elektromagnetische Rotation", die Grundlage von Elektromotoren. Faraday entdeckte auch, dass dieser Vorgang auch umgekehrt erfolgen kann: durch Bewegung innerhalb eines magnetischen Feldes konnte elektrische Spannung erzeugt werden. Er entdeckte damit die "elektromagnetische Induktion", die Grundlage für Stromgeneratoren.
    • 1827 beschrieb Georg Simon Ohm den mathematischen Zusammenhang zwischen Spannung (U), Stromstärke (I) und Widerstand (R): I = U / R. Was heute banal klingt, war damals eine entscheidende Erkenntnis: je höher die elektrische Spannung ist, desto höher ist die Stromstärke, linear abhängig vom elektrischen Widerstand des übertragendem Mediums. Zum ersten Mal konnte dies nun beschrieben und berechnet werden. Ohm hatte viele Experimente benötigt, um diesen Zusammenhang zu erkennen.
    • Eine der ersten bedeutenden praktischen Anwendungen von Elektrizität war die elektrische Telegrafie, die ab den 1840er-Jahren die weltweite Kommunikation revolutionierte. Auf einmal konnten Informationen über weite Strecken innerhalb von Minuten oder gar Sekunden übermittelt werden, was bis dahin Tage, Wochen oder manchmal Monate dauerte. Das Prinzip der elektrischen Telegrafie war zwar schon länger bekannt, aber erst durch die Erfindung des Schreibtelegrafen von Samuel Morse auf Basis von elektromagnetischer Induktion, erfolgte der praktikable Durchbruch.
    • Aufbauend auf den Erkenntnissen von Ampère und Faraday formulierte ab 1864 James Clerk Maxwell die "Maxwell Gleichungen": ein System miteinander verknüpfter Differentialgleichungen, mit dem die Verbindung von Elektrizität und Magnetismus mathematisch beschrieben wird. Damit untermauerte er die Hypothese von der Identität von Elektrizität und Magnetismus mit einem mathematischen Modell.
    • 1879 entwickelte Thomas Edison die erste kommerziell nutzbare elektrische Glühlampe. Dies war der Startschuss einer breiten Elektrifizierung privater Haushalte und dem Entstehen eines öffentlichen Bewusstseins für das beginnende Elektrozeitalter.

    In unserer heutigen Welt ist Elektrizität nicht mehr wegzudenken. In den allermeisten Bereichen des Alltags spielt Elektrizität eine Rolle. Direkt oder indirekt. Fast alle unserer Alltagsprodukte entstehen heute mit Hilfe von Elektrizität.


    -----


    "Sei allein. Das ist das Geheimnis einer Erfindung, dort werden Ideen geboren."
    (Nikola Tesla)

    Nikola Tesla wurde 1856 in Smiljan geboren, einem kleinem Dorf im heutigen Kroatien. Sein Vater war ein serbisch-orthodoxer Priester, er wollte, dass Nikola später in seine Fußstapfen tritt. Nikola stand aber seiner Mutter näher, eine intelligente Frau, die aber weder lesen noch schreiben konnte. Sie war eine Hausfrau, und hatte viele Hilfsmittel für ihre alltägliche Arbeit selbst hergestellt. Sie war es, die Nikola zur wissenschaftlichen Arbeit inspiriert hatte.

    Tesla war frühreif, introvertiert und hatte eine Begabung für Sprachen und Mathematik. Er trotzte seinem Vater und begann 1875 Ingenieurswesen in Graz zu studieren, ohne allerdings einen Abschluss zu machen. Als Tesla nach zwei Jahren die Studiengebühren nicht mehr bezahlen konnte, musste er die Hochschule verlassen. Bis dahin hatte er Höchstnoten bekommen.

    Tesla hatte ein fotografisches Gedächtnis und eine starke visuelle Vorstellungskraft: "Ich brauche keine Skizzen. Wenn ich eine Idee habe, beginne ich sofort sie in meiner Fantasie zu konstruieren." In seinem Studium lernte er die Funktionsweise eines Elektromotors auf Gleichstrombasis kennen. Er registrierte dabei, dass an den Schleifkontakten laufend Funken sprühten. Er dachte "Was für eine Energieverschwendung!", und begann intensiv über einen effizienteren Induktionsmotor auf Wechselstrombasis nachzudenken. Als er seinen Professoren davon erzählte, bekam er zur Antwort, dass das nicht gehen könne, und es zwecklos wäre, sich darüber Gedanken zu machen.

    Nach dem Verlassen der Hochschule nahm Tesla diverse unterschiedliche Anstellungen an. 1882 begann er bei der französischen Niederlassung von Thomas Edisons Elektrizitätsgesellschaft in Paris zu arbeiten. Während all dieser Jahre dachte er weiter über einen Wechselstrommotor nach. Schließlich hatte er eine zündende Idee, wie dieser Motor zu konstruieren war. Tesla beschloss darauf 1884 nach New York zu ziehen, und bewarb sich dort um eine Anstellung bei Thomas Edison mit einem Empfehlungsschreiben seines Vorgesetzten aus Paris, in dem dieser Teslas Leistungen überschwänglich lobte: "Mr. Edison, ich kenne zwei geniale Männer, von denen einer Sie sind. Der andere ist der junge Mann vor Ihnen." Er bekam darauf die Stelle. Edison wollte allerdings von Teslas Wechselstrom-Ideen nichts wissen, da sein Unternehmen viele Gleichstrom-Patente besaß, und er eine Gleichstrom-Infrastruktur in New York aufgebaut hatte. Als darüber hinaus Tesla über seine Bezahlung unzufrieden war, verließ er nach einem halben Jahr Edisons Unternehmen.

    Tesla gründete zusammen mit Teilhabern ein eigenes Unternehmen, und entwickelte mehrere Patente zu Wechselstrom. Tesla war nun auf der Suche nach einem Investor, mit dem er seine Ideen umsetzen konnte. 1888 war es dann soweit. Auf einem seiner Vorträge zu seinem Wechselstrom-Induktionsmotor wurde der Industriemagnat George Westinghouse auf Tesla aufmerksam. Westinghouse beschäftigte sich zu dieser Zeit intensiv mit Wechselstrom. Mit Teslas Wechselstrom-Motor hoffte er, einen Durchbruch gegenüber Edisons Gleichstromsysteme zu erzielen. Er kaufte Tesla das Patent dazu ab, und dazu weitere Wechselstrompatente. Westinghouse wollte mit seinem Wechselstrom nicht nur Häuser beleuchten, sondern auch Industrieanlagen damit betreiben. Teslas Wechselstrommotor war also genau das, was in seinen Plänen fehlte. Tesla wurde darauf von Westinghouse als Berater eingestellt.


    -----


    "Wenn du die Geheimnisse des Universums finden willst, denke in Begriffen von Energie, Frequenz und Schwingung."
    (Nikola Tesla)

    Gleichstrom fließt nur in eine Richtung. Das große Problem: mit der Entfernung wächst der Widerstand in den Leitungen, worauf die elektrische Leistung schnell abfällt. Edison musste deswegen in New York alle 1,5 Kilometer ein Kraftwerk errichten, um seine Glühlampen in New York mit Gleichstrom zu versorgen.

    Westinghouse hatte die Schwachstelle von Edison erkannt. Er investierte deshalb in Wechselstrom, und kaufte mehrere Patente dazu, unter anderem die von Nikola Tesla. Wechselstrom ändert in schnellen Abständen seine Stromrichtung (z.B. 50 mal in der Sekunde). Im Unterschied zu Gleichstrom lässt sich Wechselstrom dadurch fast verlustfrei auf eine hohe Spannung transferieren. Bei einer hohen Spannung sinkt die benötigte Stromstärke bei einer bestimmten Leistung (I = P / U, mit einer vorgegebenen elektrischen Leistung P). Je niedriger die übertragene Stromstärke jedoch ist, desto geringer ist der Leistungsverlust durch die Stromübertragung (sogar quadratisch: I2 * R, bei fixem Widerstand R der Leitung). Bei einer hohen Spannung kann also Strom über weite Strecken mit nur geringen Verlusten transportiert werden. Am Ende der Leitungen kann der Strom dann wieder in eine niedrige Spannung zurücktransferiert werden. Westinghouse errichtete deshalb mehrere Wechselstrom-Kraftwerke außerhalb New York, wo die Grundstückspreise deutlich niedriger waren. Das war eine Kampfansage an Edison. Der Stromkrieg zwischen Edison und Westinghouse begann.

    Zwischen Edison und Westinghouse ging es zunächst um die lukrativen Verträge zur Beleuchtung von New York. Aber mittelfristig ging es um einen neuen Stromstandard: Gleichstrom oder Wechselstrom. Und damit um das Rennen, ganz Amerika mit Strom zu versorgen, und schließlich die ganze Welt.

    Beide Lager versuchten zunächst, einander mit Kostensenkungen zu überbieten. Edison war dabei überzeugt, dass sein Gleichstrom auch deshalb dem Wechselstrom überlegen war, weil er sicherer sei. Berührte jemand ein Gleichstromkabel von Edison, war das zwar schmerzhaft, aber relativ harmlos. Wechselstromkabel hingegen führten eine sehr viel höhere Spannung, und ihre Berührung konnte tödlich sein. Außerdem führt der Kontakt mit Wechselstrom zu Herzrhythmus-Störungen, Wechselstrom ist also schneller tödlich. Edison versuchte also, seinen Gleichstrom als das sicherere System zu propagieren. Er behauptete in der Öffentlichkeit, Wechselstrom sei deutlich gefährlicher als Gleichstrom. Er schlachtete deshalb jeden Arbeitsunfall bei Westinghouse aus, und jedes Feuer, das bei ihm durch einen Kurzschluss entstanden war. Das machte großen Eindruck, denn damals hatten viele Menschen Angst vor Elektrizität. Man konnte einen Schlag bekommen, oder sogar getötet werden. Die Vorstellung, diese Gefahr direkt nach Hause geliefert zu bekommen, schien deshalb irrsinnig. Die Waffe, die von Edison in diesem Stromkrieg eingesetzt wurde, war also die nackte Angst.

    Edison bezeichnete den Wechselstrom als "Todesstrom". Er ließ makabre Tierversuche durchführen. In öffentlichen Vorführungen wurden Hunde und Katzen Elektroschocks verabreicht, sowohl mit Gleich- als auch mit Wechselstrom. Es sollte damit demonstriert werden, dass Wechselstrom wesentlich schneller tötet. Edison schlug auch vor, Schwerverbrecher mit Wechselstrom hinrichten zu lassen. Seine Anwälte schlugen für diese Hinrichtungsart sogar einen neuen Begriff vor: "To be westinghoused".

    Letztlich entschied aber der Markt diesen Krieg. Bei den Niagara-Fällen wurde von Westinghouse ein Wasserkraftwerk errichtet, welches das 25 km entfernte Buffalo mit Strom versorgte. Für die Stromübertragung dieser Entfernung war Wechselstrom deutlich geeigneter und billiger als Gleichstrom. Das war die entscheidende Wende. Wechselstrom wurde zum Standard in den USA – und später in der gesamten Welt. Eine große Rolle spielte dabei auch das von Tesla entwickelte Zweiphasen-Wechselstromsystem und Teslas Wechselstrom-Motor.


    -----


    "Die Gegenwart gehört Ihnen. Die Zukunft, für die ich wirklich gearbeitet habe, gehört mir."
    (Nikola Tesla)

    Tesla war nicht nur ein genialer Erfinder, er sah sich auch als Unterhalter und Selbstvermarkter. Die Vorträge von Tesla waren meist keine trockene und langweilige wissenschaftliche Ausführungen, sie waren oft regelrechte Shows. Er wollte die Leute faszinieren. Aus seinen Händen ließ er Blitze zucken, er brachte Lampen wie durch Zauberei zum Leuchten. Auch machte er sich in Vorführungen selbst zur „Lichtgestalt“, indem er durch hochfrequente Wechselströme künstlich erzeugte Elmsfeuer an Kleidung und Haaren tanzen ließ. Er wurde dadurch als "Magier der Elektrizität" bekannt. Durch diese Vorführungen fand er neue Investoren, die seine Projekte finanzierten.


    Tesla inmitten einem Blitzfeuer

    1891 erfand er die Tesla-Spule, ein Hochfrequenz-Transformator, mit der Hochspannung erzeugt wird. Den Transformator setzte er oft in seinen Vorführungen ein. Er erlaubte es ihm, elektrische Energie in einem Raum kabellos zu übertragen und Leuchtstofflampen zum Scheinen zu bringen, ohne dass diese mit einem sichtbaren Stromkreis verbunden waren. Die Idee einer drahtlosen Energieübertragung sollte ihn zeitlebens nicht mehr loslassen. Später meldete er ein Patent hierzu an, was heute als das erste Patent der Funktechnik gilt.

    Ein wichtiger Wendepunkt in seinem Leben war die Begegnung mit dem Finanzier J.P. Morgan, der Tesla unterstützte, obwohl er seine Visionen nie in dem Maße verstand wie Westinghouse. Dank dieser Finanzierung baute Tesla auf Long Island ein neues Labor, um seinen nächsten Traum zu verwirklichen: die drahtlose Energieübertragung im globalen Maßstab. In seinem 57 Meter hohen Wardenclyffe Tower auf Long Island versuchte er sich nach der Jahrhundertwende an einem interkontinentalen drahtlosen Kommunikations- und Energiesender. Der Turm sollte nicht nur über den Atlantik funken, sondern auch drahtlos Strom in der Umgebung verteilen. An diesem Projekt biss Tesla sich allerdings die Zähne aus. Neben der technischen Umsetzung scheiterte das Projekt letztlich auch an der Finanzierung, die ihm Morgan irgendwann verweigerte, als er nicht mehr an einen Erfolg des Mammutprojekts glaubte.


    Wardenclyffe Tower

    Die Ideen von Tesla wurden immer fantastischer. So pries er z.B. einen vibrierenden Oszillator für die Hosentasche an, der angeblich Hochhäuser zum Einsturz bringen sollte. Oder einen Motor, der angeblich mit kosmischen Strahlen betrieben wird. Dann eine Strahlenwaffe, die angeblich jedes Land wie eine chinesische Mauer schützen kann. Er war auf der Suche nach Todesstrahlen, dem Traumprojektor oder der Kontrolle der Sonne. Doch nicht jede dieser Ideen erwies sich dabei als Lachnummer, viele zeigten sich als sinnvolle Ansätze, die spätere Forscher/innen inspirierte. So nahm er u.a. die Entwicklung des Radars vorweg. Er prophezeite tragbare Radios, und er meldete ein Patent für einen frühen Hubschrauber an.

    In den 1930er-Jahren wurde Tesla mit zahlreichen Ehrendoktorwürden bedacht, unter anderem von der Technischen Hochschule in Graz (in der Tesla studiert hatte), und von den Universitäten in Prag, Belgrad, Zagreb, Bukarest und Paris.


    -----


    "Ein Wissenschafler erwartet nicht, dass seine fortschrittlichen Ideen sofort aufgegriffen werden. Seine Pflicht ist es, das Fundament für die Nachwelt zu legen."
    (Nikola Tesla)

    Tesla nahm einige Erfindungen vorweg. So experimentierte er mit Röntgenstrahlen und machte damit entsprechende Aufnahmen - einige Jahre bevor Wilhelm Röntgen die Entdeckung veröffentlichte. Ein durchgängiges Muster bei ihm aber war, dass er Ideen präsentierte, die anschließend andere für sich beanspruchten. Als er einmal gefragt wurde, ob ihn das stören würde, witzelte er: "Es ist mir egal, dass sie meine Ideen stehlen. Mich beunruhigt, dass sie keine eigene haben."

    Das prominenteste Beispiel: 1893 stellte Tesla auf einer öffentlichen Vorführung das Grundprinzip des Rundfunks vor. Die technischen Grundlagen hierzu ließ er sich später patentieren. 1895 vernichtete ein Feuer allerdings seine bereits fertige Anlage. 1897 reichte er weitere Patentanmeldungen hierzu ein. Als Vater des Rundfunks gilt heute aber der Italiener Guglielmo Marconi. Das Problem von Tesla war, dass sein Kopf ständig vor neuen Ideen schwirrte. So arbeitete er oft an einem Dutzend Projekten gleichzeitig, entwickelte diese aber oft nicht mit der erforderlichen Intensität weiter. Als Tesla später gefragt wurde, was er von Marconis Ruhm halte, antwortete er höflich: "Marconi ist ein guter Kerl, lassen Sie ihn weitermachen. Er nutzt 17 meiner Patente."

    Später verklagte Tesla aber Marconi wegen Verletzung seiner Patente. Der Prozess zog sich über Jahrzehnte hin. Sechs Monate nach Teslas Tod erfolgte ein endgültiges Urteil: das oberste Patentgericht der USA erklärte Marconis Patent für ungültig, und sprach Tesla seinen rechtmäßigen Platz als Vaters des Radios zu. Doch da waren Teslas Beitrag zum Rundfunk längst vergessen, und nur wenige Verlage machten sich die Mühe, ihre Lehrbücher entsprechend dem Urteil zu aktualisieren.

    Kroaten und Serben streiten sich heute noch, wer Nikola Tesla für sich beanspruchen darf. Doch nichts schweißt die beiden Ethnien so sehr zusammen, wie ihre gemeinsame Wut auf Marconi und seine italienischen Landsleute, die Marconi als Erfinder des Radios verherrlichen. Wer in Zagreb oder Belgrad einen Aufruhr auslösen möchte, muss lediglich mit einem Plakat mit einem Loblied auf Marconi durch die Straßen ziehen...


    -----


    "Wenn du nur die Machart der 3, 6 und 9 wüsstest, würdest du die Energie besser verstehen."
    (Nikola Tesla)

    Tesla litt sein ganzes Leben lang unter psychischen Störungen. Er hatte Phobien, Zwangsvorstellungen, und viele Zwangshandlungen. So hatte er beim Essen das Volumen von Suppenschüsseln und Kaffeetassen immer im Kopf überschlagen. Beim Gehen zählte er immer seine Schritte. In einem Restaurant bestellte er zum Essen immer genau achtzehn Servietten dazu, um damit Besteck und Teller zu polieren. Und was er aß, musste extralang gekocht werden, weil er Viren und Bakterien fürchtete. Deshalb gab er Menschen auch nie die Hand, es sei denn, er trug Handschuhe. Diese Handschuhe trug er immer nur eine Woche lang, danach warf er sie wieder weg für ein neues Paar. Er hatte Panik, die Haare anderer Leute zu berühren. Er hatte Probleme mit Frauen, die Ohrringe oder Perlenketten trugen. Er hatte auch ganz allgemein Probleme mit Frauen. Er erklärte, er lebe bewusst enthaltsam, um seine ganze Energie der Wissenschaft zu widmen. Er wohnte immer im Hotel und nur in Zimmern, deren Nummern durch drei teilbar waren, und bevor er das Hotel betrat, ging er dreimal um den Block herum. Überhaupt spielte die Zahl Drei eine große Rolle in seinem Leben. Das Hotel in dem er eine Zeit lang wohnte, war 30 Blocks von seinem Labor entfernt, das in der South Fivth Avenue 33-35 lag. Je älter er wurde, desto sonderlicher wurde er. In den letzten Jahren vor seinem Tod lebte er mit einer weißen Taube zusammen, zu der er eine innige Beziehung hatte.

    Aber trotz innerer Probleme und Distanz zu den Menschen war Tesla ein Humanist. Diejenige die ihn kannten, sprachen von einem Gentleman, einem Dichter, Philosophen, Liguisten, Kenner der Musik, exquisiter Küche und sogar Romantik. Er legte großen Wert auf sein Äußeres, war stets korrekt und elegant gekleidet, mit einer sorgfältig gestalteten Frisur.


    Tesla in feiner Gesellschaft

    Edison, Westinghouse, J.P. Morgan - Tesla überlebte sie alle. Er starb 1943 im Alter von 86 Jahren, einsam und verarmt. Seinen Leichnam fand man in einem Hotelzimmer, drei Tage nach seinem Tod.

    Doch mit seinen epochalen Leistungen ist Nikola Tesla unsterblich geworden. Erfolge mit seinen Ideen und Techniken feierten jedoch meist andere. Für viele gilt er dennoch als der Erfinder des 20. Jahrhunderts. Nicht wenige zählen seinen Induktionsmotor zu den bedeutendsten Erfindungen aller Zeiten. Es sind die Erfindungen Teslas, die heute in Radios, Fernseher, Mobiltelefonen und vielem mehr stecken. Er prägte unsere Welt, wie es nur wenige taten.


    -----

    Liste der Persönlichkeiten

    -----

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass der Lach-Smiley ^^ als Reaktionstyp wieder möglich sein soll. :)