Nettes Wettrennen mit guten Mechanismen, aber zu viel Punktesalat

In „First Rat“ wollen wir mit unseren Ratten auf den Mond fliegen. Deswegen gibt es ein Wettrennen, welche Ratte zuerst in der Rakete sitzt. Aber nicht nur das gibt Punkte, auch der Bau der Rakete aus Getränkeflaschen, leeren Büchsen, Backpulver und Taschenrechnern kann lukrativ sein. Und natürlich brauchen die Ratten für den Flug auch ganz viel Käse als Nahrung. Der Weg vom Start bis zur Rakete ist lang und sehr ressourcenträchtig. Auf jedem Feld gibt es entweder Käse, Getränkeflaschen, Blechbüchsen, Backpulver oder Taschenrechner, die, wie oben erwähnt, für den Flug benötigt werden. Daneben gibt es noch zwei andere Ressourcen: Zum einen Glühbirnen. Mit denen wird der Weg zur Rakete für jeden Rattenclan einzeln erleuchtet und bringt eine extra Ressource beim Einsammeln. Und es gibt Felder mit Apfelkerngehäusen, die eine kleine Ratte in einem Rundkurs laufen lässt. Überschreitet diese manche Felder, erhalte ich besondere Dauerboni, neue Ratten zum Laufen oder einfach nur Siegpunkte. Das Spiel endet, wenn eine Spielerin alle ihre vier Ratten in der Rakete platziert hat oder wenn jemand alle seine acht Wertungssteine untergebracht hat.


Thematisch fand ich „First Rat“ schön umgesetzt. Die Idee, dass Ratten auf den Mond fliegen wollen, ist neu und toll, ebenso wie die Ressourcen, die sie für den Raketenbau nutzen. Da kann ich auch darüber hinwegsehen, dass Ratten in der Realität gar nicht so viel Käse essen (dürfen). Grafisch und von den Komponenten her hat mir „First Rat“ gefallen. Dennis Lohausen hat viel Liebe in die Illustrationen und die Grafik gesteckt. Auch mechanisch wusste „First Rat“ mich zu überzeugen. Die Anordnung der Felder ist genau so, dass ich gerade nicht einfach immer den für mich optimalen Zug machen kann, sondern auch mal mit Notlösungen leben musste. Das Freischalten neuer Ratten über die kleine Ratte fand ich auch sehr schön. Etwas schade fand ich, dass die Dauerboni gefühlt nach zwei Runden weg waren. Fast jeder stürzte sich sofort auf die Bonusplättchen. Der spätere Spielverlauf zeigte auch, dass diese sehr mächtig sind. Die Wahl, ob ich eine Ratte bis zu fünf Felder oder alle Ratten bis zu drei Felder (mit gleicher Feldart als Ziel) ziehen will, stellte sich bei uns kaum. Vier Ratten auf dem Spielfeld werfen halt mehr Ressourcen ab als eine einzelne.


Positiv, aber gleichzeitig auch negativ sehe ich die verschiedenen Punktemöglichkeiten an. Es ist natürlich schön, wenn ich auf mehreren Wegen punkten kann. So kann ich meine Strategie jede Partie etwas anpassen und Neues ausprobieren. Leider führt das aber auch dazu, dass am Ende ein Punktesalat mit Rechenorgie ansteht. Neun Wertungen gibt es und diese für fünf Spielerinnen durchzugehen, dauert seine Zeit. Manch einem am Tisch sah ich direkt an, wie dabei die Lust am Spiel und am Endergebnis verging. Zusätzlich gibt es nur die Endwertung. Es war mir während der Partie absolut unklar, wer gerade wo steht (auch wenn ich es für jeden langwierig hätte ausrechnen können) und das mag ich nicht. Ich habe zumindest gerne eine grobe Ahnung, wer führt, ansonsten fühlt sich ein Sieg so zufällig an. Und das ist ein weiterer Kritikpunkt an der Punktevielfalt: Ich gewann mit weitem Abstand mit 93:77:53:48:48 Punkten. Und das, obwohl ich nur eine Ratte in der Rakete sitzen hatte und rein gar nichts zum Raketenbau beitrug. Ich sammelte nur Käse und nahm mir drei Siegpunktplättchen (in Form von Kronkorken), was wohl eine sehr gute Strategie zu sein scheint. Es ist aber schade, dass es mir bei einem Spiel, bei der es um den Flug von Ratten zum Mond, egal ist, ob wir zum Mond fliegen oder auf eine Schiffsreise gehen oder nur Käse für den Winter sammeln.


Meine Strategie war dabei auch reiner Zufall, was ich ebenfalls als kleinen Kritikpunkt sehe. Ich bekomme vom Spiel nichts an die Hand, um mich in der Erstpartie zu leiten. Alle Optionen stehen mir offen, was meine ersten paar Züge sehr lang werden ließ. Hier fühlte ich mich von der Optionsfülle erschlagen. Ich bevorzuge Spiele, die mich auf irgendeine Art zumindest anfänglich in eine Richtung schubsen. Und wenn ich dann sicher laufen kann, erkunde ich gerne eigene Wege. Mir kam das Holen von Ressourcen für den Raketenbau jedenfalls zu aufwändig vor, sodass ich mich nur auf die Käsefelder konzentriert habe.


Die Interaktion der Spielerinnen ist sehr gering, auch wenn es ein Wettrennen ist. Dadurch, dass es neun Wertungsbereiche mit Siegpunkten gibt, verteilt sich das Ganze sehr „gut“ auf dem Spielfeld. Einige bauen die Raketen, einige nehmen darin Platz, einige liefern Käse. Auch wenn ich die Besitzer der Ratten auszahlen muss, wenn ich ein blockiertes Feld nutzen will, kamen wir uns kaum in die Quere. Einzig die zuvor erwähnten Bonusplättchen waren sehr schnell weg. Eigentlich machte jeder, was er für richtig hielt, und am Ende gewann dann irgendjemand.


In Summe hat mir „First Rat“ aufgrund der Kritikpunkte nicht so gut gefallen. Es ist kein schlechtes Spiel und hat mich eine Stunde auch unterhalten, aber ich bräuchte keine zweite Partie. Wenn es aber auf den Tisch käme, würde ich sicher wieder mitspielen und dann etwas anderes versuchen als nur Käse zu sammeln.